O sancta simplicitas!

Klandestin Jürgen Roth und Curzio ­Maltese haben zwei Sachbücher geschrieben, in denen sich erschreckende Gemeinsamkeiten zwischen Mafia und katholischer Kirche auftun

Bei all den Fällen von Korrup­tion, Steuerhinterziehung, Betrug und Gier in den Bank- und Konzernetagen, die in der letzten Zeit die Schlagzeilen bestimmten, wurden einige übliche Verdächtige, die in der Vergangenheit auf diese Praxen abonniert waren, in den Hintergrund gedrängt – unverdient, wie die Lektüre lehrt. Die Mafia steht kontinuierlich im Fokus, nicht zuletzt wegen der Wandlungsfähigkeit und Beharrlichkeit, mit der sie den jeweiligen Geldströmen nachläuft. Aber was macht eigentlich der Vatikan? Einige dürften sich noch an den feinen Erzbischof Marcinkus erinnern, der sich im Kirchenstaat verschanzen musste, um nicht eingelocht zu werden. Unter seiner Leitung soll die Vatikan-Bank an diversen illegalen Geschäften, an Waffen-, Kokain- und Geldwäschedeals beteiligt gewesen sein.

Seitdem ist es ruhig geworden um die Piaster des Papstes und seiner Kohorten. Das Buch des italienischen Journalisten Curzio Maltese, bekannter Leitartikler von La Repubblica, könnte das ändern. Allerdings haben es Rechercheure wie er nicht leicht. Die Vatikanbank genießt das absolute Bankgeheimnis, deshalb ist Maltese auf Hinweise, Indizien und ein paar kleine Durchblicke angewiesen. Immobilienbesitz zum Beispiel ist ein gut gehütetes Geheimnis. Aber als die Erdiözese Boston einmal in einen Engpass geriet – es mussten Pädophilenopfer abgefunden werden –, konnten binnen kurzem Immobilien im Wert von 200 Millionen Dollar veräußert werden.

Ein Viertel von Rom

Der Kapitalismus ist in der Krise, aber wenigstens der Buchmarkt wird durch Empörungswerke allerlei Art angekurbelt. Vieles kommt raus, kann nicht länger geheim gehalten werden. Schurkenstaat Schweiz?, Der Crash des Kapitalismus – Titel wie diese locken jetzt in Buchhandlungen die Käufer. In diesem Ensemble darf der Vatikan nicht fehlen, schließlich kann hier gelernt werden, wie man zu was kommt. Immobilienbesitz zum Beispiel ist ein Dauerbrenner. Maltese hat zugehört, wie der Papst die Kommune Rom geißelte, weil die römische Durchschnittsfamilie und erst recht die ärmeren, kinderreichen Familien ihre Mietwohnungen nicht mehr bezahlen könnten.

Nun ist Maltese aber auch ein Kenner der vatikanischen Besitztümer. Er weiß, dass dem katholischen Klerus etwa 25 Prozent von Rom gehören. (Restitalien: geschätzte 20-22 Prozent.) Außerdem hat er herausgefunden, dass diese ehrenwerte Gesellschaft gerade eine Offensive gestartet hat, um aus den vatikaneigenen Mietwohnungen die ärmeren Mieter hinauszudrängen und Vermögendere anzuwerben. Dreistigkeit im Verbund mit Raffgier hat schon so manches große Vermögen geschaffen.

Erschleichen von Steuervorteilen – da macht dem stets bestens organisierten Vatikan keiner etwas vor. Still und heimlich hat er sich zu einem der größten Tourismusveranstalter der Gegenwart gemausert. Immobilien hat er genug. Weil sie von der Kirche immer weniger genutzt werden können (immer weniger Mönche und Nonnen, verwaiste Klöster), stehen sie leer, werden mit Steuergeldern modernisiert und unterhalten, um dann an Touristen vermietet zu werden. Steuerfrei. Laut italienischem Gesetz muss nur ein religiöser Anbau vorhanden sein, sagen wir, eine kleine Kapelle, und das Unternehmen muss keine Steuern entrichten: null, nichts, rien, nada. Den Konkurrenten in der Tourismusbranche muss das als reines Wunder erscheinen. Weil nicht genug kostenfreies Personal verfügbar ist (immer weniger Nonnen und Mönche), wird glaubensfernes Personal eingestellt. Für dieses gilt dann wieder die einfache Ausbeutungsregel – nur fast umsonst statt ganz umsonst arbeiten. Maltese hat viele Beispiele für empörungsfähige Praxen dieser Art. Wer noch glaubt, der Klerus legitimiere seine Existenz durch Wohltätigkeit, gute soziale Werke aus Kirchenmitteln, Spenden für die Armen, die Katastrophenopfer – o sancta simplicitas!

Kardinäle und Investoren

Eine Episode aus Malteses Buch ist besonders schön. Darin geht es um die Wasserversorgung des Vatikans. Die ist kostenlos. Für den Vatikan. Nun gibt es aber den Neoliberalismus. In ihm werden Wasserwerke gerne privatisiert. Die privaten Betreiber wollen dann die Wasserabnehmer ausnehmen. Da neoliberale Investoren keine Samariter sind, wollten sie auch vom Vatikan Geld für‘s Wasser haben. Na, da war das Geschrei aber groß. Hier ist diese informative Publikation einmal zu kritisieren. Über diese Verhandlungen von neoliberalen Investoren und zuständigen Kardinälen hätte man gerne mehr erfahren. Aber die Lehre ist leider, dass, wenn zwei Schurken sich befehden, die Guten trotzdem nicht gewinnen. Am Ende zahlte die römische Gemeinde die Schulden des Papstes, der wieder unbeschwert auf Kosten der gemeinen Steuerzahler planschen konnte.

Informativ ist auch ein zweites Buch, das seine Wurzeln in Italien hat. Jürgen Roth kennt aus eigener Anschauung die kleinen Dörfer und Gemeinden Süditaliens, aus denen Mafia, Camorra oder ’Ndrangheta ihre geheimen Fäden in die Welt spinnen. Er hat mit den dortigen Sicherheits- und anderen Organen, die mit der Verbrechensbekämpfung beschäftigt sind, gesprochen und sich vor allem über mafiose Tätigkeiten auf deutschem Boden informiert. Die neuen Bundesländer erwiesen sich erwartungsgemäß als guter Boden für eine italienische Mafia, die dem Bild entspricht, das bereits 1990 der Kinofilm Der Pate III zeichnete. Die Strategie, kriminell erwirtschaftete Gelder in legale Kreisläufe einzuspeisen, funktionierte auch hier nach 1989 bestens. Mit Unverständnis reagiert der Autor auf den Unwillen deutscher Behörden, das Problem zuerst überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und dienstübliche Ermittlungen aufzunehmen: Mit allen Mitteln wird vertuscht, verschleiert, wenn es um sachgerechte und nachhaltige Aufklärung der Mafia, in diesem Fall der italienischen Mafia in Deutschland, geht. Gründe mag es viele geben. Männerfreundschaften, Unkenntnis des Ausmaßes, in dem hierzulande Geld verschoben, Immobilien verdealt oder Schutzgelder erpresst werden. Beamte von Sonderkommissionen werden versetzt oder abgeschoben, wenn unliebsame Erkenntnisse auftauchen; die Mafiaconnection des Herrn Oettinger, der erklärte, schon seit Langem zu wissen, dass M. vielleicht nicht nur mit Pizza sein Geld verdient, der Carelli-Clan in Frankfurt, Pizzerien und Restaurants in Mülheim, Gemeinden auf dem Vogelsberg mit hohem Mafiaaufkommen, – das sind nur ein paar Schlaglichter aus diesem Buch.

Roth belässt es bei den konkreten Fällen. Theoretische Erkenntnisse wie sie Misha Glenny in McMafia oder Moses Naim in Schwarzbuch des globalisierten Verbrechens mit den aktuellen Erscheinungsformen des organisierten Verbrechens verbinden, Reflexionen über den Zusammenhang von mafioser Praxis und Neoliberalismus, sind seine Sache nicht. Jürgen Roth ist der Sachbuchautor, der wie ein Kommissar vor Ort recherchiert. Aber seine Berichte sind alarmierend. In Berlin haben sich sechzig Berliner Restaurantbesitzer zur Initiative Mafia? Nein Danke vereinigt, um Brandanschlägen und Schutzgelderpressungen besser Paroli bieten zu können. Wie es scheint, ist diese Graswurzel-Kooperation oft aussichtsreicher als der Gang zu den Behörden.

Scheinheilige Geschäfte. Die Finanzen des VatikansCurzio Maltese Kunstmann, München 2009, 158 S., 16,90

Mafialand DeutschlandJürgen Roth Eichborn, Frankfurt am Main 2009, 320 S., 19,95

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15:25 09.07.2009

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