O Tannentraum

Alltag Vom Weihnachtsbaumverkauf "frisch vom Acker" auf dem niedersächsischen Land

Was ich wirklich an Weihnachten mag, ist Weihnachtsbäume zu verkaufen. Weihnachtsbäume sind eine einzigartige Ware. Ein Christbaum ist ein Stück Wildnis fürs Wohnzimmer, und deshalb gehört es dazu, sich ein wenig die Hände schmutzig zu machen, wenn man ihn abschlachtet und zur Dekoration erklärt. Meine Familie verkauft Weihnachtsbäume frisch vom Acker, solange ich denken kann. Sie sind harzig und stechen. Sägt man zwei Tage lang Fichten, sind die Hände zerstochen, sägt man noch länger, spürt man es nicht mehr. Sie stehen im Gras und sind feucht, wenn es geregnet hat. Geht man zwischen den Reihen entlang, macht man sich die Kleider nass.

Unsere Kunden kommen schon seit Jahren, einige seit Generationen. Manch einer ist mit unseren Bäumen groß geworden. Für die Kinder ist unser Acker mit Fichten der weihnachtliche Märchenwald, und das Aussuchen des Baums ist ein Ritual. Da gibt es eine Familie, deren Töchter sind längst erwachsen und wohnen auswärts, aber immernoch wählen sie alljährlich mit ihrem Vater den Weihnachtsbaum aus. Die Tradition dieses Familienausflugs ist weit über zwanzig Jahre alt. Früher kamen die Mädchen zum ersten Advent mit den Fahrrädern angeradelt, um ihren Baum zu markieren. Jedes Mal hatten sie ihrer Fichte ein Bild gemalt, in dem irgendwo der Familienname zu lesen war. Dieses wurde, sicher in einer Klarsichthülle verpackt, mit einem bunten Band in den Zweigen aufgehängt und kurz vor Heiligabend samt Baum wieder abgeholt.

Auch andere reservieren sich ihren Weihnachtsbaum bereits Wochen vor dem Fest. Von Ende November an häufen sich an den Ästen die Erkennungsmarken. Manche hängen alte Socken auf, andere ausgewaschene Joghurtbecher oder farbige Schleifen. Profis haben ihre Namen in Holzschilder eingestanzt, die sie mit Draht anbringen und alle Jahre wieder verwenden. Es gibt Pappschilder, auf denen der Regen die Namenszüge verschmiert, und es gibt Schlingel, die heimlich Schilder austauschen. Diese jedoch scheitern - weil wir spätestens zehn Tage vor Weihnachten auswendig wissen, welches Bäumchen welchen Erkennungsgruß von welchem unserer Stammkunden trägt.

Wenn neue Kunden Christbäume frisch-vom-Feld begehren, erkenne ich sie im ersten Augenblick. Mit großen Augen stapfen sie auf dem Acker umher, bewunderen unsere naturwüchsigen Fichten, und ich weiß bereits, dass sie nicht abschätzen können, welcher Baum in ihre Wohnung passt. Selbst erfahrene Weihnachtsbaumkäufer scheitern oft an dieser Abstraktion. Zwischen großen und noch größeren Tannen, wirkt ein 1,80 Meter Baum winzig. Die Staunenden beschreiben mir nun ihre Wohnzimmer, und ich behalte das Fassungsvermögen ihres Kofferraums im Auge. Unter Umständen behalte ich wenig später auch ihre Großmütter oder Ehepartner - weil diese Familienmitglieder zusammen mit dem erworbenen Weihnachtsbaum nicht mehr ins Auto passen. Bis sie wieder abgeholt werden, muss ich mit ihnen ein wenig Smalltalk betreiben. Meist wollen sie wissen, wie alt die Bäume sind, und ob ich nicht auch finde, dass das Wetter weihnachtlicher sein könnte. Kein Schnee, und das kurz vor dem Fest. Menschen, die sich erinnern, dass ich schon als Kind zwischen diesen Bäumen und meinem Großvater zwischen den Beinen herumgelaufen bin, fragen mich in diesen Momenten, ob ich bald aus der Schule komme. Wenn sie mitgerechnet haben, fragen sie nach dem Beruf oder stellen die Immer-noch-nicht-verheiratet-Frage. Wir leben auf dem Land, da will man so etwas wissen. Zumal, wenn man seit Jahren kommt und den Großvater schon kannte, der seine Preise nicht nach Baumgröße, sondern nach Schönheit kalkulierte. Wir haben seine Kriterien niemals begriffen und riefen ihn immer, damit er den Baum taxieren und nach einigem Abwägen mit fester Stimme einen Preis nennen konnte.

Den eigentlichen Kick verschafft mir alljährlich die Beratung beim Auswählen des richtigen Baums. Die wenigsten wissen, was sie wollen - dass sie etwas wollen - und wozu das alles überhaupt. Den Baum aus zu suchen gerät oftmals zu Suche nach dem Sinn. Familienfest - wozu eigentlich? Über Familienverhältnisse erfährt man viel in dieser Zeit. Es gibt unentschlossene Frauen, die die Baumsuche für Männersache halten, jedoch allein los ziehen müssen, weil die Männer sich weigern, und es gibt losgeschickte Ehemänner, die im Grunde gar keine Lust haben auf den Weihnachtsbaum. Beide Gruppen sind schwierig. Beiden jedoch kann man nach einer Weile kurz entschlossen sagen: "Der Baum dort ist doch hübsch." Noch zwei, drei wohlüberlegt klingende Argumente, weshalb es dieser Baum und kein anderer sein soll, und die Sache ist geritzt. Säge angesetzt: Die Entscheidung fällt mit dem Baum.

Ähnlich ist es mit den Paaren, die zusammen kommen, obwohl einem von beiden eben klar geworden ist, dass er oder sie eigentlich doch keinen Christbaum haben möchte. Und diese Verweigerung nun kund tut - obwohl es schon fast zu spät ist. Auch in diesem Fall fälle ich nicht nur den Baum, sondern auch die Entscheidung. Beim Spaziergang durch die Tannenreihen schwanke ich mitunter , ob ich ihnen zu diesem oder zu jenem Bäumchen oder doch lieber Scheidung raten soll. Nach dem zwölften, dreizehnten, fünfzehnten Baum in geeigneter Größe ("Wie ist denn der? Oder hätten Sie es doch gerne etwas fülliger?") haben sich diese Paare so tief in ihren Streit verstrickt, um Weihnachten und ob man zum Fest eine Fichten töten soll, um die Beziehung, die Erwartungen an´s Leben und die gemeinsame Zukunft ansich, dass man sie eigentlich stehen lassen möchte, um sich anderen Kunden zu widmen. Ein Glücksfall, sollten welche in der Nähe sein: "Schauen Sie sich doch selbst ein wenig um, ich glaube, ich werde da hinten mit der Säge gebraucht." Meist trotte ich aber mit Säge, Astschere, Zollstock und Torftüte weiter vor den bockigen Ehefrauen her, die sagen, was sie schon immer über ihre Männer zu sagen wussten, sonst aber nur in deren Abwesenheit beim Kaffeeklatsch Kund tun und nun den Rücken meiner Regenjacke als Ansprechpartner verwenden. Betreten gehen die Männer neben ihnen. Manch einen lasse ich anschließend seinen Baum selbst absägen - zur Wiederherstellung seines Selbstwertgefühls, obwohl ich die Säge sonst niemals aus der Hand gebe.

Allerdings dürfen nur Männer selbst sägen, die älter als geschätzte vierzig sind. Jüngeren gebe ich keine Säge in die Hand - zumal, wenn sie junge Familien haben. Das hat mehrere Gründe: Unter Umständen fällen diese Männer zum ersten Mal im Leben einen Baum. Das wäre nicht schlimm, wollten sie nicht, nach allem, ihre Partnerin beeindrucken - was zwar rührend ist, aber lebensgefährlich. Da stellt die Frau sich in Fallrichtung des Baumes, der Sohn reißt sich von ihrer Hand - stürmt zum Vater, der gerade mit enormem Schwung die Bügelsäge nach hinten zieht, den Sohn trifft, der nach hinten kippt und brüllt, Mutter will trösten, Baum fällt ... Nein, keine Säge für junge Männer in dieser kritischen Lebensphase. Kleinfamilien sage ich stets genau, in welche Richtung der Baum fallen wird, dass sie sich bitte möglichst still auf die andere Seite stellen und nicht an den Zweigen ziehen möchten. Dann schiebe ich die Torftüte unter den Baum, und wenn ich im nassen Gras auf der Tüte knie und die Säge durch den Stamm ziehe, beantworte ich artig alle Fragen: Wie alt der Baum wohl ist, und ob das Wetter nicht weihnachtlicher sein könnte. Ich sage ihnen nicht, dass ich mir Frost, Schnee und Ostwind vor Heilig Abend um 16 Uhr verbitte. Denn bis zu diesem Zeitpunkt ist mit Spätentschlossenen zu rechnen.

Spätentschlossene stehen manchmal noch am 24. Dezember um achtzehn Uhr vor unserer Haustür und wollen unbedingt einen Baum kaufen, jetzt auf der Stelle. Achtzehn Uhr - das seien doch normale Geschäftsöffnungszeiten! Nur - auf dem Acker ist es um diese schon Zeit dunkel. Ja, ja, bestimmt. Sie sehen es ja. Diese Kunden versprechen einem dann, beim Sägen die Taschenlampe zu halten. Nun gut. Weil Sie es sind. Und wenn es dann soweit ist, wenn man im Taschenlampenschein vor einer Fichte steht und bereits dreimal beteuert hat: "Glauben Sie mir, die Nadeln dieses Baumes haben einen Gelbstich bei Tageslicht, ja, ich bin mir sicher, obwohl man es nicht sieht, wenn es dunkel ist". Wenn ich dann trotzdem die Säge ansetzen soll, dann schweifen die Kunden mit der Taschenlampe rechts und links über die Zweige, fragen nach dem Alter der Bäume, und ob ich nicht auch finde, das Wetter könne weihnachtlicher sein. Dann säge ich. Und gönne ihnen die gelben Nadeln. Weihnachtsbäume sind eine einzigartige Ware. Ein Stück Wildnis fürs Wohnzimmer. Da können die Nadeln schon mal bräunlich sein.

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