OASE

KEHRSEITE Auf meinem Weg zur Arbeit fielen mir irgendwann die großkopierten Menüpläne an den schmutzigen Scheiben im Erdgeschoss des Finanzamtes auf. Seitdem ...

Auf meinem Weg zur Arbeit fielen mir irgendwann die großkopierten Menüpläne an den schmutzigen Scheiben im Erdgeschoss des Finanzamtes auf. Seitdem esse ich fast täglich dort. Beim Betreten des Amtes immer der Kontrast zur lauten Straße. Ich gucke mir beim Warten auf den Fahrstuhl den Wegweiser an. Buchstaben E - Fu Zi. 2120, Achtung, seit 14.6.1999 finden im hinteren Bereich keine Sprechstunden mehr statt, Steuerformulare werden nicht zugeschickt. Der Fahrstuhl braucht lange. Es zieht, halbabgerissene Mitteilungen flattern an schwarzen Brettern.

Im 4. Stock dann den Flur mit dem 25 Jahre alten Ölfarbanstrich entlang, immer dem Geruch nach. Die zwar frischen, aber doch schon gilbenden Plakate der ÖTV/ver.di. Ganz selten mal ein Mensch. Hinter den vielen Türen kaum ein Geräusch. Vor allem im Winter war es so still, dass ich manchmal dachte, hier sei gar kein Finanzamt mehr. Jetzt sehe ich aber doch ab und zu mal Leute in eigens dafür eingerichteten kleinen Küchen Kaffeetassen abwaschen.

Die Kantine: Braune Polsterstühle, schmuddlige Lampen, verblichene, grüne Tischdecken. Eine bessere MITROPA-Einrichtung, Erfurt Hauptbahnhof 1982. Alle Wände voll mit Kunst. Echte Schinken, von mir unbekannten Leuten gemalt. Alle sechs Wochen wechseln die Ausstellungen. Die Bilder mit Preisen nie über 1.000 DM. Ein Baum in den vier Jahreszeiten, unter dem eine Katze etwas für die jeweilige Jahreszeit Typisches macht. Eine nackte Frau, die aus dem Fenster guckt, ihre spitze Brustwarze stößt aufs Fensterbrett. In einer Ecke ein unverkäufliches Gefäß aus Glas mit gefärbtem Wasser, das irgendwie immerzu hochgequirlt wird und in dem Plastikfische schwimmen. Plakate des "Afrika-Safari"-Clubs. Immer, nicht nur zur Faschingszeit, Girlanden an der Decke.

Sechs bis acht Essen gibt es, bezahlbar, nichts Exotisches, ein paar Tageszeitungen hängen aus. Ein Koch mit immer fettigen Haaren nimmt das Geld ab, sagt kein Wort zuviel.

Das Finanzamt liegt in einem der ärmsten Bezirke Berlins. Auch ohne das zu wissen, sieht man es nach kurzer Zeit in der Kantine. Alte, miefige Leute kaufen sich den billigen Eintopf und lassen sich noch was in Plastikschüsseln füllen, "für ahms, wissense?". Gruppen von Behinderten essen da mit ihren Betreuern, Menschen mit schlechten Zähnen, Männer über 60 mit Ohrring, Lederhose und Schnauz, Harley-Männer mit Bäuchen bis sonst wo, graue, ältliche Leute und zwischen all denen manchmal, selten, Exemplare, die Finanzbeamten ähneln. Aber wie sieht der Finanzbeamte aus? Wenn ich in der Schlange an der Essenausgabe mal was Steuertechnisches höre, gucke ich genau hin: Meist ist der Sprecher von den anderen Gästen kaum zu unterscheiden.

Wir fühlen uns alle relativ wohl, ich glaube, nach einem halben Jahr gehöre ich nun dazu. Wir hängen in Gedanken versunken über unseren Tellern und genießen die Pause. Eine Mahlzeit lang raus aus allem, ich jedenfalls, eine Mahlzeit lang unter Leuten, die man sonst fast nicht mehr sieht. Und wenn, dann nerven sie, wollen Geld oder halten Plakate hoch, auf denen steht, dass die Welt bald untergeht. Hier will keiner was vom anderen. Jedesmal bedaure ich es, aus diesem Fotoalbum aussteigen zu müssen, wenn meine Pause um ist.

In den Zeitungen sehe ich andere Fotos. Ariane Sommer trägt einen Stetson, wenn sie nachts unterwegs ist. Angela Merkel sitzt hinter einem riesigen MG und lächelt, wie man sie sonst nie lächeln sieht. Bilder von Leuten, die mittags in einen öffentlichen Schlafsaal gehen, was ganz viele Journalisten ganz wichtig finden. Bilder aus Berlin-Mitte, da ist das Leben. Morgens, wenn ich dort lang fahre oder umsteige, gehen alle bei Rot über die Straße. Die vielen unterschiedlichen künstlichen Gerüche der Menschen vereinigen sich zu einem Mief, der über der ganzen Szene liegt. Die Frauen tragen Röcke über Hosen. Mittags gibt´s keine Kantine, dafür aber Call-A-Stulle. Was für eine Gegend!

In der Oase des abgefuckten, vielleicht stillgelegten Finanzamtes kommt mir das alles immer feindlicher, fremder und seltsamer vor.

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00:00 25.05.2001

Ausgabe 42/2021

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