Oase der Meinungsfreiheit

China In der Pekinger Buchhandlung Sanwei herrscht das offene Wort. Nur wenn Parteikongress ist, vermeidet man die heiklen Themen

Die Soziologieprofessorin Guo zitiert aus George Orwells’ 1984, in dem ein allgegenwärtiger Staat nicht nur seine Bürger überwacht, sondern die Geschichte ständig zu seinen Gunsten umschreibt. Ihren Zuhörern erklärt sie, dass eine korrekte Geschichtsschreibung wichtig sei und dass die Chinesen zu wenig über die vergangenen 60 Jahre Volksrepublik wüssten. Die rund 60 Besucher hören aufmerksam zu. Sie sitzen im ersten Stock der Sanwei Buchhandlung, in einem grauen Backsteinhaus in Pekings Westen. Eine ehrenamtliche Helferin geht von Tisch zu Tisch und schenkt Tee nach.

Vor 21 Jahren hat der Inhaber von Sanwei, Li Shiqiang zusammen mit seiner Frau Liu Yuansheng Chinas erste private Buchhandlung nach der Kulturrevolution gegründet. Im Erdgeschoss verkauft Li Bücher und im ersten Stock veranstaltet er jeden Samstag Vorträge und Diskussionen – meist zu heiklen politischen Themen. „Mittlerweile wissen wir mit der Partei umzugehen“, sagt der 61-jährige. „Wenn zum Beispiel ein Parteikongress stattfindet oder auch am Jahrestag des Tiananmen Zwischenfalls, diskutieren wir eben über harmlosere Themen.“ Natürlich spreche man auch über Tiananmen, aber eben nicht gerade an dessen Jahrestag. Denn wenn der Laden geschlossen werde, habe auch niemand etwas davon.

Die Behörden tolerieren den Buchladen und seine Veranstaltungen inzwischen. Das war nicht immer so, sagt Li, der politisch oft angegriffen wurde und während der Kulturrevolution sieben Jahre im Gefängnis verbrachte. Vor allem in den Jahren nach dem Tiananmen Massaker von 1989, musste er auf Druck der Behörden etliche Vorträge absagen.

Für die heutige Rednerin, Soziologieprofessorin Guo sind Veranstaltungen wie die in der Sanwei Buchhandlung wichtig, um gewöhnliche Chinesen abseits der offiziellen Parteilinie zu informieren. Wie die anderen Redner verzichtet auch sie auf ein Entgelt und tritt gratis auf. In den offiziellen Medien hätten alternative Meinungen keinen Platz, alles mit der Begründung, dass die Harmonie der Gesellschaft gewahrt werden müsse, sagt Guo. Dabei sei wahre Harnmonie doch, wenn wie hier es verschiedene Stimmen gebe, und über ein Thema offen diskutiert werde.

Zum Denken gebracht

Das findet auch Zuhörer Li, der zum ersten Mal einen Vortrag in der Sanwei Buchhandlung besucht. Li der in der IT Branche arbeitet, sagt, er möchte mehr über die chinesische Geschichte erfahren. „Und zwar wie sie wirklich war“. Zuvor habe er nur die Propaganda gekannt, die er auch geglaubt habe. Wirtschaftsstudentin Zhang sagt, sie habe erst in der Sanwei Buchhandlung angefangen zu überlegen, wie das politische System funktioniere. „Vorher verstand ich nicht, was die Gewaltentrennung für einen Sinn ergibt“, sagt die 23-jährige. Sie habe nur gewusst, dass es eine Partei gebe und sich darüber keine großen Gedanken gemacht.

Die ehemalige Fabrikarbeiterin Wang kommt fast jeden Samstag zu den Vorträgen. Als sie sich vor bald vierzig Jahren mit einer Petition für ihre Schwester gewehrt hatte, die wegen eines lokalen Beamten nicht an die Universität durfte, landete sie im Gefängnis. Geschlagen habe man sie dort, sagt Wang bitter. Die 62-jährige ist inzwischen arbeitslos. „Wir haben Recht und das weiß die Regierung auch!“ Trotzdem sei es schwer Gerechtigkeit zu bekommen. Obwohl die Vorträge und Diskussionen ihre Probleme nicht lösen können, hoffe sie, dadurch wenigstens die Gesellschaft und ihre eigene Rolle darin besser zu verstehen.

Vor fünf Jahren fiel das graue Backsteinhaus, in dem sich die Sanwei Buchhandlung befindet, fast der Pekinger Bauwut zum Opfer. Im Vorfeld der Olympiade sollte die Straße aufgewertet werden. Das gewöhnliche zweistöckige Gebäude passte den Behörden nicht ins Bild mit modernen Bürohäusern und Einkaufszentren. Darüber weshalb sein Haus dann doch nicht abgerissen wurde, sagt Li, könne er nur spekulieren.

Einerseits habe man Glück, dass unter dem Haus ein Belüftungsschacht der U-Bahn verlaufe, da man deswegen für das Fundament eines Wolkenkratzers nicht tief genug graben könne. Andererseits hätten sich auch viele Intelektuelle und sowohl ausländische als auch chinesische Medien für sie eingesetzt, sagt Li nicht ganz ohne Stolz.

Nach eineinhalb Stunden ist Professorin Guos Vortrag zu Ende. Seit fünf Jahren kann Li Shiqiang die Vorträge regelmässig veranstalten, seit dann werden sie von den Behörden nämlich kaum mehr gestört. Diese Duldung von Kritik – auch wenn nur in kleinem Rahmen – sieht er bereits als wichtigen Fortschritt für China.


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17:00 13.11.2009

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