Oase im sozialen Brennpunkt

Familien in Not Für Kinder und Jugendliche, die in Armut leben, gibt es ein höheres Risiko, misshandelt zu werden oder zu erkranken. Viele wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können

Von Kinderarmut in Deutschland lässt sich auf unterschiedliche Weise erzählen. Man kann es mit Zahlen tun, die belegen, dass über eine Million Kinder hierzulande von Sozialhilfe leben und es in manchen Stadtteilen in Bremen, Essen oder Berlin schon 40 Prozent sind. Man kann amtliche Statistiken zitieren, die zeigen, dass in den armen Vierteln Berlins 20 Prozent der Kinder stark übergewichtig sind und 35 Prozent von ihnen kaputte Zähne haben, die nicht behandelt werden, weil ihre Eltern entweder nichts davon bemerken oder nicht wissen, was sie dagegen unternehmen sollen. Man kann anhand von Studien belegen, dass arme Kinder häufig in zu kleinen, manchmal auch feuchten Wohnungen groß werden, wo sie ein höheres Risiko haben, misshandelt zu werden oder an Allergien zu erkranken, und dass sie schon als Vorschulkinder weniger soziale Kontakte haben und mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen als Gleichaltrige. Man kann die Ergebnisse der PISA-Forscher anführen, die zu dem Schluss kommen, das deutsche Bildungssystem sei wenig oder gar nicht in der Lage, herkunftsbedingte Bildungsdefizite zu kompensieren, was zur Folge habe, dass arme Kinder schon in der Grundschule häufiger sitzen bleiben, eher auf Haupt- und Sonderschulen landen, die Schule oft abbrechen und später häufiger als Kinder aus nicht armen Familien weder einen Ausbildungsplatz noch Arbeit finden. Man kann dann, wie es heute üblich geworden ist, von einem "Teufelskreis der Armut" sprechen. Doch der Begriff verschweigt zum einen die Verantwortung der Politiker und vermittelt zum anderen nur eine vage Vorstellung davon, was es bedeutet, in diesem Kreisverkehr festzustecken.

Einer, der viele arme Kinder kennt und betreut, ist Thomas Abel. Er leitet die Beratungsstelle für Risikokinder beim Gesundheitsamt Mitte im Wedding. Der Stadtteil gehört zu jenen, die im Berliner Sozialstrukturatlas dunkelrot markiert sind. Jeder Dritte hier hat keinen Berufsabschluss, jeder Vierte ist arbeitslos und knapp 17 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner leben von Sozialhilfe. Wie viele Stadtteile mit ähnlicher Sozialstruktur in Deutschland gilt der Wedding als sozialer Brennpunkt und rückt vor allem dann ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, wenn es für die, die nicht da leben müssen, bedrohlich wird.

Thomas Abel ist seit 30 Jahren Kinderarzt in diesem Bezirk. Nicht selten kommen Eltern mit ihren Kindern zu ihm, die er schon betreut hat, als sie selbst noch Kinder waren. Wenn er von ihnen spricht, schwingt viel Zuwendung mit. Er schätzt Kinder - ihre Kreativität, ihre Neugierde, ihre Fantasie. Und er ist besorgt, wie wenig er bei seinen Patienten davon findet. Gibt er ihnen ein Spielzeug, legen sie es schnell wieder zur Seite. Sie sind oft unruhig. Auf andere Menschen gehen sie oft völlig distanzlos zu, berichtet er, schmiegen sich an, können schlecht zurückstehen und kaum verzichten. Bei Konflikten schlagen sie los. Es fällt einem nicht leicht, diese Kinder spontan zu mögen, denkt man beim Zuhören und sieht sie vor sich: desinteressiert, undiszipliniert, anstrengend.

Doch dann spricht Abel von dem, was in den Statistiken nicht vorkommt. Von dem, was diesen Kindern fehlt. Vorbilder zum Beispiel. Menschen, die ihnen erklären, was sie tun und warum sie es tun. Erwachsene, die die Regeln und Verbote, die sie erlassen, transparent machen (und sich auch selbst daran halten). Denen es Spaß macht, etwas auszuprobieren, die ihre Handlungen planen und für Probleme eigene Lösungen finden können. Menschen, die ermutigen, trösten, anspornen, beschützen, Grenzen setzen, zärtlich sind - kurz: das tun, was von Eltern gemeinhin erwartet wird. Und genau das findet in den Familien, deren Kinder in die Risikoberatungsstelle kommen, nicht statt. "Die Eltern haben diesen Umgang oft selbst nicht erfahren", sagt Thomas Abel. Wie aber könnten sie weitergeben, was sie selbst nicht kennen?

Es wird, so viel wird einem klar, während das nächste Kind in die Sprechstunde marschiert, von alleine nicht besser. Vielleicht werden die Ein-Euro-Jobs der Regierung dafür sorgen, dass künftig mehr Eltern einen geregelten Tagesablauf bekommen. Es könnte ihnen dann leichter fallen, ihre Kinder morgens zu wecken, wenn sie selbst zur Arbeit müssen. Vielleicht, denkt man, haben die Eltern Glück und finden einen Job, der ihnen Spaß macht; dann werden sie davon etwas an ihre Kinder weitergeben können. Kommen sie allerdings gestresst, frustriert, über- oder unterfordert vom Laubharken, Hofkehren oder Wäschesortieren nach Hause, wird es ihren Kindern wohl in Zukunft eher schlechter als besser gehen.

Nichts zu machen? Doch, ein anderes Bildungssystem muss her. Denn einen Ausweg könnte bieten, was Forscher vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt herausgefunden haben. Im Rahmen einer Studie untersuchten sie, was Jugendliche verbindet, die familiäre Armut erfolgreich hinter sich gelassen haben. Es war, neben dem Wunsch nach materieller Selbstständigkeit und gesellschaftlicher Anerkennung, die Überzeugung, ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können.

Tatsächlich gibt es Orte in Berlin, wo Kinder und Jugendliche diese Erfahrung machen können. Die meisten Schulen, das muss man leider so deutlich sagen, gehören bislang nicht dazu. Wer einmal einen Elternabend lang zwischen Neonröhren, grauem Linoleum und abblätterndem Putz den Ausführungen eines Klassenleiters gelauscht hat, wird verstehen, was gemeint ist. Räume, in denen selbst unverwüstliche Topfpflanzen ums schiere Überleben kämpfen müssen, bieten keine anregende Lern- und Arbeitsatmosphäre. Für niemanden.

Anders in der Gelben Villa. Das Kreativ- und Bildungszentrum hat vor sechs Monaten in Kreuzberg eröffnet. Mit welcher Haltung man Kindern hier begegnet, zeigt sich schon im großzügig verglasten Eingangsbereich des fünfstöckigen Gebäudes: Auf Augenhöhe, nicht mit den erwachsenen Besuchern, sondern mit den Kindern, sitzt eine Frau, die einen freundlich willkommen heißt. Dann haben alle zwischen sechs und 16 die Wahl: Wollen sie sich von einer professionellen Näherin im Modeatelier zeigen lassen, wie ein Kleid genäht wird? Sich für eine Stunde Internetnutzung einschreiben? Brauchen sie Hilfe bei den Hausaufgaben? Interessieren sie sich für Videodrehs und Bildbearbeitung? Selbstverständlich verfügt das Haus auch über Räume zur Holz- und Metallbearbeitung, eine Töpferwerkstatt, ein Fotolabor, einen Musikprobenraum, ein Kunstatelier und einen Ausstellungsraum. Manches an der Ausstattung ist gespendet, nichts ist Schrott. Die Räume sind hell und licht, kein überflüssiger Schnickschnack, nichts vermeintlich Kindgerechtes. Hier könnte auch ein Tagungszentrum oder ein Gewerberaum sein - ein Haus, in dem Menschen arbeiten und sich dabei wohl fühlen.

Zur Unterstützung stehen den Kindern und Jugendlichen in jedem Kurs Profis zur Seite. Leute, die etwas von ihrem Handwerk verstehen. Die kochen, gärtnern, Fahrräder reparieren können. Die sich mit Computern oder Bildbearbeitung auskennen. Den jungen Menschen freundlich und mit Respekt begegnen, ihnen Regeln erklären und Konflikte nicht als Störungen sehen, sondern als willkommene Gelegenheit, um neue Lösungen zu finden. Muss noch erwähnt werden, dass alle Angebote kostenlos sind? Ausgenommen das Essen im hauseigenen Kinder- und Jugendrestaurant: Hier kostet eine warme Mahlzeit einen Euro, ein Getränk 20 Cent. Schließlich ist auch Kreuzberg ein Bezirk mit vielen armen Kindern und niemand soll in der Gelben Villa außen vor bleiben.

Möglich gemacht haben dieses Haus private Spenden. Der Löwenanteil der 500.000 Euro, die der jährliche Betrieb kostet, kommt von einer Stiftung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, dass "Kinder und Jugendliche ihr Potenzial frei entfalten können - und dies bevor sie gesellschaftlich auffällig geworden sind", wie es auf der stiftungseigenen Homepage heißt. Und weil ihre Spender selbst in wohlhabenden Familien aufgewachsen sind, haben sie offenbar eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was Kinder und Jugendliche dazu brauchen. Dafür, dass das Konzept aufgeht, spricht vieles. Seit die Gelbe Villa eröffnet hat, kommen vormittags auch immer mehr Schulklassen mit ihren Lehrern und Lehrerinnen hierher.


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Kinderarmut nimmt zu

Anfang der Woche wurde der Kinderreport Deutschland 2004 vom Deutschen Kinderhilfswerk vorgestellt. Der Trend zeigt deutlich, dass die Armut von Kindern weiter zunimmt. Als arm gelten Haushalte, die mit weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Einkommens auskommen müssen. Über eine Million Kinder leben in Deutschland von der Sozialhilfe, mehr als die Hälfte davon in Haushalten von Alleinerziehenden. Die Quote von Minderjährigen ist dabei mit 6,7 Prozent doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Bei den unter Dreijährigen sind sogar 10,4 Prozent betroffen. Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks, wies bei der Präsentation des neuen Kinderreports darauf hin, dass ab nächstem Jahr durch Hartz IV 1,5 Millionen mehr Kinder von Sozialhilfe leben müssten. Nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums wären dann aber "lediglich" 250.000 mehr Kinder von Armut betroffen. Der Kinderzuschlag, mit dem einkommensschwache Familien ab Januar 2005 bis zu 140 Euro pro Monat und Kind zusätzlich erhalten können, würde vermutlich 150.000 Kinder aus der Sozialhilfe holen.

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00:00 12.11.2004

Ausgabe 39/2020

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