Ob mein Bruder Werner gemeint ist?

Erinnerung an einen Pazifisten Ein bislang unveröffentlichter Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Gershom Scholem aus den siebziger Jahren öffnet den Horizont für die jüdischen Utopien vor 1933

"Jeder denkende Jude wird Sozialist ... "
Werner Scholem, 1914

Februar 1975. Im Jerusalemer Stadtviertel Rehavia blühen nach dem Winterregen Orangen- und Zitronenbäume in den üppigen Gärten. Noch immer wohnen in den mehrstöckigen weißen Steinhäusern vorwiegend "Jeckes", ehemals deutschsprachige Emigranten und Emigrantinnen. In einer Seitenstraße, der ruhigen Abarbanelstraße, geht in Nummer 28 ein älterer Mann zu seinem Briefkasten und findet dort eine Postkarte aus Wilfingen in Deutschland vor:

"Sehr geehrter Herr Scholem,

Öfters stosse ich in der Presse auf Ihren Namen und frage mich, ob Sie vielleicht mit einem meiner Schulkameraden identisch sind. (Hannover 1914) Falls es nicht zutrifft, bitte ich Sie, sich nicht mit einer Antwort zu bemühen, mit bestem Gruß, Ernst Jünger."

Neben dem umseitigen Vordruck "Ernst Jünger. 7941 Wilfingen über Riedlingen" notiert Gershom Scholem flüchtig: "... ob mein Bruder Werner gemeint ist?"

Diese Postkarte - heute Bestandteil des umfangreichen Scholem-Archivs der Jerusalemer Nationalbibliothek - löst einen kurzen Briefwechsel zwischen zwei ungleichen, von der deutschen Kultur geprägten Intellektuellen hohen Alters aus: Insgesamt elf Briefe und Postkarten, die bisher unveröffentlicht sind, schreiben Ernst Jünger, zum Zeitpunkt des ersten Kontakts gerade 80 geworden, und der um zwei Jahre jüngere Scholem. Über sechs Jahre hinweg entwickeln die beiden Schreiber aus dem beiderseitig empfundenen Respekt keine großen Sympathien füreinander. Ihre Aufmerksamkeit trifft sich, wenn auch andere Themen zur Sprache kommen, nur in einem - in der Erinnerung an Werner Scholem.

Im April desselben Jahres beantwortet Gershom Scholem Jüngers Schreiben mit folgenden Worten:

"Sehr geehrter Herr Jünger, Ich bin zwar nicht der Schulkamerad, den Sie in mir vermuten konnten ... Aber es hat mich bewegt, Ihre Handschrift zu sehen, denn ich habe zwei Bücher von Ihnen sehr aufmerksam studiert." Er sei sehr daran interessiert, so Scholem, mehr über den von Jünger gesuchten Namensverwandten zu erfahren, da dieser vielleicht ein Hinweis auf weitere Familien des seltenen Nachnamens sein könnte. "Aber", überlegt Scholem, "sonderbarerweise lebte mein Bruder Werner, der spätere Reichtagsabgeordnete (der 1940 in Buchenwald ermordet wurde), in der Tat vom Herbst 1913 bis Ende 1914 in Hannover, wo er in eine so genannte "Presse" zur Vorbereitung des Abituriums ging und in der sozialdemokratischen ›Arbeiterjugend‹ tätig war ..."

Nach schweren Auseinandersetzungen mit dem Vater sei Werner auf Grund seiner sozialdemokratischen Betätigung nach Hannover geschickt worden. "Sie werden am besten entscheiden können", so der Brief weiter, "ob dies Hr. Scholem war." Vielleicht könnte Jünger sich ja an die Erscheinung dieses Herrn erinnern? Werner sei klein und zu der Zeit auch recht dünn gewesen und hätte "(wie ich) ein kleines, scharfjüdisches Gesicht" gehabt. Mit einer Gratulation zu Jüngers 80. Geburtstag und folgenden Worten endet der Brief: "Es würde auch mich sehr interessieren, falls sich herausstellen sollte, dass Sie mit meinem toten Bruder auf jener Schule zusammen waren."

In seiner Autobiografie Von Berlin nach Jerusalem, die Gershom Scholem dem Andenken Werners widmet, beschreibt er die Beziehung zu seinem um zwei Jahre älteren Bruder als sehr eng. Werner zeichnete sich durch "ein sehr bewegliches Naturell" aus, "das schon früh in Opposition gegen das Elternhaus schlug." Gegenüber den warmen Schilderungen Werners, nimmt sich Gershoms Verhältnis zu den beiden ältesten Söhnen des Berliner Druckereibesitzers Arthur Scholem und seiner Frau Betty, Erich und Reinhold, als seltsam blass und distanziert aus. In der Verschiedenheit der vier Brüder sieht Scholem eine typische Entwicklung des jüdischen Bürgertums der Zeit, die darauf hinweist, wie wenig Einfluss eine scheinbar identische Umgebung auf die Entscheidungen des Einzelnen nimmt. So hätte Reinhold sich selbst noch als alter Mann in der australischen Emigration als "Deutschnationaler" bezeichnet.

Obwohl Scholem die Familie als gänzlich assimiliert beschreibt, schicken die Eltern den aufmüpfigen Werner im Alter von 13 Jahren in ein jüdisches Internat in Wolfenbüttel. In der Samsonschule, die gleichzeitig deutschnationales Bewusstsein und jüdische Traditionalität vermitteln soll, wird Werner "mit einem nicht geringen Ausmaß von religiöser Heuchelei und falschem Patriotismus bekannt, das ihn heftig abstieß."

"In den Ferien", erinnert sich Scholem, "bekam ich darüber von meinem Bruder, der sich schon damals an mir rhetorisch zu versuchen begann, einige zynische Vorträge und Herzensergießungen zu hören." Nachdem Werner nach Berlin zurückkehrt, beschäftigt er sich für kurze Zeit mit dem politischen Aspekt des Zionismus. Er ist es auch, der seinen Bruder Gershom mit jungen Zionisten bekannt macht. Er selbst tritt aber schon Ende 1912 der Sozialdemokratischen Arbeiterjugend bei. Daraufhin kommt es zwischen den Beiden immer wieder zu "tätlichem Handgemenge", wenn Werner den jüngeren Bruder zwingen will, "sozialistische Reden an ein imaginäres Publikum, die er sich ausdachte und von einem Stuhl aus an mich halten wollte, anzuhören, ein Unternehmen, dem ich mich heftig widersetzte." Als Werners Auftritte bei der Arbeiterjugend Berlins jedoch dem Vater zu Ohren kommen, schickt er den 18-Jährigen erneut aus Berlin fort - diesmal nach Hannover.

Am 20. April 1975, vermutlich kurz nach Erhalt von Gershom Scholems Antwort, schreibt Ernst Jünger neuerlich nach Jerusalem. Ja, er erkenne in Werner Scholem seinen ehemaligen Schulkameraden in der Privatschule Gildemeisters Institut. Werner sei, neben einem anderen Mitschüler, der einzige, an den er sich erinnern könne: "Als besonders klein oder mager, wie Sie schrieben, ist er mir nicht vorgekommen, wohl aber als ungewöhnlich ›erwachsen‹ - dazu mochte vor allem die intelligente Physiognomie und ein skeptisches Lächeln beitragen." Im Alter "rücken solche Gestalten wieder näher" und er sehe Werner immer deutlicher vor sich, "als säße er noch auf der Schulbank in Hannover neben mir." Das Verhältnis zwischen den beiden jungen Männern beschreibt Jünger als das einer "ironischen Sympathie." Von Werners politischer Agitation würde er zu seinem Erstaunen jedoch erst jetzt durch Scholems Brief erfahren.

Die gemeinsame Schulzeit findet mit dem Beginn des Krieges im August 1914 ein plötzliches Ende, und die Wege der beiden Schulkollegen verlaufen von nun an diametral. Ernst Jüngers patriotischer Kriegsbegeisterung steht Werner Scholems überzeugter Pazifismus gegenüber. "Nach der Kriegserklärung sahen wir uns zum letzten Mal", erinnert sich Jünger. "Wir meldeten uns bei Gildemeister ab, um uns in die Kasernen zu zerstreuen. .... Ich kam an jenem Tage vom Friseur; er bemerkte das mit einem skeptischen Lächeln: ›Vor dem Kampf salbt der germanische Jüngling das Haar.‹"

Während der "germanische Jüngling" zum Kampf schreitet, bahnt sich zwischen Werner Scholem und seinem Vater ein erneuter, noch heftigerer Streit an: Als patriotischer Deutscher erwartet Arthur Scholem von seinem Sohn, sich als Freiwilliger zu melden. Werner weicht der Konfrontation mit dem Vater aus, wie er seinem in Berlin verbliebenen Bruder schreibt: "Daß ich übrigens den brieflichen Aufforderungen Vaters, mich freiwillig zu stellen, auswich, statt gehörig zu antworten, liegt daran, daß ich sehr müde und krank bin und gerade jetzt keine Lust habe, auf´s Pflaster gesetzt zu werden."

Die gemeinsame Opposition gegen den Krieg und gegen den Vater bringt die beiden jüngsten Scholem-Söhne einander näher. Anfang September 1914 löst ein Brief des 16-jährigen Gershom, damals unterschrieb er noch mit Gerhard, einen kurzen, aber intensiven Briefwechsel zwischen Berlin und Hannover aus: "Nach der - ich will mich des Urteils enthalten und sagen - der - patriotischen Stellungnahme der Partei zum Kriege und nachdem, was ich persönlich von Dir hörte, hätte ich nie gedacht, daß Du so vernünftig wärst, die Freiwilligenstellung abzulehnen, und überhaupt diesem Massenmord, auch Kulturkrieg zubenannt, kühl bis ans Herz hinan gegenüberständest", schreibt Gershom an seinen Bruder und deklariert in demselben Brief seine Übereinstimmung mit dem linken Flügel der SPD um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, dem Werner von Anfang an nahe gestanden ist.

Im Moment der Annäherung zwischen den beiden Brüdern kündigt sich auch schon eine Distanz an, die sich im Lauf der Briefe verstärkt. Werner unterstützt zu dem Zeitpunkt, vermutlich aus eigener Enttäuschung, das Interesse seines Bruders an der Arbeiterbewegung nicht. "Kümmere dich nicht um die Arbeiterbewegung, sie sieht nur von weitem grandios aus, und folge nicht etwa ihren Spuren. Man erleidet dabei Schiffbruch und wird zuletzt meschugge, was immerhin kein beseligender Zustand ist."

Gershom wiederum wirft Werner vor, sich nicht für den Zionismus, nicht einmal für dessen marxistische Richtung, die Poale Zion, zu interessieren. Seine Briefe werden mehr und mehr zum theoretischen Schlagabtausch, während Werner, der politische Praktiker, sich entnervt zurückzieht. Er verlobt sich zu dieser Zeit mit Emmy Wiechelt, einer Aktivistin der Sozialistischen Arbeiterjugend in Hannover. 1915 wird er schließlich zum Kriegsdienst eingezogen, aber schon ein Jahr später schwer verwundet. Nachdem es ihm wieder besser geht, nimmt er am 27. Januar 1917, dem Tag der offiziellen Kaisergeburtstagsfeier, nicht nur an einer Antikriegsdemonstration teil, sondern tut dies auch noch in Uniform. Er wird daraufhin des Landesverrats angeklagt, was den nun endgültigen Bruch mit dem Vater auslöst. Wie Gershom Scholem in seiner Autobiografie schreibt, kommt es zu einer "fürchterlichen Szene am Mittagstisch", infolge der auch Gershom des Hauses verwiesen wird. Der Vater erklärt, er habe nun endgültig genug, "Sozialdemokratie und Zionismus - alles dasselbe, kriegsgegnerische und deutschfeindliche Umtriebe, die er in seinem Haus nicht weiter dulden würde."

So unterschiedlich die beiden Brüder in ihren Ansichten sind, sosehr verbindet sie der Glaube an eine Utopie - was für den einen die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina bedeutet, liegt für den anderen in der Naherwartung der proletarischen Revolution in Deutschland. "Es standen uns in den Jahren unserer Adoleszenz ähnliche, wenn auch in ganz verschiedene Richtungen weisende Erschütterungen und Konflikte bevor, die uns bei aller Gegensätzlichkeit immer wieder einander nahe brachten", schreibt Gershom Scholem später über das Verhältnis zu seinem Bruder.

Die Einstellung zum Krieg prägt die Biografien Werner und Gershom Scholems ebenso wie die Ernst Jüngers. Gershom Scholem wird 1915 von der Schule geworfen, nachdem er auf einen kriegsbejahenden Artikel in der Jüdischen Rundschau hin einen empörten Leserbrief an die Zeitung schickt und erklärt, Kriegsverherrlichung und Zionismus seien unvereinbar. Ernst Jüngers überarbeitetes Kriegstagebuch hingegen wird bekanntermaßen zum Synonym der Romantisierung des Krieges. Für Werner Scholem steht der Pazifismus im Zentrum seiner Arbeit für die sozialdemokratischen Parteien und später die KPD, aus der er 1926 als Leitfigur der als "Ultralinke" bezeichneten antistalinistischen Opposition ausgeschlossen wird.

Ernst Jüngers Brief, den er am 20. April 1975 an Gershom Scholem schreibt, endet mit folgenden Worten: "Es bleibt mir noch, Ihnen zu kondolieren; nach einem Vierteljahrhundert hat Ihre Mitteilung seines Endes mich nicht nur bekümmert, sondern auch überrascht. Bei der sicheren Lagebeurteilung, die ich ihm zutraute, nahm ich an, daß er, wie offenbar andere seiner Verwandten, den letzten Zug nach draußen nicht verpasst hätte."

Noch in der Nacht des Reichtagsbrandes wird Werner Scholem verhaftet und, obwohl kurz darauf freigelassen, Ende April zusammen mit seiner Frau neuerlich festgenommen und des Hochverrats beschuldigt. Emmy Scholem wird mit Hilfe von Beziehungen aus der Haft entlassen und kann mit den Kindern über Prag nach London fliehen. Nach zwei Jahren Untersuchungshaft wird Werner Scholem 1935 freigesprochen - und unmittelbar darauf im KZ Torgau inhaftiert. Ein Jahr später erklärt die Gestapo, ihn entlassen zu wollen, wenn er sofort das Land verließe. In den Jahren bis zum Tod seines Bruders berichtet Gershom Scholem nur seinem Freund Walter Benjamin regelmäßig und unter dem Siegel der Verschwiegenheit über seine Bemühungen, Werner nach Palästina zu bringen.

Im April 1936 erfährt er schließlich vom endgültigen Scheitern dieses Unternehmens: "Goebbels braucht ein paar Juden dort, an denen er zeigen kann, daß er den Bolschewismus zertreten hat, und dazu ist anscheinend u.a. mein Bruder ausersehen ... Die Schweine hatten meinem Bruder schon mitgeteilt, daß er frei käme ..." Wie sich herausstellt, steht Werners Name auf einer Liste von Menschen, die nur mit Goebbels persönlicher Erlaubnis freigelassen werden können. Als seine Mutter Betty Scholem zur Gestapo kommt, um die endgültige Abmachung für die Ausreise ihres Sohnes zu treffen, wird sie höhnisch ausgelacht.

Über das KZ Dachau wird Werner Scholem ins KZ Buchenwald deportiert und dort am 17. Juli 1940 ermordet.

Am 28. April 1975 beantwortet Gershom Scholem Jüngers Schreiben: "Sie sind überrascht, daß er nicht rechtzeitig weggegangen ist, ›wie offenbar andere seiner Verwandten.‹ So war das nicht. Er wurde unter den ersten in der Nacht des Reichtagsbrands verhaftet. Ich selber bin schon 1923 nach dem damaligen Palästina gegangen, und meine Brüder und meine Mutter sind bis 1938 und 1939 in Deutschland geblieben. Die Einsicht in ihre eigene Lage gehörte nicht zu den starken Seiten der deutschen Juden. Mein Bruder, der radikale Sozialist, war überzeugt, daß ihm als Veteran des Weltkrieges nichts passieren könnte. Das ist jetzt schwer vorzustellen, aber diese Vorstellungen waren weit verbreitet. Jeder, der damals mit Familienangehörigen in Deutschland korrespondiert hat, weiß davon ein trauriges Lied zu singen. Auch Ihnen wünsche ich alles Gute. Ihr Gershom Scholem."

In seinen Jugenderinnerungen erwähnt Scholem, dass sein Bruder Werner in Hannover mit Ernst Jünger "zusammen die Bank drückte. Sehr viel später habe ich von Jünger erfahren, daß die Figur meines Bruders, mit dem er sich oft unterhalten hatte, noch sechzig Jahre nachher Eindruck bei ihm hinterlassen hat." In der hebräischen Ausgabe seiner Autobiografie, die vier Jahre nach der deutschen Ausgabe und beinahe um das Doppelte erweitert, erscheint, fügt Scholem erklärend für die israelischen Leser hinzu: "Ernst Jünger, der später einer der Hervorragendsten unter den Schriftstellern der deutschen Rechten wurde."

Literatur:
Gerschom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem. Jugenderinnerungen.
Frankfurt/M. 1977
ders.: Briefe I. 1914-1947. hg. von Itta Shedletzky. München, 1994
Walter Benjamin, Gershom Scholem: Briefwechsel 1933-1940. Frankfurt/M. 1980
Michael Buckmiller: Die Naherwartung des Kommunismus - Werner Scholem. In: Judentum und politische Existenz. Siebzehn Porträts deutsch-jüdischer Intellektueller. Hg. von Michael Buckmiller, Dietrich Heimann, Joachim Perels. Hannover 2000

00:00 18.06.2004

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