Obdachlos und Miss dabei?

Schönheitskonkurrenz Eine gemeinnützige Stiftung veranstaltet in Brüssel eine Misswahl für Menschen ohne Wohnung: Ist das zynisch, voyeuristisch, oder gar ein Stück Emanzipation?

An die Hyperinflation an Schönheitskonkurrenzen hat man sich seit langem gewöhnt. Es gibt sie für sämtliche Altersstufen, angefangen von Kleinkindern bis hin zu Großmüttern: in Italien können Letztere an einer Miss-Nonna-Italiana-Wahl teilnehmen. Die belgische Stadt Gent organisiert seit Jahren einen Miss-Oma-ohne-Grenzen-Wettbewerb für betagte Migrantinnen. Alter ist jedoch längst nicht das einzige angewendete Kriterium: in den Niederlanden wurden Miss-Handicap-Wahlen schon im Fernsehen übertragen, und die Siegerin vom Ministerpräsidenten geehrt. In Ungarn kürte man dieser Tage eine Miss Plastic unter Absolventinnen plastischer Chirurgie. Und ehrt nicht auch jede Mittelstufen-Klassenfahrt ihre vermeintlichen Schönsten?

Je mehr jedoch die Zielgruppe vom Bevölkerungsdurchschnitt abweicht, desto sicherer löst eine solche Wahl bisweilen heftige Diskussionen aus. Die Teilnahme an einem Schönheitswettbewerb, im gängigen Kandidatenspektrum eine Selbstverständlichkeit, hat je nach Lebensumständen durchaus Empörungspotential. Zumal dann, wenn die betreffende Gruppe im gesellschaftlichen Diskurs als benachteiligt wahrgenommen wird. Im Kontext der Misswahlen ist dieser Status daran erkennbar, dass das Ereignis selbst als emanzipatorische Errungenschaft und die Siegerinnen als role models promotet werden (siehe misshandicap.ch, die Website der Schweizer Wahl für Frauen mit Behinderung). Während eine Mainstream-Miss als UNICEF-Botschafterin aufläuft, wird die Randgruppenschönheit zur diplomatischen Vertretung eben dieser Minderheit.

Ein Paradebeispiel hierfür war die erste Wahl einer "Miss Obdachlos", die am vergangenen Wochenende in Brüssel statt fand. Aus zehn Kandidatinnen fiel die Entscheidung der Jury auf die 58jährige Therese Van Belle, die nun als Hauptpreis ein Jahr mietfreies Wohnen erhält. Organisiert wurde die Veranstaltung in einem Eventzentrum von der gemeinnützigen Stiftung Artefix. Deren Mitarbeiterin Aline Duportail erklärte zum Hintergrund: "Mit dieser Misswahl wollen wir auf die Problematik von Obdachlosen hinweisen. Sie bekommen dadurch die Chance, sich zu fangen. Schon jetzt ist sicher, dass es enorm gut für ihr Selbstvertrauen ist." Letzteres war neben Erscheinung und Ausstrahlung eine Schlüsselqualifikation, denn was ausdrücklich mit bewertet werden sollte, waren "Wille und Bereitschaft, aus dieser schwierigen Situation herauszukommen."

Die Reaktionen der internationalen Presse waren gespalten: Die Boulevardblätter erbauten sich am vermeintlich bizarren Unterhaltungswert, der durchaus mit dem Image Belgiens als Hort aller denkbaren Skurrilitäten korrespondiert. In den Qualitätszeitungen wurde dagegen der moralische Zeigefinger gehoben. Die Süddeutsche Zeitung ereiferte sich gar, wie man Obdachlose nun "ausgerechnet" nach Schönheit beurteilen könne, wo doch die Pflege ihres Äußeren im Alltag eine eher untergeordnete Rolle spiele.

Moderater waren die Stimmen in Belgien selbst. Schon im Vorfeld hatten die Medien über verschiedene Kandidatinnen berichtet, wobei durchaus auch biografische Hintergründe von Obdachlosigkeit wohltuend unaufgeregt thematisiert wurden. Die politische oder soziale Dimension entfiel jedoch auch hier vollkommen, sodass das hehre Ziel der Wahl fürs Erste nicht erreicht wurde. In den belgischen Onlineforen blieb dies nicht unbemerkt: "Pack das Problem lieber an der Wurzel an", riet ein Kommentator im Nachrichtenportal vandaag.be. Auf den Diskussionsseiten des Internetproviders Skynet hat sich unterdessen tatsächlich eine Debatte um Umstände der Wohnungslosigkeit und den Zugang zu Hilfe entwickelt. Diese beinhaltet jedoch unter anderem den Ratschlag, Obdachlose sollten zum Arbeiten animiert werden, statt an Schönheitswettbewerben teilzunehmen.

14:00 14.10.2009
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