Oben auf der Glocke

Peak Oil Die Weltökonomie wird sich gravierend verändern, weil die Ölvorräte zur Neige gehen

Die Ölpreise sind hoch - werden sie jemals wieder sinken? Manche Analysten bezweifeln das schon öffentlich. Die andern, die es nicht tun, sagen entweder nicht die Wahrheit oder lassen sich von fragwürdigen Studien großer Ölkonzerne blenden. Tatsächlich kommt ein dramatischer Anstieg der Ölpreise in wenigen Jahren auf uns zu. Er wird signalisieren, was wir lange wissen, aber immer wieder verdrängen: Die Ölvorräte gehen zu Ende, weltweit. Mit den Folgen sind wir schon heute konfrontiert, nicht nur über den Preis. Auch der Irak-Krieg gehört dazu.

Wie man blendet, hat British Petroleum (BP) 2004 mit einer Studie gezeigt, die etwa ausweist, dass Kanada sich eines Zuwachses an Ölreserven um 76 Prozent in den vergangenen 20 Jahre erfreut - Venezuela von über 200 Prozent, Angola von über 400. Wer wollte sich da Sorgen machen? Seltsam wenig erfährt man öffentlich über das "Peak Oil"-Problem, die Frage des Ölförderungs-Höhepunkts. Dabei ist sie nicht schwer zu verstehen. Man fragt sich geradezu, ob es Hüter unserer Sorglosigkeit gibt, die ihr Schweigen koordinieren. Sie fürchten vielleicht unseren Schreck.

Nehmen wir die genannten Länder: In Angola wird Tiefseeöl gefördert. Dieses Öl ist oft mit Paraffin angereichert, einem Stoff, der sich verfestigt, wenn er mit kaltem Meerwasser in den Pipelines in Kontakt kommt. Die Pipelines müssen daher beheizt und isoliert werden. Außerdem muss man das Nebenprodukt Gas entsorgen. So entstehen hohe Kosten. Tiefseeöl wird wie Polaröl und Flüssiggas, wie Ölsand und andere Schweröle als "unkonventionelles" Öl bezeichnet. Mit dessen Abbau sind immer beträchtliche Sonderkosten verbunden. Auch die Ölreserven in Venezuela und Kanada sind unkonventionell. Kanada verfügt über Schweröl, ebenso Venezuela. Die geringe Fließfähigkeit des kanadischen Ölsands steigert die Kosten zusätzlich.

Warum nimmt man das alles in Kauf, obwohl es doch auch "konventionelles" Öl gibt? Das konventionelle Öl bestimmt unser Öl-Weltbild. In unseren Köpfen laufen Filme, zum Beispiel dieser Western: Ein Siedler kämpft gegen Indianer und will auch ein Wasserloch bohren, da sprudelt zu seiner Überraschung und Freude die Ölfontäne hoch. Nun braucht er nur eine Pipeline bauen zu lassen, und schon fließt das Öl ganz von selbst zu den Käufern. Denkfaul, wie man ist, meint man nun, dieses Öl und anderes von seiner Art fließe so lange, wie der unterirdische Vorrat reicht. Also bis 2050 oder so. Das ist nicht lange hin, aber doch nicht gleich morgen. Die politischen Eliten, denkt man, haben immer noch ein paar Jahrzehnte, sich endlich mit Entschiedenheit dem Umstieg in erneuerbare Energien zu widmen.

Nun ist es zwar wahr, ein Vorrat kann bis zur Neige verbraucht werden. Aber die Fontäne hört schon bei halbiertem Vorrat zu sprudeln auf. Dass man einmal einfach eine Pipeline gebaut hat, reicht dann nicht mehr. Der Druck im Ölfeld ist dann so weit gesunken, dass das Öl zäh wird und die Entnahmerate sinkt. Man kann versuchen, den Druck künstlich zu erhöhen, indem man Wasser oder Erdgas einspeist und später wieder entsorgt, aber auch das wird mit der Zeit immer aufwendiger und erhöht die Kosten.

Das ist "Peak Oil": Die Förderung aller konventionellen Felder verläuft wie eine Glockenkurve. Wenn man oben auf der Glocke angekommen ist, verlangsamt und verteuert sich der Abbau. Folglich muss auch auf unkonventionelles Öl zurückgegriffen werden, wodurch der Ölpreis noch weiter steigt. Und das von Jahr zu Jahr immer mehr. Wann werden wir angekommen sein? Die USA haben den Förderhöhepunkt schon in den siebziger Jahren überschritten. Über Saudi-Arabien, wo 25 Prozent der als gesichert geltenden Weltreserven lagern, gibt es eine Diskussion. Nach einer Studie, die auf zwölfmonatiger Beobachtung der sieben saudischen Schlüsselfelder basiert, ist der Höhepunkt entweder schon erreicht oder für die nächsten drei Jahren zu erwarten. Andere sagen, das Maximum komme erst im nächsten Jahrzehnt. Doch viele wissen, dass die saudische Regierung jetzt schon vorsorglich falsche Auskünfte über noch vorhandene Fördermengen erteilt. Ihre Angaben sind deutlich optimistischer als das, was ehemalige Insider berichten. Wenn von den sieben Feldern auch nur eines aufhört zu sprudeln, hat das dramatische Folgen für den Energiehaushalt, also für die Ökonomie der Welt.

Im Mai 2001 hat US-Vizepräsident Cheney, der frühere Präsident des Ölkonzerns Halliburton, einen Bericht über die Ölsicherheit seines Landes vorgelegt. Darin wird ein Anstieg der Ölimporte um 68 Prozent bis 2020 vorausgesagt. Die USA sind von Ölförderländern abhängig wie andere Importländer auch - und sind es doch nicht: erstens wegen ihrer militärischen Macht, zweitens weil Ölkäufe weltweit in Dollar abgerechnet werden. Die USA haben sich auf "Peak Oil" schon eingestellt; ihre Militärpräsenz in Nahost und Zentralasien zeugt davon. Kriege um Öl sind eben nicht kurz vor 2050 zu führen, sondern jetzt zu Beginn der schwierigen Öljahre. Dabei haben es die USA leichter als andere Importeure, weil sie mit der eigenen Währung bezahlen können. Elmar Altvater hat deshalb das Öl "als eine Art Wertanker des US-Dollars" bezeichnet. Es ist die Frage, wie lange der Anker noch hält, denn die Konkurrenz mit dem Euro ist auch eine um die Ölwährung geworden. Die OPEC-Länder haben den Anteil ihrer Dollaranlagen bereits von 75 auf 61,5 Prozent reduziert, den Anteil der Euroanlagen hingegen von 12 auf über 20 Prozent gesteigert. Aus Furcht vor einer Dollar-Abwertung wird der langsame Umstieg von Dollar- auf Euro-Wertpapiere auch in China erwogen.

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, ist der Schaden für die US-Ökonomie groß. Da hilft langfristig keine militärische Macht. Kurzfristig allerdings schon. Saddam Hussein hatte geplant, das Öl seines Landes künftig gegen Euro zu verkaufen. Daraus wird nun nichts. Was die OPEC-Länder tun, überlassen die USA nicht dem Selbstlauf. Unter dem Eindruck des Irak-Krieges beschloss die OPEC im Mai 2003, das Öl erst einmal weiter in Dollar abzurechnen. Wie man sieht, hat "Peak Oil" nicht nur ökonomische, sondern auch politische Folgen. Die Spannungen zwischen den USA und der EU werden zweifellos zunehmen.

Der Artikel basiert auf zwei jüngst erschienenen Aufsätzen: Ölreserven und Ölinteressen von Karin Kutter in PROKLA 137, Dezember 2004 / Öl-Empire von Elmar Altvater in Blätter für deutsche und internationale Politik 01/05.


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00:00 04.02.2005

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