Oben drauf die rote Kirsche

JOB-KILLER ODER JOB-KATALYSATOR 35-STUNDEN-WOCHE In Frankreich gilt ab 1. Februar das zweite Gesetz über die Verkürzung der Arbeitszeit - in den Schuhstadt Romans allerdings sind bisher kaum neue Stellen in Sicht

Die zweite Stufe bei der Einführung der 35-Stunden-Woche geizt auf den ersten Blick nicht mit resoluten Maßnahmen. Unternehmen mit mehr als 20 Angestellten werden beauflagt, mit den Gewerkschaften die Modalitäten der Arbeitszeitverkürzung auszuhandeln. Wer dabei zu spät kommt, verliert Prämien des Staates. Denn die Pariser Linksregierung fördert mit kräftigen Finanzhilfen die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Nach einem ersten Rahmengesetz aus dem Jahr 1998 soll das vorliegende Gesetz nun Fehlentwicklungen korrigieren. Doch ein Erfolg, sprich: ein durchgreifender Beschäftigungseffekt, ist noch längst nicht garantiert.

Luxus ist eine relative Sache - die Schuhe, die Tag für Tag die Ateliers von Romans verlassen, gehören zu den teuersten in Frankreich. Leisten kann sie sich kaum noch jemand in der "Metropole der französischen Schuhmode" an der Grenze zur Provence. Trifft dies um so mehr zu, seit in den renommierten Werkstätten von Jourdan oder Kélian nach dem Reglement der 35-Stunden-Woche gearbeitet wird - dem großen Reformprojekt der Linksregierung unter Lionel Jospin? Bislang wirkt es in der Stadt an der Isère anders als gedacht - denn bislang sind so gut wie keine neuen Arbeitsplätze entstanden. Andererseits gibt es in den meisten Firmen sieben Wochen Urlaub statt bislang fünf und gleichen Lohn bei weniger Arbeit. Hinzu kommen von Monat zu Monat wechselnde Arbeitszeiten je nach Produktionsbedarf und Absatz sowie die Streichung von Zuschlägen. Lohnanhebungen werden auf Eis gelegt. "Das Zuckerbrot wird grösser sein als die Peitsche", hatte Arbeitsministerin Martine Aubry kürzlich die Unternehmer getröstet, um deren Dauerprotest gegen die 35-Stunden-Woche abzuwiegeln. Man hätte sie ernst nehmen sollen.

40 Minuten brauchen die Schuhmacher von Romans im allgemeinen für ein Paar der Luxusklasse. Jetzt wird es noch ein wenig schneller gehen müssen, fürchten die Arbeiter. Entsprechend bitter ist das Urteil der Gewerkschaften in Romans. "Die Sozialisten wollten nach ihrem unerwarteten Wahlsieg vom Juni 1997 unbedingt die große, die symbolische Reform und haben sich dann mit ihrem Gesetz über die Arbeitszeitverkürzung zu sehr beeilt. Eine überstürzte Aktion", meint Jean-Luc Schneider, Funktionär der sozialistischen Gewerkschaft CFDT in Romans. "Denen ist einiges entgangen, denn die Unternehmen haben es verstanden, mit dem Gesetz vor allem ihre Probleme zu regeln. Für die Arbeitnehmer ist das Ganze alles andere als ein Sprung nach vorn. Auf keinen Fall ..."

Die Spielregeln in Romans sind einfach, und sie gelten nach dem Eingeständnis von Martine Aubry in ähnlicher Weise für den Rest des Landes: Kleine Unternehmen schließen sogenannte "offensive Abkommen" zur Arbeitszeitverkürzung mit den Gewerkschaften und stellen neue Arbeitnehmer ein. Die größeren Unternehmen handeln dagegen "defensive Abkommen" aus und erhalten Arbeitsplätze, die sie sonst streichen würden. In der Sprachregelung des Pariser Arbeitsministeriums heißt es demzufolge: 138.000 Arbeitsplätze seien durch die 35-Stunden-Woche bis November 1999 "geschaffen oder bewahrt" worden. 210.000 Arbeitsplätze will die Regierung über den Weg der Arbeitszeitverkürzung bis 2002 - dem Ende ihrer Amtszeit - gesichert haben.

Doch die Wirklichkeit beginnt jenseits aller Prophezeiungen und wirkt zuweilen recht rigide. "Entweder Sie unterschreiben oder ich entlasse 49 Personen", soll Emile Mercier, der Direktor des Schuh-Ateliers von Jourdan, den Gewerkschaftsvertretern gedroht haben. Sein Angebot: 35-Stunden-Woche zum Gehalt von 37,5 Stunden statt bislang 39, keine Tariferhöhung bis 2002, keine Zuschläge bei Überstunden mehr. Die Gewerkschaften haben unterschrieben - und Jourdan darf nun mit umgerechnet 1,35 Millionen Mark vom Staat rechnen, hat die kommunistische CGT in Romans schnell hochgerechnet: 9.000 Francs (2.700 Mark) für jeden der 800 Angestellten, abnehmend über fünf Jahre hinweg. Erleichterungen für die Arbeitgeberseite bei den Sozialabgaben komplettieren das Geschenkpaket.

Während die eine Hand droht, verteilt die andere Wohltaten

An der Unternehmensplanung muss sich dabei überhaupt nichts ändern. So erwägt Jourdan unbeeindruckt weiter die Abtrennung seiner Schuhproduktion. Das Traditionshaus will deshalb eine zweite Gesellschaft gründen und sich selbst nur noch um die Vermarktung des Namens kümmern. Die Schuhmacher bei Jourdan rechnen daher neben den Einbußen beim Gehalt zusätzlich mit dem Abbau ihrer Stellen - 35-Stunden-Woche hin oder her.

Die staatlich dekretierte Arbeitszeitverkürzung begünstigt - so wie sie in Frankreich zwischen Unternehmen und Gewerkschaften ausgehandelt wird - unbestritten eine forcierte Flexibilisierung. Vom wenig charmanten, weil demoralisierenden Gedanken - es gebe nur noch begrenzt Arbeit für alle, also müssten die Tortenstücke ein wenig kleiner geschnitten werden - ist es mit einem Mal nur ein ganz kurzer Weg bis zur völligen Umkehrung der staatlichen Interventionsidee: Es herrscht Pragmatismus total - jedes Unternehmen ist frei, über die Produktionszeiten seiner Angestellten zu entscheiden, wenn nur im Jahresmittel die 35-Stunden-Rechnung stimmt.

Premier Lionel Jospin braucht seit seinem Amtsantritt 1997 über öffentliche Gunstbeweise wahrlich nicht zu klagen. Insofern ist es nur logisch, wenn er längst für die Präsidentschaftswahlen 2002 in Stellung liegt. Seine Wahlversprechen zur Bekämpfung der Beschäftigungslosigkeit tragen Früchte, so sieht es wenigstens aus. Die Arbeitslosenquote sank bis Ende 1999 mit jedem Monat und hatte im November mit 10,8 Prozent (offiziell 2,6 Millionen Franzosen) ihren tiefsten Stand seit 1992 erreicht. Die Regierung spricht nun gar vom "realistischen Ziel der Vollbeschäftigung" in den nächsten Jahren. 750.000 Arbeitsplätze sind in der Zeit des rosa-rot-grünen Kabinetts entstanden. Ohne viel Gerede über Globalisierung und ohne Schröder-Blair-Luftballons, sondern überwiegend dank einer florierenden Konjunktur, die nicht Jospin zu verdanken ist, aber seinen Mix aus ehrwürdigem Keynesianismus, moderater Angebotspolitik und Flexibilisierung der Arbeitswelt offenbar gut vertragen hat. Ein Menü mit der roten Kirsche oben drauf, wie es das Rezept der Regierung vorschreibt.

"Wir sind gewählt worden, um gegen die Arbeitslosigkeit anzukämpfen, und wir haben kein Recht, auf halbem Weg das Thema zu wechseln ", sorgte sich bereits vergangenen Sommer ein sozialistischer Abgeordneter. Das war nach dem traditionellen Parteitreffen des Parti Socialiste in La Rochelle, als Lionel Jospin plötzlich von der "mittleren Klasse" als weiterer Zielgruppe der Sozialisten sprach. Wenig später korrigierte der Premier in einer Rede vor einem PS-Kongress in Strasbourg die Richtung: Da war von einer "zweiten Etappe" der Reformen die Rede, von Maßnahmen für ein "solidarisches Wachstum" und von "geregelter Wirtschaft". Sozialpläne von Betrieben würden nicht mehr akzeptiert, sofern nicht gleichzeitig die Arbeitszeit reduziert wurde, hieß es. Und weiter: Unternehmer, die Entlassungen aussprechen, dürften nicht länger auf Vergünstigungen bei ihren Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung rechnen.

Madame Gilberte zahlt wenig mehr als den Mindestlohn

Doch während die eine Hand droht, verteilt die andere Wohltaten. Der Sonderzuschlag auf Unternehmensgewinne wird noch in diesem Jahr fallen. Steuersenkungen in Höhe von über 40 Milliarden Francs hatte der mittlerweile zurückgetretene Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn - das Gewissen der Unternehmer im Kabinett Jospin - in Aussicht gestellt. Sein Nachfolger Christian Sautter will sich daran halten. Auch das soll den Konsum weiter ankurbeln, was zuvor bereits mit diversen arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen gelang: mit den emploi jeunes beispielsweise, den 350.000 subventionierten Jobs für Jugendliche im öffentlichen Dienst. Deren Verträge sind zwar befristet, doch die Kaufkraft dieser Beschäftigtengruppe ist spürbar gestiegen. Der Wunsch-Katalysator der Jospinschen Arbeitsmarktpolitik bleibt nichtsdestotrotz die 35-Stunden-Woche. Mindestens 110.000 Neueinstellungen sollen dadurch in diesem Jahr ausgelöst werden. Eine kühne Hoffnung, wie das Beispiel der Schuhstadt Romans zeigt.

"Die haben ihr Gesetz gemacht, wir halten uns daran, aber ob wir in fünf Jahren noch existieren, ist nicht ausgemacht", regt sich Defätismus bei Veymont, einem kleinen Zulieferer der Schuhfabrikanten von Romans. Madame Gilberte - "Patronne" und Firmengründerin in einer Person, verspricht sich nicht allzu viel von einer "Pflicht zu kürzerer Arbeitszeit". Eine ihrer Angestellten, die sie mit zum Gespräch gebeten hat, sieht das nicht anders. Zusammen haben sie das 35-Stunden-Modell durchgerechnet und schließlich unterzeichnet: Gilberte Tessier, die selbst an einer der Maschinen im Atelier Schuhleder näht und klebt, für die Firma, und Eliane Baudin, die von den Kolleginnen zur Sprecherin gewählt wurde, für die Belegschaft. 37 Stunden pro Woche sind festgelegt - ein wenig mehr in den Hochzeiten des Schuhverkaufs, erheblich weniger während des Wechsels zwischen Winter- und Sommersaison, und ganze sieben Wochen Urlaub. Ob sich die Produktivität nun auch erhöht, wie Ex-Minister Strauss-Kahn immer wieder versichert hatte? "Wie sollte sie?", fragt Eliane Baudin zurück, man arbeite eben weiterhin weg, was anfiele. Zwei Neueinstellungen hat es zum 1. Januar bei Veymont gegeben, zwei Gehälter mehr im Monat sind zu zahlen, aber mit umgerechnet 83.000 DM Beihilfe im Jahr wird der Staat einspringen. "Unterm Strich nimmt es sich nicht viel", meint Madame Gilberte, "was nach der ganzen Rechnerei bleibt, ist die Unsicherheit. Wenn von den Großen keine Aufträge kommen, können wir zusperren." - Schon jetzt zahlt Gilberte Tessier ihren Angestellten gerade 5.700 Francs (1.710 Mark) im Monat, nur wenig mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Früher habe man doppelt soviel in der Schuhindustrie von Romans verdienen können, erinnert sie sich.

Die Krise ist ein Dauergast in dieser Stadt mit ihren 30.000 Einwohnern. Seit den siebziger Jahren haben die Schuhfirmen zwei Drittel ihrer Beschäftigten entlassen, die Arbeitslosenrate in Romans liegt mit 22 Prozent weit über dem Landesdurchschnitt. Längst lassen die drei großen Ateliers - Jourdan, Kéliane und Clergerie - einen beträchtlichen Teil ihrer Schuhe in Osteuropa, Portugal oder Spanien produzieren. Anderen Branchen in Romans geht es weit besser, um so härter sind oft die Sondierungsgespräche um die 35-Stunden-Woche.

Den Nutzen daraus zieht besonders die CGT als größte französische Gewerkschaft. Die Verhandlungen seien ja eine gute Gelegenheit, mit einer Reihe von Arbeitnehmern in Kontakt zu kommen, meint der örtliche Gewerkschaftssekretär. Weil Gewerkschaften in kleinen Unternehmen bislang oft nicht vertreten waren, wenden sich die Angestellten meist an die CGT, die entschiedener aufzutreten pflegt als ihre Konkurrenten CFDT oder FO (Force Ouvrière). Seit dem Einstieg in die 35-Stunden-Woche 1998 hat die CGT in Romans auf diese Weise die Zahl ihrer Mitglieder schlicht verdoppeln können. 40 Angestellte einer Privatklinik haben sich gerade in einem Zug bei der Gewerkschaft eingeschrieben - die Verhandlungen um die kürzere Arbeitszeit laufen hier noch, begleitet von Protesten und Streikaktionen, wie vielerorts in Frankreich.

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00:00 28.01.2000

Ausgabe 42/2021

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