Obszöne Stellen

Hörbücher Nicht überall, wo Erotik draufsteht, ist auch Erotik drin. Diese bittere Erfahrung muss man wieder einmal bei den "erotischen Geschichten" aus ...

Nicht überall, wo Erotik draufsteht, ist auch Erotik drin. Diese bittere Erfahrung muss man wieder einmal bei den "erotischen Geschichten" aus "Tausend und einer Nacht" machen - eine Auswahl, die allenfalls als Sammlung jugendfreier Liebesgeschichten durchgeht. Oder ist schöne Lieder singen und "Frauen besuchen" bereits Erotik? Selbst der sittsame Brockhaus aus dem sittsamen Jahr 1953 äußert sich zu dem Begriff "Erotik" offener: "eigentlich die Liebeskunst, allgemein die vergeistigte Entfaltung der Geschlechtlichkeit und das Spiel mit deren Reizen". Davon ist Die Geschichte des Abul Hasan in der alten Weilschen Übersetzung, die Grundlage eines Hörbuchs war, weit entfernt. Zwar ahnt der erwachsene Zuhörer, dass der Held der Geschichte sein Geld im Bordell ausgibt, aber das "Spiel mit den geschlechtlichen Reizen" beschränkt sich auf die betörende Stimme der Schönen. Alles andere muss man sich dazudenken.

Und das, obwohl es andere Quellen und Übersetzungen der Märchensammlung gibt, die deren Ruf, nicht ganz jugendfrei zu sein, durchaus gerecht werden. So fühlte sich Enno Littmann in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch gedrängt, die "obzönen" Stellen zum Schutze der Jugend und mit Unterstützung eines "befreundeten Latinisten" ins Lateinische zu übertragen (ein allgemein für derartige Texte verwendetes Verfahren, was zu Motivation damaliger Lateinschüler beitrug). Und - wie sollte es anders sein - erst in der "Schmuddel-Ausgabe" von Goldmann kommt die erotische Wahrheit endlich ans deutschsprachige Licht. Schade, denn Anna Thalbach, die die Geschichten für den Audioverlag liest, hat wirkliche eine "sinnliche" Stimme.

Ganz anders ist da Sehnsucht von Zoe le Verdier. Ohne Zweifel, dieses Hörbuch bewegt einiges unterhalb der Gürtellinie. In Mein Leben in Purpur erzählt die Ich-Erzählerin in der Rückschau der gereiften Frau vom Mann ihres Lebens. Eigentlich fand sie den Macho völlig bescheuert, aber wie das so ist, verbringt sie dann doch eine wunderbare Nacht mit ihm. Leider ist er der Freund ihrer besten Freundin, die gerade ein Kind von ihm erwartet und - Drama! - am Ende trennen sich alle für Jahrzehnte. In der zweiten Erzählung Vertrauen geht es um zwei Brüder, von denen der eine der Frauenheld und Erfolgreiche ist, der andere der Looser, allerdings ebenfalls der attraktiven Frau seines Bruders zugeneigt. Motiviert vom Verbotenen des Verhältnisses vögeln die beiden miteinander und werden natürlich erwischt. Aber dann kommt es ganz anders als erwartet und es gibt einen flotten Dreier.

Kurz: Hier handelt es sich nicht um Etikettenschwindel und der Titel des Hörbuchs hält alle Versprechungen. Aber der Text ist nicht nur kitschig, sondern auch die Musik ist an manchen Stellen unerträglich süßlich. Zwar bildet sie im Gegensatz zu den eher lieblos arrangierten Trommel- und Saz-Klängen von Tausend und eine Nacht eine Einheit mit dem Text und erzeugt das Gefühl, in einem Film ohne Bilder zu sitzen. Aber am Ende erwacht man aus diesem "Rausch der Sinne" mit starken Kopfschmerzen. So ganz ohne literarische Qualitäten geht es eben doch nicht.

Die wiederum findet man in der von Matthias Fuchs gelesenen Erzählung Unschuld von Harold Brodkey. Ein ungewöhnlicher und überraschender Text, der literarisch tiefere Einsichten über das zeitlose Thema liefert. Zweifellos ist hier Erotik nur ein Seiteneffekt - wenn überhaupt - aber dafür "treibt" Brodkey die Dialektik erzählend "tiefer in seinen Gegenstand" wie der eher lustfeindliche Adorno es lustvoll formuliert hätte. Denn Orah, die Heldin der Geschichte, hat zwar einen vielversprechenden Namen und sieht auch noch so aus, aber - zur großen Verwunderung des Helden und Erzählers, der sie endlich ins Bett bekommt - hatte sie zwar viele Liebhaber, aber noch nie einen Orgasmus. Was für Wiley natürlich nur eine Herausforderung ist!

Nicht ohne Ironie erzählt Brodkey, wie Wiley es schafft. Und zwar in allen Details, so dass sich das Erregende des Textes bald verflüchtigt und stattdessen zu einem männlichen Erfahrungsbericht weiblicher Sexualität wird. Für Romantiker ist das nichts, aber (vielleicht auch nur für unsensible Männer) überraschend komplex und schwierig. "Ich misstraue allen Zusammenfassungen", schreibt Brodkey, "... jedem zu hoch gegriffenen Anspruch, unter Kontrolle zu haben, was man erzählt". Diese Aufgabe überlässt er dem Leser/Zuhörer, der noch lange über den Text nachdenkt. Ein Hörbuch, das wirklich zu empfehlen ist.

Auch bei den Memoiren aus einem Bordell von Nell Kimball handelt es sich nicht um "erotische" Literatur. Die Erinnerungen der Anfang der dreißiger Jahre gestorbenen Hure und Bordellbesitzerin aus dem Süden der USA geben dagegen einen seltenen Einblick in das Sex-Geschäft um die Jahrhundertwende. In Armut aufgewachsen wurde Kimball mit 15 Hure und leitete später mehrere Freudenhäuser. 1917 ließ die Stadtverwaltung von New Orleans im Zuge von Anstand und Sitte, die auf den Schlachtfeldern in Europa dringend zum Sterben gebraucht wurden, die Bordelle schließen und Kimball musste sich zur Ruhe setzen. Als ihr Geld in der Weltwirtschaftskrise zur Neige ging, machte sie sich daran, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Kimball hatte Talent zum Erzählen. Der wegen seiner Offenheit erst lange nach ihrem Tod veröffentlichte Lebensbericht ist einerseits von der Illusionslosigkeit einer Bordellbesitzerin geprägt, die zwischen der Bestechung der Polizei, den Alkoholproblemen der Frauen und den extravagante Wünschen und gelegentlichen Gewaltausbrüchen der Männer lavieren musste: "Im Sex-Geschäft gibt es genausoviel, worauf man achten muss, wie bei der U.S. Steel Company." Andererseits vermittelt ihre Erzählung das Gefühl, dass es ihr wichtig war, die Frauen, die sie beschäftigte, unter den gegebenen Umständen menschlich zu behandeln. Sex war für sie dabei nie etwas Negatives, und sie war stolz, nicht nur eine gute Hure gewesen zu sein, sondern auch die besten Häuser am Ort betrieben zu haben. Zu den eindrücklichsten Schilderungen ihrer Geschichte gehört die Zeit mit ihrem ersten Lover, der sie, als sie 14 war, von zu Hause entführte. Obwohl er sie später sitzen ließ, erinnert sie sich begeistert an den Sex mit ihm. Allerdings hat sie es nie mit Liebe verwechselt: "Schon damals wusste ich, es ist nicht das Herz, mit dem man fühlt, sondern die Eingeweide."

Tausend und eine Nacht, Erotische Geschichten gelesen von Anna Thalbach, Audiobuch, Freiburg 2002, 1 CD, 14,90 EUR


Sehnsucht, Matthias Paul liest erotische Kurzgeschichten von Zoe le Verdier, Hörsturz Booksound, 2 CDs 14,90 EUR


Harold Brodkey: Unschuld, gelesen von Matthias Fuchs, HörbuchHamburg 2002, 2 CDs, 18 EUR


Nell Kimball: Memoiren aus dem Bordell, gelesen von Marlen Diekhoff, Die andere Bibliothek im Ohr, Lido, Frankfurt 2002, 2 CDs, 25 EUR

00:00 06.09.2002

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