„Occupy ist Lifestyle“

Im Gespräch Der Philosoph Srećko Horvat gehört zu den spannendsten Stimmen seiner Generation. Er erzählt, mit welchen radikalen Mitteln er linke Begierden freilegen möchte
Katharina Teutsch | Ausgabe 18/2014 2
„Occupy ist Lifestyle“
Experimentierfreudig: Von Denkverboten hält Srećko Horvat nichts
Foto: PetAr MArkovic

Der Freitag: Sie haben kürzlich in Frankfurt am Main auf einer Tagung zur „Politischen Romantik“ über Lars von Triers Film „Nymphomaniac“ gesprochen. Charlotte Gainsbourg versucht in diesem Film, einen nackten, gefesselten Mann mit erotischen Fantasien zu provozieren.

Srećko Horvat: Gainsbourg will dem Mann sein sexuelles Geheimnis entlocken, um ihn später erpressen zu können. Sie erzählt ihm also Geschichten von Orgien und redet über Gruppensex, doch der Mann zeigt nicht die geringste Reaktion. Dann schildert sie ihm einen kleinen Jungen, der in Shorts durch den Wald läuft. Da bekommt er eine Erektion. Er wusste selbst nicht, dass er eine pädophile Veranlagung hat. Gainsbourg holt sie quasi aus seinem Unbewussten. Mein Punkt war, zu sagen: Auch die Linke könnte heute so eine nymphomanische Geschichtenerzählerin brauchen.

Worin besteht die Analogie?

Die Episode zeigt, dass Menschen etwas besitzen, was Donald Rumsfeld mal als „unknown unknowns“ bezeichnet hat, heimliche Begierden also, von denen wir selbst nicht wissen. Ich würde die Linke in diesem Sinne gerne testen: Ich würde sie nackt auf einen Stuhl binden und ihr von Charlotte Gainsbourg schmutzige Geschichten erzählen lassen.

Was für Geschichten wären das?

Vor allem über die Machtfrage. Was, wenn die Linke tatsächlich politische Verantwortung übernähme, wenn Occupy Wallstreet eine Partei gründen würde? Dann schauen wir mal, was passiert!

In Frankfurt haben Sie auch Alain Badious Wort von der „Impotenz“ der Linken zitiert. Wie passt der Befund des marxistischen Philosophen zu den heimlichen Begierden der Linken?

Ich bin sehr skeptisch gegenüber Badious Kritik der heutigen „Impotenz“. Ich glaube, wir würden eine Überraschung erleben, wenn wir die Linke diesem kleinen Experiment unterziehen würden. Es wäre nicht unwahrscheinlich, um in der Analogie von Nymphomaniac zu bleiben, dass viele Aktivisten eine Erektion bekämen, wenn man sie mit den aktuellen Tabus des linken Denkens konfrontieren würde. Dann würde sich nämlich zeigen, dass es da ein gestalterisches Potenzial und einen Willen zur Macht gibt, der von sich selbst noch nichts weiß, weil sich die Bewegung nicht wirklich aus der Deckung traut. Ich halte die Frage der Parteigründung deswegen für eine der wichtigsten überhaupt.

Warum ist die Machtfrage so ein großes Problem für das linke Selbstverständnis? Eine Partei wie Alexis Tsipras’ „Syriza“ in Griechenland ist doch mit einer Wahlzustimmung von fast 27 Prozent äußerst erfolgreich gewesen.

Man kann es an der innerlinken Diskussion sehen: Den einen ist Syriza zu radikal, andere meinen, sie sei nicht radikal genug. Die einen glauben, die Parteigründung sei der Anfang vom Ende und korrumpiere die Linke zwangsläufig. Andere schwören auf horizontale Demokratie und wieder andere gehen sogar so weit, Gewalt als Mittel zur Erreichung politischer Ziele ins Auge zu fassen. Das Spektrum der Meinungen, was und wie eine linke Macht zu sein habe, geht sehr weit auseinander. Was sagt uns das? Ich glaube, dass wir diese Positionen heute mit maximaler Offenheit durchdenken sollten. Deshalb bin ich mehr und mehr für eine Art Dialektik zwischen einer linken Partei, den Gremien der jeweiligen Protestbewegung und der breiten Masse von Demonstranten und Aktivisten.

Gibt es dafür Vorbilder?

Ja, in Brasilien unter Lula. In Porto Alegre gab es eine starke Protestbewegung, die allerdings ohne die Partido dos Trabalhadores (PT) niemals so erfolgreich ihre Ziele hätte formulieren können. Dann ist die PT an die Macht gekommen und es gab diese dritte Säule, die man partizipative Demokratie nennt. In dem Fall ging es um participative budgeting. Die Bevölkerung konnte direkt über die Verwendung von 30 Prozent des Stadtbudgets bestimmen.

Was wir heute beobachten ist, dass die Kombination dieser drei Säulen in der politischen Praxis meistens nicht gut funktioniert.

Das stimmt. Es gab zwar starke Protestbewegungen wie den Arabischen Frühling, aber es fehlte dort an wählbaren linken Alternativen. Der Erfolg der Muslimbrüder war auch dieser Leerstelle im politischen Spektrum geschuldet. Ähnlich ist es bei Occupy Wallstreet. Dort gibt es zwar direkte Demokratie auf organisatorischer Ebene, aber keine Ambition zur realpolitischen Parteigründung.

Der Staatsrechtler Carl Schmitt, um dessen Buch „Politische Romantik“ es auf der Frankfurter Konferenz unter anderem ging, hatte 1919 noch vor politischen Hitzköpfen gewarnt. Später ist er selbst durch die „Romantik“ der nationalsozialistischen Ideologie verführt worden.

Ich würde sagen, dass Carl Schmitt teilweise recht hatte mit seiner Kritik. Er beschreibt den politischen Romantiker nämlich als jemanden, der sich allzu leicht in Ästhetisierungen verliert. Mit anderen Worten: Es ist in gewisser Weise billig, ein Prophet zu sein oder über die Impotenz der Linken zu orakeln, als sei die Sache schon entschieden. Andererseits würde ich immer sagen: Eine linke Partei ohne Romantik, das kann ja auch nicht funktionieren.

Wäre Alexis Tsipras’ Idee, eine Konferenz zur Streichung von Schulden in Südeuropa abzuhalten, so eine Utopie?

Zum Beispiel. Der Gedanke, Griechenland könnte ein Teil seiner Schulden erlassen werden, klingt zwar unrealistisch, aber das ist er nur in der Theorie. Praktisch wäre es möglich, man denke nur an die Londoner Konferenz von 1953, als Deutschlands Gläubiger auf einen Großteil ihres Geldes verzichtet haben – lustigerweise waren das genau die Banken, die Deutschland heute Geld schulden: portugiesische, spanische, und so weiter. Also aus einer historischen Perspektive betrachtet wirkt Tsipras’ politisches Ziel gar nicht so utopisch.

Sie gehören zu den Gründern des Subversive Festivals in Zagreb. Oliver Stone, Slavoj Žižek und Tariq Ali sind prominente Unterstützer dieses linken Get-Togethers. Sie selbst sind aber aus der Festivalleitung ausgeschieden, weil Sie an Sponsoren wie T-Mobile festhielten.

Das ist immer das Problem linker Projekte, die eine gewisse Größe annehmen. Uschi Obermaier, das erste Groupie der Kommune 1, schildert den ideologischen Konflikt in ihren Memoiren. Dass sie Aktivistin war und gleichzeitig Fotos für die Springerpresse machte, war für viele Linke damals ein Problem. Es gab also Diskussionen darüber, ob man die Rhetorik des Establishments, in dem Fall seine Sex-sells-Devise, zur Durchsetzung der eigenen Ziele nutzen darf.

Was hieße das für das Fortleben der Occupy-Bewegung?

Occupy Wallstreet nutzte ja dezidiert die einschlägigen sozialen Medien. Das ganze Design der Protestbewegung, ihre werbewirksame Symbolik bis hin zur Besetzung des Zuccotti Parks: Alles war ja auf ästhetische Wirkung angelegt. Nun besteht bei solchen Inszenierungen immer die Gefahr, dass eintritt, was Walter Benjamin „Anästhetisierung“ genannt hat. Dass vor lauter Selbstinszenierung allmählich das politische Ziel aus dem Blick gerät.

Gibt es eine Parallele zwischen der Kommune 1 und Occupy?

In Deutschland hat sich die Protestbewegung ja in drei Richtungen entwickelt. Zum einen gab es den Marsch durch die Institutionen. Das Produkt davon sind Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, aber auch der ehemalige Maoist Manuel Barrosso. Der zweite Weg war die Radikalisierung durch die RAF. Die dritte Entwicklung war die Popkulturalisierung. Mit Ikonen wie Uschi Obermaier wurde der Protest Teil des Mainstreams. Auch Occupy Wallstreet wurde zum Lifestyle-Phänomen. Selbst Obama sympathisierte am Ende mit den Demonstranten.

Was bedeutet es für eine Protestbewegung, wenn sie von einem Mann vereinnahmt wird, gegen dessen Politik sie sich richtet?

Obama hat ja etwas sehr Cleveres gemacht. Er hat gesagt: Seht her, Occupy Wallstreet ist der Beweis dafür, dass wir eine funktionierende Demokratie haben, lasst die Kinder also ruhig im Zuccotti Park spielen. Ich würde trotzdem nicht sagen, dass die Bewegung gescheitert ist. Es gibt ganz konkrete Ausläufer wie etwa Occupy Debt, in dessen Rahmen Aktivisten verbriefte Schulden von Privatpersonen aufkaufen und erlassen.

Sie haben mit Ihrem Freund Slavoj Žižek ein Büch über die Zukunft Europas verfasst. Welche Rolle spielt Europa für Ihr Selbstverständnis als linker Philosoph?

Ich war in Indien, in China, in den arabischen Ländern und weiß, dass der Kapitalismus ohne die europäischen Errungenschaften Wohlfahrtsstaat, Gewerkschaften und Solidarität nichts taugt. Europa hat da immer noch eine Menge zu geben! Jetzt klinge ich als Linker am Ende doch wieder wie ein politischer Romantiker. Jedenfalls wie ein romantischer Optimist.

Das Gespräch führte Katharina Teutsch Srećko Horvat wurde 1983 in Osijek / Kroatien geboren. Zwei seiner acht Bücher sind 2013 auf Deutsch im Laika-Verlag des ehemaligen RAF-Terroristen Karl-Heinz Dellwo erschienen: Nach dem Ende der Geschichte – vom arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung und Was will Europa? (mit Slavoj Žižek). Er berichtet über soziale Bewegungen unter anderem für den Guardian , Al Jazeera und die New York Times

 

 

06:00 06.05.2014

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