Ode an die Helden von morgen

Schwerstarbeit Wer im Kulturbetrieb etwas bewegen will, muss genetisch gut ausgestattet sein, sonst gibt es kein Geld. Ein Bericht aus erster Hand

Es war schon weit nach Mitternacht im Café Bendl, das auch „Bück dich“ heißt, weil man ein paar Stufen hinuntersteigen und unter der Tür dann den Kopf einziehen muss, um in eine durch einen Bogen in zwei Parzellen eingeteilte Kneipenhölle mit gepolsterten Bänken zu gelangen, in denen die Hinterteile der Stammgäste über die Jahrzehnte hin tiefe Beulen hinterlassen haben, wo die nikotingrauen Wände an die Zeiten des Tabaks erinnern und die Musicbox die Hits von damals nachspielt.

Im „Bendl“ treffen sich nicht nur Freaks und Studenten, sondern auch Künstler, sogar Klaus Maria Brandauer begibt sich hinunter, weil so ein traumhafter Ort, wie ein Stück von Alt-Schwabing, in einer durchwegs bürgerlichen Stadt wie Wien seinesgleichen sucht. So war das vor bald drei Jahren.

Rauchschwaden hingen in den kleinen Räumen, die Musicbox rackerte sich durch die Nacht, der Winterwind rempelte gegen die Fenster und vielleicht war das der Grund, weshalb ich an den Frühling dachte. Frühling aber bedeutet in Wien: Wiener Festwochen, sechs Wochen lang, seit je und jetzt trotz Krisenzeiten immer noch ein Überangebot, vor allem an internationalem Theater. „Da sitzt man dann wieder bei dem wahnsinnig interessanten Hamlet aus Kasachstan und weiß nur eines: dass man ganz andere Sorgen hat“, dachte ich. Und schrie meinem Assistenten Umek, weil es so laut wurde im „Bendl“, ins Ohr, dass wir wieder brauchen, worüber wir so gut wie nicht mehr verfügen, nämlich Konzentration. Viele der alten Festivals mogeln sich am Zeitgenossen vorbei. Auf Veranstaltungen, die uns vorführen, was wir gerade noch haben und uns mühsam über Subventionen zusammenkratzen, können wir schon langsam verzichten. Was wir brauchen, sind Gedankenfestivals, die das gute alte Symposion auffrischen, befreit vom alten Biedersinn und diesem Zug ins Philisterhafte. Lustig muss es zugehen, damit man den Ernst ertragen kann, denn die Gedankenfestivals müssen von der Zukunft handeln. Ich ließ mir ein paar Zettel bringen und schrieb was auf. Wie man es eben manchmal tut, wenn man nach Mitternacht und ein paar Bieren sich entschließt, die Welt zu verändern, ein bisschen benebelt, auch vom Zigarettenqualm und den nostalgisch lärmenden Oldies. So begann es.

Normalerweise hebt man solche Notizen auf, bis man sie nicht mehr findet und bestellt sich dann Karten für die nächsten Festwochen. Aber Umek insistierte, bestand auf der Ausarbeitung der Schmierskizzen und fuhr mich eines Tages ins Burgenland, wo am Ende der Welt auf einem Hügel ein neu gebautes Hotel stand. Er hatte auch unseren Freund Heribert Sasse eingeladen, der als Ex-Intendant etwa des Berliner Schillertheaters im Verhandeln erfahren war. Außerdem sollte sein herrenhaftes Auftreten und das Blitzen seiner Manschettenknöpfe auch mir ein bisschen vom Glanz der Gesellschaft verleihen.

Die Lohndiener starrten

Dann kam der reiche Mann, der mit seiner Firma auf der Weltrangliste bereits Rang sieben erobert hatte, ein Schweizer mit familiären Wurzeln in Österreich, der auch das neue Hotel errichtet hatte, aus Neigung und mit Fördermitteln, und nach Veranstaltungen suchte, die es aus seiner Lage im Abseits herausheben sollten. Er hatte auch seinen burgenländischen Sekretär und Berater mitgebracht, einen einheimischen Subalternen nach Art der Gegend, dem Reichen in der Hoffnung auf Brosamen offenbar treu ergeben.

Ich referierte lang, was den Mann mit dem Geld sichtlich unterhielt, als aber Sasse von Bezahlung sprach, erschrak er furchtbar. Er habe nicht vor, dem Burgenland Geld zu schenken, wir hätten Texte zum Einreichen von Förderungen zu verfassen, honorarfrei. Dann fragte er seine Sekretärschranze: „ Was hältst du davon, Fritz?“ oder wie der Mann auch immer hieß. Und Fritz, vom Thema ohnehin überfordert, meldete vorsichtshalber Bedenken an. Wir verließen dann den schauderhaften Ort. Später ließ der Reiche noch wissen, dass man ihm genau berichtet habe, wie viel und was wir auf seine Einladung hin getrunken hätten und dass man in meinem Koffer Sexspielzeug gefunden habe. Was in doppelter Hinsicht bizarr war. Einerseits habe ich, ein Feind des Technischen in allen Lebenslagen, noch nie einen Sex-Shop betreten. Andererseits musste man sich durch die Unterstellung, vielleicht ein Hinterhalt von Fritz, sinnloserweise nachreden lassen, man habe im Gästekoffer gewühlt. O, schaurige Welt der Reichen.

Wir waren wieder zurück in Wien. Wie konnten wir uns nur so vorführen lassen. „Umek“, sagte ich, „wie können Sie nur glauben, dass man ausgerechnet mir und noch dazu in diesen Zeiten ein Festival nach meinen Wünschen finanziert!“ Es verging dann mehr als ein Jahr.

Dann fuhr mich Umek nach Zürich. Er habe durch regelmäßige Aufenthalte dort Freunde gefunden, Altersgenossen in den Zwanzigern, aber mit Familien an der Goldküste des Zürichsees oder anderen Plätzen der Edelauslese. So war es ihm gelungen, meinen Entwurf dem Schweizer Tennispräsidenten zuzuspielen, der sich, obwohl ständig rund um den Globus unterwegs, auch für Kultur stark macht, wenn ihn etwas überzeugt. Wir waren jedenfalls eingeladen.

Ich hatte mir, weil ich mich mit Hund und Koffern nicht mehr ständig den wachsenden Zumutungen der Bahn aussetzen wollte, zwar keinen Führerschein, aber ein Auto zugelegt, mit dem mich Umek fallweise beförderte, damals erst einmal ein 1-er BMW, und war eigentlich ganz stolz darauf. Ich war dann entsprechend enttäuscht, als wir beim „Baur au Lac“ vorfuhren und uns selbst die Lohndiener anstarrten, als hätte sich ein Trabi zu ihnen verirrt. Tatsächlich standen nur Bentleys vor dem Hotel und ein Rolls-Royce des Hauses. Reserviert war eine Junior-Suite mit Blick auf den See und die Bentleys. Man versuchte mir, weil das Baur, noch ein richtiges Luxushotel wie in alten Zeiten ist, jeden Wunsch von den Augen abzulesen, obwohl ich wunschlos war und dem Abendessen mit dem Tennispräsidenten in der Kronenhalle mit sehr gemischten Gefühlen entgegensah. „ Abblitzen wird er uns lassen“, sagte ich zu Umek. „Wir werden baden gehen.“ Umek deutete durch die Fenster auf den See hinaus: „ Wasser wäre ja genug da“.

Er traf den Präsidenten eine halbe Stunde früher, um ihn einzustimmen „und damit er, wenn du kommst, nicht so erschrickt.“ Den ersten Faux Pas hatte er schon vorausgesehen und im Vorhinein gerichtet, denn ich kam, wie immer, mit Hund. Der Tennispräsident begrüßte mich nach allen Regeln, und sein Sakko mit dem Stecktuch erinnerte mich an England. Die Frage, wer die vermutlich gepfefferte Rechnung bezahlt, löste er, unsicher bei der Einschätzung meiner Person, mit bewundernswerter Eleganz, indem er vorsichtshalber gleich zu Beginn sagte: „ Ein Glas Champagner für meine Gäste.“ Und dann nahm das Gespräch seinen Lauf.

Echthaarperücke empfohlen

Die Darstellung seiner eigenen Tätigkeiten dauerte kaum zwei Minuten. Der Präsident übte sich, wie ich später herausfand, in freundlicher Bescheidenheit, genoss das Essen, erwies sich als Mann mit Humor, aber auch als klarer Profi, der immer Genaueres, noch Genaueres über meinen Plan wissen wollte und ließ am Ende des dreistündigen Treffens wissen, dass er das Projekt für äußerst wesentlich halte und sofort mit der Arbeit beginnen wolle, aber nicht in Zürich, weil er in zwei Tagen auf seinem Landsitz auf Bali für drei Wochen Gäste erwarte, dennoch aber sechs Tage für eine Projektarbeit zur Verfügung stellen würde. Man treffe sich also am besten in ein paar Tagen in Indonesien, Tickets und Aufenthalt würden bezahlt. Auf dem Nachhausweg wies mich Umek darauf hin: „Links wäre jetzt der See, falls du baden gehen möchtest.“ Es war doch aber fast ein Wunder geschehen. Das absolute Gegenteil meiner Burgenland-Erfahrung.

Weil ich weiß, dass Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit meine Lebenschancen drastisch verringern, bat ich Umek, die Khatar-Airlines zu besteigen. Ich selber fuhr nach Hause und ließ mir in der Fattigs-Mühle zwischen Fichtelgebirge und Frankenwald bei angenehmen klimatischen Verhältnissen die Mails aus Bali ausdrucken und empfing die Telefonate. In sechs Tagen war eine vollkommen professionelle Broschüre von 40 Seiten Umfang entwickelt, die vier Wochen gedruckt vorlag. Sponsoren meldeten sich überraschend schnell, aber mit Gstaad als Veranstaltungsort haute es nicht hin. Alternativen waren nicht leicht zu bekommen, weil der Ort viel können muss. Man braucht einen Hubschrauberlandeplatz, einen Vorlesungssaal, Räume für Workshops, Plätze für lange Kamingespräche und einen Platz für Banketts. Schließlich geht es um ein Gedankenfestival, und der Bauch denkt mit. Auch soll es ja kein Quotenrennen werden mit möglichst vielen Besuchern, sondern mit einer beschränkten Teilnehmerzahl, damit man sich nicht im Trubel verliert und wieder miteinander ins Gespräch kommen kann. Ein Buch zur Veranstaltung könnte ja alles dokumentieren und nacherlebbar machen.

Die Veranstaltung hätte so beginnen sollen: Heißluftballons tauchen über dem Veranstaltungsort auf, und man hört von oben und aus Lautsprechern unten Becketts Stück „Das letzte Band“, gesprochen von Christoph Schlingensief. Für die Wirtschaftsgespräche war auch an den Swatch-Uhr-Erfinder gedacht. Beide sind inzwischen verstorben. Denn zwischen Bali und heute verging ein weiteres Jahr.

Zeiten des Sumpfes

Wir saßen inzwischen nicht mehr im „Bendl“, sondern in Kaffeehäusern im zweiten Bezirk, wohin ich inzwischen meinen Wiener Wohnungssitz verlegt hatte. Es gab Festwochen mit Inszenierungen aus fernen Ländern. In Deutschland wechselten die Festivalchefs, aber nicht die Programme. Und wir reagierten auf die Umstände und darauf, was sie von uns verlangen: Frohsein ohne Optimismus. Umek empfahl mir noch zum Zwecke besserer Akzeptanz in der Welt der Reichen und Schönen gezupfte Augenbrauen und eine Echthaarperücke. Aber mein Hund Tommy gab uns das Gefühl, dass es ihm, was für mich viel zählt, ziemlich wurscht ist, wie viel Haare ich auf dem Kopf habe und ob ich am Handgelenk eine Rolex trage oder eine Swatch.

Der Tennispräsident bereiste wieder den Globus, mit nicht einmal Zeit genug für einen ordentlichen Jetlag, deutete aber immer wieder an, dass die Veranstaltung stattfinden würde. Neulich kam es überraschend zu einem Abendessen in London. Ich konnte aus Termingründen nicht, und Umek kam mit einer frohen Botschaft zurück. Die Sache käme zu Potte, und in ein paar Wochen könne möglicherweise vieles aufgestellt sein. Dann könnte ich auch erzählen, worum es eigentlich geht.

Selbst wenn in letzter Minute doch nichts zustande kommt: Die lange Zeit der Verhandlungen war eine spannende Recherche. Wenn man heute in der Kultur abseits der eingefahrenen Programme, aber selbst dort, etwas voranbringen will, muss man bereits genetisch gut ausgestattet sein, um ein mögliches Happy-End noch zu erleben. Ohne Menschen wie den Schweizer Tennispräsidenten, der bekanntlich René Stammbach heißt und nach meinen Erfahrungen eine vollkommene Ausnahmeerscheinung ist, fast ein Wunder, hieße es „Gute Nacht um sechs“. Aber die heute in Zeiten des Sumpfes nicht versinken und nichts versinken lassen, sind die Helden von morgen.

Helmut Schödel ist Dramaturg und Autor in Deutschland und Österreich

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10:30 10.10.2010

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