Ode ans Kino

Film Prekäre Arbeit, Enteignung, Entfremdung: Anna Sofie Hartmann erzählt vom Bau eines Tunnels zwischen Fehmarn und Dänemark

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, so dicht ist dieser Film. In weniger als 90 Minuten erzählt Giraffe von Fortschritt und Globalisierung, von deren Folgen für die Vorstellung von Heimat, von Erinnerung, von innerer und äußerer Entgrenzung, kurz: von gewaltigen, komplexen Themen. Doch diese verhältnismäßig sportliche Spielzeit reicht Anna Sofie Hartmann für ihren zweiten Spielfilm Giraffe völlig aus: ein Film, präzise wie ein Uhrwerk, eine jede Szene voller Bedeutung, dabei jedoch niemals bedeutungsschwanger daherkommend.

Die dänische Regisseurin, die die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin absolviert hat, ist eine Meisterin der filmischen Konzentration. Schon ihr Abschlussfilm Limbo über eine Schülerin, die sich in eine Lehrerin verliebt, lebte von dieser Verdichtung. In Giraffe schaut uns der titelgebende Vierbeiner gleich in den ersten Einstellungen an. Er ist ein Symbol für die Entwurzelung: Seinem natürlichen afrikanischen Habitat entrissen, hat die Regisseurin das erhabene Tier in Dänemark gefunden.

Aufhänger ihres neuen Films ist der Bau des Fehmarnbelttunnels, der die süddänische Insel Lolland mit Deutschland verbinden soll. Um dieses Mammutprojekt herum versammelt Hartmann ihr Personal der Entwurzelten: Dara (Lisa Loven Kongsli), eine in Berlin lebende Ethnologin, die im Rahmen eines Forschungsprojekts in die dänische Heimat zurückkehrt, um die Geschichten und Lebensweisen der wegen des Tunnels umgesiedelten Menschen zu dokumentieren; der polnische Arbeiter Lucek (Jakub Gierszał), der in Dänemark mit seinen Kollegen Glasfaserleitungen für die Tunnelarbeiten verlegt und mit dem Dara anbandelt; und Käthe (Maren Eggert), die auf der Fähre von Dänemark nach Deutschland arbeitet. Die Fährfrau, die nirgends anzukommen scheint, ist die Personifikation eines zentralen Filmthemas, denn Hartmann erzählt vom Leben im Transit, im Dazwischen.

Mit aller Konsequenz macht die Dänin ihren Film selbst zu einem Grenzgang, und zwar in jeglicher Hinsicht. Es dauert, bis man begreift, dass es sich bei Giraffe um einen Spielfilm handelt, erst langsam schält sich eine Narration aus den Bildern. Gedreht wurde mit Laien und professionellen Darstellen, Kamerafrau Jenny Lou Ziegel fängt das Geschehen fast ausschließlich in streng kadrierten Totalen ein, wie man das aus dem dokumentarischen Genre kennt, und das Thema der Entwurzelung direkt in Bildern: etwa wenn Dara und Lucek sich auf einer Brücke begegnen, Szenen auf der Fähre spielen oder die Kamera immer wieder durch Türrahmen blickt: alles Orte des Übergangs. „Die Orte sind es, die verbleiben, die man besitzen kann, und die am Ende von einem Besitz ergreifen.“ Flüchtigkeit, überall Flüchtigkeit. Auch in den Zeilen aus Rebecca Solnits Die Kunst, sich zu verlieren, die Dara Lucek am Strand vorliest. Sie wird zur Dokumentaristin der Flüchtigkeit, wenn sie Menschen interviewt, deren Familien über Generationen hinweg in den zum Abriss freigegebenen Häusern gelebt haben. „Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten“, sagt einer der Laiendarsteller, dem genau das passiert sein könnte. Seine Frau kann den Gedanken, bald an der Stelle des alten Heimes vorbeizufahren, kaum aussprechen, ist den Tränen nahe. Ein Moment des Innehaltens.

Freiheit kann Gefängnis sein

Weitere Spuren und Geschichten sammelt Dara auf leer stehenden Höfen. Erinnerungen aus anderen Zeiten, wie etwa jene Tagebucheinträge einer Bibliothekarin namens Agnes Sørenson, die den Film begleiten. Agnes’ Aufzeichnungen über Alltägliches und ihre Liebschaften werden zum Spiegel der irrlichternden Ethnologin, die weder bei ihrem Freund in Berlin noch bei dem 14 Jahre jüngeren Arbeiter anzukommen scheint. Die in ihrer Freiheit gefangene Akademikerin und der aus ökonomischen Abhängigkeiten Angereiste, der von Sub- und Sub-Sub-Unternehmen ausgenommen wird: zwei Seiten der Entgrenzung.

Prekäre Arbeitsverhältnisse von Leiharbeitern, Enteignungen von Häusern und Bauernhöfen, Entfremdung: Sicherlich, man kann Giraffe globalisierungskritisch lesen. Doch Hartmann macht keine Anstalten, unserer komplexen Welt mit leichten Antworten zu begegnen, sie bleibt völlig neutral und lässt keine falsche Nähe zu ihren Figuren zu. All das erinnert in seiner Strenge an die Filme von Michael Haneke, nur ohne dessen Drastik.

Umso erstaunlicher ist es, welchen Sog dieser leise Film entwickelt. Wie die sterbenden Orte von Dara Besitz ergreifen, so ergreift Giraffe mit seiner nüchternen Poesie und seiner inneren Spannung. Eine Spannung, die sich aus der eingangs erwähnten Verdichtung speist. Überall Bilder voller Bedeutungssplitter: Steine auf einem Acker, die, so die beiden Theorien des Landwirts, entweder vom Frost oder von der Erdrotation an die Oberfläche gedrückt werden, raus aus der ursprüngliche Umgebung. Fährfrau Käthe denkt sich Geschichten zu ihren Fahrgästen aus. Über einen Mann, der bewegungslos aus dem Fenster starrt. Warum? Woher kommt er?

Klug erzählt Hartmann in Giraffe davon, dass wir, die Menschen, es sind, die aus den Geschichten etwas machen: Käthe spinnt ihre Storys wie eine Literatin aus dem dunklen Nichts heraus; Dara, die Wissenschaftlerin, agiert mit forensischer Genauigkeit. Und wir, die wir zur distanzierten Rezeption genötigt werden durch die Totalen und die dokumentarischen Interviews mit Luceks Kollegen, die tatsächliche Arbeiter sind. Nahaufnahmen gibt es, wenn überhaupt, nur in anderen Medien, in die der Film zweimal wechselt: verwackelte Skype-Bilder von den Gartenblumen von Daras Mutter oder Impressionen aus Luceks Heimat, die der Verliebte als Videobotschaft schickt.

Das Kino ist ein Ort der Geschichten, das weiß Hartman nur zu gut. Sie schafft einen Raum, in dem sich auf ganz magische und einzigartige Weise Realität und Imagination verschränken. Bei allem Respekt vor den großartig erzählten Serien dieser Tage, die für ihre Epik als neue Bildungsromane gefeiert werden, ist eine Konzentration, wie Hartmann sie hier perfektioniert, nur im Kino möglich. Damit ist Giraffe, dieser filmische Grenzgang über das Dazwischen und die Flüchtigkeit, zugleich eine Ode an und eine Reflexion über das Kino. Über das flüchtige Dunkel.

Info

Giraffe Anna Sofie Hartmann Deutschland/Dänemark, 82 Minuten

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06:00 08.08.2020

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