Oder kam das weg?

Fake-Fiction Pierre Bismuth macht die Suche nach einem Kunstwerk von Ed Ruscha spannend: „Wo ist Rocky II?“
Friederike Horstmann | Ausgabe 42/2016

Damals, in den 70er Jahren, zog es viele Künstler hinaus ins Weite, in Wälder, auf Wiesen und bevorzugt in jenes Gelände, das am ursprünglichsten und unberührtesten schien – in die Wüste. Fernab konventioneller Kunstzentren wurde die Wüste zum Bau- und Schauplatz spektakulärer earth works. Viele der schwer zugänglichen Kunstwerke erlangten damals gerade durch filmische und fotografische Reproduktionen Popularität.

Einen wichtigen Beitrag zur Distribution leisteten Magazine und Fernsehsender, die Dokumentationen über diese Werke in Auftrag gaben. Die BBC filmte den kalifornischen Maler und Fotografen Ed Ruscha 1979 beim Transport eines Kunstwerks in die Mojavewüste zwischen Los Angeles und Las Vegas: ein riesiger, aus Fiberglas gefertigter Stein namens Rocky II (Rocky I war noch aus Pappmaché gefertigt und zerfiel bald), der noch heute irgendwo in der Wüste herumstehen muss. Ein Fake-Felsen, der schnell in Vergessenheit geriet und in keinem Werkkatalog des bekannten Pop-Art- und Konzeptkünstlers gelistet ist.

Durch den BBC-Clip ist der Künstler und Drehbuchautor Pierre Bismuth auf Rocky II aufmerksam geworden. Er beschließt, den Stein zu finden und einen Film über seine Suche zu drehen. Über das ominöse Kunstwerk und dessen Künstler erfährt man in Wo ist Rocky II? wenig. Vielmehr fungiert der geheimnisvolle Stein als MacGuffin – als jenes Objekt, das Handlung auslöst und vorantreibt, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein. Ein Aperçu von Ruscha eröffnet den Film: „Hollywood is not just a place, Hollywood is a verb. You can Hollywoodsomething. You can Hollywood anything.“

Schon das Zitat stellt eine vom Hollywoodkino infizierte Narration in Aussicht. Für seine Fake-Fiction engagierte Bismuth unterschiedliche Ermittler: einen beharrlichen Privatdetektiv und zwei versponnene, Aufputschdrogen zugeneigte Drehbuchschreiber (D. V. DeVincentis, Anthony Peckham), die den Stoff um den mysteriösen Felsen für einen Spielfilm bearbeiten und in leicht deliranten Dialogen hypothetische plot points über die Gründe der Kunstaktion entwerfen.

Paratextuelle Wucherungen

Der Film Wo ist Rocky II? scheint eine Weiterführung des Kunstwerks Rocky II unter umgekehrten Vorzeichen zu sein. Versuchte Ed Ruscha, Spuren des Artifiziellen zu kaschieren, nutzt Pierre Bismuth verspielte Strategien, um seine Dokumentation in der Postproduktion zu fiktionalisieren. Eine animierte Google-Karte simuliert die Annäherung an die Wüste, die motorisierten Investigationsbewegungen des Detektivs entlang einsamer Wüstenhighways werden akustisch nachbearbeitet. Auf der Tonspur ist von Anfang an ein orchestraler Spielfilm-Suspense-Score präsent, der durch sein eskalierendes Crescendo eine Unheilsatmosphäre suggeriert. Immer wieder werden Handlungsstränge unterbrochen, Szenen eingeblendet, die man erst nach einiger Zeit als inszenierte Sequenzen des geplanten Spielfilmprojekts identifiziert. Die muntere Montage wechselt zwischen durchgestyltem Dokumentarfilm und geplantem Thriller, zwischen Parodie und Abenteuerfilm. Das ist mal unübersichtlich, mal unterhaltsam, mal ein enervierender Entgrenzungsdiskurs, der als visuelle Form der Verquickung von Fakt und Fiktion obsessiv Überblendungen nutzt.

Am Anfang des Films befragt der an Kunst desinteressierte Detektiv Protagonisten aus der Kunstwelt – distinguierte Direktoren, Kuratoren, Sammler. Alle kennen sie den famous artist, doch niemand den fake rock. Das Werk ist der Sichtbarkeit entzogen und scheint der radikalen Entgegenständlichung innerhalb der Konzeptkunst zu entsprechen. Dass Kunstwerke durch ihre Dematerialisierung Objekte von Imaginationen werden können, zeigt Bismuths Film eindrücklich.

Und der Stein kommt auch im Internet ins Rollen. Parallel zum Dreh von Wo ist Rocky II? startete der Regisseur ein Crowdfunding, das aufrief, Theorien über den Verbleib von Rocky II zu entwickeln. Aus Bismuths hypertrophem Interesse an erzählerischen Experimenten entstehen paratextuelle Wucherungen. Vor dem Abspann von Wo ist Rocky II? wird der Trailer zu Monument One präsentiert, dem Spielfilmprojekt, das nie realisiert wurde.

Info

Wo ist Rocky II? Pierre Bismuth F/BEL/D/ITA 2016, 93 Minuten

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