Odyssee ins gelobte Land

Illegale Zuwanderung Die restriktive Grenzpolitik Europas ist janusköpfig. Sie blendet aus, dass der Markt die billigen Arbeitskräfte ohne Papiere einkalkuliert

In einer Fabrik in Tanger pulen Frauen zu Niedrigstlöhnen ostfriesische Krabben, die mit dem Kühllastwagen hierher und dann fertig abgepackt wieder nach Europa zurückgefahren werden. Viele der jungen Männer, die sich in den Cafés und Plätzen der Altstadt herumtreiben, planen ihre Ausreise nach Europa. Ihr Geld verdienen sie mit Aushilfsjobs oder dubiosen Geschäften. Die Schwarzafrikaner unter ihnen haben bereits einen langen Weg hinter sich. Mit dem Bus, per Anhalter und zu Fuß durchquerten sie die Sahara und schlugen sich durch bis nach Tanger, der Börse der Flüchtlinge. Hier warten Schlepperbanden - so genannte Broker - auf sie, die eine Überfahrt über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien anbieten. Etwa 14 Kilometer misst die viel befahrene Wasserstraße an ihrer schmalsten Stelle, die die Erste von der Dritten Welt trennt. Die riskante Passage im Schlauchboot kostest bis zu 1.500 Dollar. Wer es sich leisten kann, bezahlt für eine Schwimmweste 250 Dollar zusätzlich.

Wer den illegalen Weg nach Europa einschlägt, muss einen grimmigen und oft aussichtslosen Kampf durchstehen, dessen Ziel es ist, sich ein Stück des Wohlstandskuchens zu sichern. Europa lockt. Wer ins gelobte Land will, der versucht auch, ohne Einreisevisum und Arbeitserlaubnis hinein zu gelangen. Dazu müssen diese nicht willkommenen Fremden einen Fuß auf einen Schengen-Staat wie etwa Italien setzen. Dann rücken auch die reichen mitteleuropäischen Länder in greifbare Nähe. Denn das Abkommen von Schengen garantiert den Bürgern seiner Mitgliedstaaten, die Binnengrenzen ohne Personenkontrolle zu überschreiten. Und Schengen-Europa reicht von Helsinki bis an die Algarve. Gleichzeitig wappnet sich dieses Europa der Freizügigkeit mit hochgerüsteten Grenzen und rigiden Gesetzen gegen unbefugten Zutritt. Dazu gehören Patrouillenboote und Infrarotgeräte zum Aufspüren geheimer Grenzgänger, aber auch das Erfassen biometrischer Daten für Neubürger außerhalb der EU, wie es etwa das italienische Zuwanderungsgesetz vorschreibt. Für immer perfektere Grenzkontrollen und technische Überwachungssysteme werden keine Ausgaben gescheut.

Mittlerweile sind die Negativschlagzeilen über schrottreife Seelenverkäufer mit bis zu 800 Flüchtlingen an Bord, die irgendwo an den Küsten des Mittelmeers landen, zurückgegangen. Dies ist wohl zum Teil der winterlichen Witterung geschuldet. Dafür ist die illegale Migration nun über die sogenannte Visa-Affäre in die Debatte geraten. Nach wie vor kommen die meisten Einwanderer auf dem Landweg. Ein großer Teil der "Illegalen" kommt sogar mit legalen Papieren über die Grenze und bleibt über die vorgeschriebene Aufenthaltsdauer hinaus.

Die Visa-Debatte überschattet die wichtige Frage, ob wir Zuwanderung brauchen. Demographen, Unternehmen und die rot-grüne Bundesregierung beantworten sie angesichts des Geburtenrückgangs in Deutschland mit einem zögerlichen Ja. Die Union setzt hingegen auf Integration der hier lebenden Ausländer und beschwört das Schreckgespenst einer Parallel- und Schattengesellschaft, in der sich womöglich Kriminelle und Terroristen einnisten können. Das deutsche Zuwanderungsgesetz blendet die illegal hier Lebenden aus. Auf eine Million veranschlagen Experten jene, die ohne Aufenthaltsberechtigung in Deutschland leben. Sie sind nicht willkommen, werden aber gebraucht. Sie arbeiten ohne Sozial- und Krankenversicherung für Dumpinglöhne auf dem Bau, im Gastgewerbe oder im Haushalt.

In der momentanen Debatte um Reisevisa wird wieder das Vorurteil bedient, illegale Migranten würden Bundesbürgern Arbeitsplätze wegnehmen. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) hält jedoch pauschale Annahmen einer "Gefährdung der Löhne und Arbeitsplätze von Einheimischen durch illegale Migration" für "unberechtigt". Der europäische Bedarf an - häufig saisonalen - Arbeitskräften im Niedrigstlohnbereich ist groß und insofern rechnen die EU-Staaten marktwirtschaftlich mit dem Faktor Illegalität. Wer günstige spanische Tomaten kauft, profitiert von der Schattenwirtschaft.

Doch die illegalen Arbeiterinnen und Arbeiter entziehen sich der öffentlichen Kontrolle. Das kann kein Staat dauerhaft dulden. In Ländern wie Spanien, Griechenland und Italien gibt es daher immer wieder Legalisierungsangebote. Ein gesamteuropäisches Zuwanderungsgesetz mit einer humanen Einwanderungsregelung ist nicht in Sicht. Wenn es bald wärmer wird, werden daher viele Menschen wieder das lebensgefährliche Risiko einer Mittelmeerüberquerung auf sich nehmen.


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00:00 04.03.2005

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