Odyssee ins Innere

Neurologie Nach dem Tod ihres Vaters plagen Siri Hustvedt mysteriöse Zitteranfälle. Sucht die Schriftstellerin nach feuernden Neuronen, der Psyche und dem Selbst

Leseprobe:

Als mein Vater starb, war ich zu Hause in Brooklyn, hatte aber nur wenige Tage zuvor in einem Pflegeheim in Northfield, Minnesota, an seinem Bett gesessen. Obwohl körperlich geschwächt, war er geistig ganz auf der Höhe gewesen, und ich erinnere mich, dass wir viel geredet und sogar gelacht haben, wenngleich ich mich an den Inhalt unseres letzten Gesprächs nicht entsinnen kann. Das Zimmer, in dem er am Ende seines Lebens wohnte, sehe ich jedoch deutlich vor mir. Meine drei Schwestern, meine Mutter und ich hatten Bilder aufgehängt und eine blassgrüne Tagesdecke gekauft, damit der Raum nicht so kahl wirkte. Auf dem Fensterbrett stand eine Blumenvase. Mein Vater hatte ein Lungenemphysem, und wir wussten, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Meine Schwester Liv, die in Minnesota wohnt, war an seinem letzten Tag als einzige seiner Töchter bei ihm. Seine Lunge war zum zweiten Mal kollabiert, und dem Arzt war klar, dass er einen weiteren Eingriff nicht überstehen würde. Als er noch bei Bewusstsein, aber nicht mehr in der Lage war zu sprechen, rief meine Mutter nacheinander ihre drei Töchter in New York an, sodass wir mit ihm telefonieren konnten. Ich erinnere mich deutlich, dass ich eine Weile darüber nachdachte, was ich ihm sagen sollte. Ich hatte den kuriosen Gedanken, ich dürfe in so einem Augenblick nicht irgendetwas Dummes von mir geben, müsse meine Worte sorgfältig wählen. Ich wollte etwas Unvergessliches sagen – eine absurde Idee, weil das Gedächtnis meines Vaters wie alles andere bald ausgelöscht sein würde. Doch als meine Mutter ihm den Hörer ans Ohr legte, war alles, was ich herauswürgen konnte: „Ich hab dich ja so lieb.“ Später sagte mir meine Mutter, er habe, als er meine Stimme hörte, gelächelt...


© 2010 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg


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Buch der Woche: von Siri Hustvedt

Verlag: Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-498-03002-5

240 S., 18,95

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, als älteste von vier Töchtern eines norwegisch-amerikanischen Professors für Skandinavistik geboren. Seit 1983 ist sie mit dem US-Schriftsteller Paul Auster verheiratet. Hustvedt arbeitet als Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Norwegischen. Bekannt wurde sie mit den Romanen Die unsichtbare Frau, Die Verzauberung der Lily Dahl und, vor allem, mit dem internationalen Bestseller Was ich liebte.

Das Buch ist am 16. Januar 2010 erschienen


Lesungen:

29. Januar 2010 im Schauspielhaus Düsseldorf Gustaf-Gründgens-Platz 1, 40211 Düsseldorf

1. Februar 2010 im Babylon Berlin Mitte,Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin.

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20:01 26.01.2010

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