Ökologie oder Ideologie?

Nord Stream 2 Bei der Ostsee-Pipeline geht es den Grünen mehr ums Prinzip als ums Praktische. Dabei ist Erdgas als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität unersetzlich

Die frühere Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock will die Inbetriebnahme der mittlerweile zu Ende gebauten Erdgastrasse „Nord Stream 2“ verhindern, u. a. wegen eines Pokerspiels mit dem Gaspreis, das sie Präsident Putin unterstellt. Sie beweist damit eine Ideologisierung der grünen Außenpolitik, die hoffen lässt, dass in der Ampelkoalition das Auswärtige Amt durch eine kompetente Person aus den Reihen von SPD oder FDP besetzt wird.

Ein Vorwurf, der grüne Politiker und Springer-Medien eint, fußt auf der Behauptung, die hohen Erdgaspreise seien das Werk unlauterer russischer Lieferanten, die den Energieträger europäischen Kunden vorsätzlich vorenthalten, um abzukassieren. Dies zeugt mehr von Feindbildpflege als Kenntnis des Erdgasmarktes. So führt die Internationale Energieagentur den derzeitigen Preisschub auf leere Gastanks durch einen zuletzt überdurchschnittlich langen Winter, eine in Fernost erhöhte Nachfrage und eine verminderte Stromerzeugung durch Windenergie zurück. Zudem ist Russland kein Monopolist, liegt doch sein Anteil an den Gaseinfuhren der EU laut Eurostat bei 39 Prozent.

Diese tatsächlichen Ursachen brachten Moskau Schützenhilfe von einer Seite, die sich ansonsten nicht mit Kreml-Kritik zurückhält. Im Unterschied zur gescheiterten grünen Kanzlerbewerberin lässt Noch-Kanzlerin Angela Merkel wissen, dass Russland zu Unrecht an den Pranger gestellt werde. Die Schuldzuweisung erfolge vorschnell, so ihr Bescheid, bei dem womöglich die Ankündigung der russischen Regierung eine Rolle spielt, mehr fördern und liefern zu wollen, um dadurch den Gaspreis zu senken.

Es ist schwer nachvollziehbar, dass jemand Baerbock oder Springer die Geschichten vom Schuldigen an kalten Wohnzimmern glaubt. Erst recht, wenn jemand „Nord Stream 2“ zu blockieren und so nicht zuletzt aus Deutschland stammende Investitionen in einem Milliardengrab auf dem Grund der Ostsee zu versenken droht. Mehr als nur ein Indiz dafür, dass es den Grünen in diesem Fall mehr um Ideologie als Ökologie geht. Erdgas steht als fossiler Brennstoff unter Kritik, da es auf dem Leitungsweg zu Methan-Absonderungen der Pipelines kommt, die den Treibhauseffekt verstärken. Dennoch gilt dieser Energieträger als sauberer, verglichen mit Öl oder Kohle, und ist als Brückentechnologie bis zur Umstellung auf regenerative Quellen unersetzlich.

Es muss insofern weiter Erdgas aus dem Osten nach Mitteleuropa fließen, wenn nicht durch „Nord Stream 2“, dann verstärkt durch ukrainische Leitungen. Rein politisch sicher ein guter Weg für die grünen Förderer der Kiewer Regierung. Doch sind diese Uralt-Trassen kaum gewartet und haben eine wesentlich schlechtere Klimabilanz als der neu gebaute Ostsee-Strang. Auch die begehrte Liefersicherheit kann die Ukraine nicht garantieren. Im Preisstreit mit Moskau schreckte Kiew nicht davor zurück, Erdgas einfach aus dem für die EU bestimmten Kontingent abzuzweigen.

Im Übrigen würde die Inbetriebnahme von „Nord Stream 2“ das Angebot auf dem angespannten EU-Gasmarkt vergrößern. Zusammengefasst schadet eine Aversion gegen diese Leitung der Ökobilanz, der Liefersicherheit und der Preissituation bei Gas. In Russland gibt es die Auffassung, die Grünen seien eine Partei, die ihre transatlantische Ausrichtung über die traditionellen Ziele stellt. Annalena Baerbock zeigt durch ihre Positionen, wie ein solcher Eindruck entsteht.

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