Ökosystem Off-Space

Standortfaktor In Berlin gibt es mehr von ihnen als überall sonst auf der Welt. Aber wie sieht die Zukunft von Projekträumen aus?
Ökosystem Off-Space
Abbildung von @lilperc666 als Teil eines Instagram-Takeovers für COVEN BERLIN

Der Projektraum wurde nicht in Berlin erfunden. Aber die Idee gehört zum Teil der hiesigen künstlerischen Infrastruktur, und die wiederum ist ein Produkt historischer und urbanistischer Umstände. Er ist veränderlich, und das muss er auch sein, denn die Umwelt, die einst seine Entstehung begünstigte, hat sich längst gewandelt.

Man ist zu Recht stolz auf diese Idee. Seit 2012 werden im Rahmen der Art Week die Project Space Awards vergeben, und zwar an künstlerische Projekträume, selbst initiierte Orte, die Kunst zeigen, und an Initiativen, die an gar keinem festen Ort sind. Darunter war im vergangenen Jahr zum Beispiel Cashmere Radio, das vor allem als Audiostream im Internet existiert. 2021 wird Creamcake ausgezeichnet, ein Kollektiv, das mit Partys bekannt geworden ist und sich um den Diskurs um Clubkultur, Theorie, digitaler Kunsterfahrung verdient gemacht hat. Der Off-Space kann ein ephemeres Dasein haben oder an verschiedenen Orten in der Stadt auftauchen.

Mythische Gründerjahre

In diesem Jahr wird unter anderen Coven ausgezeichnet, Englisch für Hexenzirkel. Es handelt sich um eine Initiative, deren Praxis nur schwer in Kategorien zu fassen ist. Ihre Geschichte beginnt 2013, als junge, queere Menschen, die es aus den USA nach Berlin gezogen hat, eine Anzeige auf der Webseite Craigslist aufgaben. „Leute, die einfach auf der Suche waren“, sagt Louise Trueheart, die zwar nicht zu den Gründungsmitgliedern gehört, aber im selben Jahr dazukam. Ich treffe sie an einem Montagabend bei Weißbier und Rhabarberschorle. Sie ist etwas müde, weil sie noch einen weiteren Job als Dramaturgin hat, für den sie gerade aus Düsseldorf kommt.

Eigentlich begann Coven als Blog, erzählt sie, das dann zu einem Onlinemagazin wurde, schließlich zu einem Kunstkollektiv. Das fing an, Ausstellungen zu organisieren, selten mehrmals am selben Ort, zum Beispiel I’d Rather Be A Cyborg Than A Goddess, 2015, die an die posthumanistischen Diskurse jener Jahre anschloss. Die Rollen von Kurator*innen und Künstler*innen waren nicht festgelegt. Das Magazin publizierte Texte über Feminismus, Hexen, strukturelle Gewalt. Es gab weitere Ausstellungen: Lucky, eine Schau über Privilegien und Glück, inklusive einer fingierten Game Show, in der Teilnehmende nur verlieren konnten. Proband werden befasste sich, ausgerechnet im Prä-Pandemiejahr 2019, mit dem Gesundheitssystem und ließ Besucher*innen zu Testsubjekten werden.

Project Space Awards

Mit diesem Preis würdigt der Berliner Kultursenat die Arbeit der freien Projekträume und -initiativen. Seit nun zehn Jahren werden jährlich 10 Projekträume und -initiativen in Berlin ausgezeichnet und erhalten dafür je 10.000 Euro. Das diesjährige Jubiläum wird zudem unter dem Motto „X-Raum“ mit einer Publikation und eigener Website gefeiert, die alle 110 Preisträger*innen der letzten Jahre zusammenfasst. Die diesjährigen Preisträger*innen sind: ABA Art Berlin Alexanderplatz, Club der polnischen Versager, Coven Berlin, Creamcake, diffrakt | zentrum für theoretische peripherie, Directors Lounge, Liebig12, NOrthEurope / WestGermany, Spoiler Aktionsraum, U144 Untergrundmuseum. Es gibt eine Ausstellung der raumlosen Initiativen und von ausgewählten Kurzfilmen im Kunstpunkt Berlin sowie geführte Fahrradtouren durch Projekträume.

2021 dreht sich bei Coven alles um den Sumpf, erklärt Trueheart. Berlin wurde in einem trockengelegten Sumpfgebiet gebaut – lange bevor es Projekträume gab – , und mit der Trockenlegung wurde ein Lebensraum zerstört. Der Sumpf, sagt sie, absorbiert Kohlendioxid, ist also gut fürs Klima. Wenn etwas Lebendiges hineingelangt, stirbt es und wird konserviert, denn er ist ein anaerobes Milieu. Er kann alles in sich aufnehmen, er bewahrt, und seine Produktivität ist nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Diese komplizierte und widersprüchliche Metapher führt durch Somabog, das Programm, das Coven zur Art Week im Kunstpunkt in Berlin-Mitte präsentiert. In einem Workshop geht es um Körperpolitik im Alten Ägypten und bei den Yoruba. Und es gibt eine Performance zu feminisierter, reproduktiver Arbeit sowie einen Workshop über Gender-Transition und das Altern.

Feste Räume? Kein Interesse

Self-Care, mag man denken und hätte ja recht, man sorgt sich hier um sich. Das sei aber auch etwas Emanzipatorisches, erklärt Trueheart. Gefühl und Politik sind ein Kontinuum, genauso wie Kunst und Aktivismus auf demselben Spektrum Platz finden. Fragt man sie nach dem Zusammenspiel der beiden, hat sie keine Berührungsängste. Das alles hat mit Gemeinschaft zu tun, und die fängt beim Verhältnis zu den Künstler*innen an. Zu denen ist Coven loyal, schließlich, so Trueheart, konnten sie ihre Kollaborateure anfangs nicht bezahlen. Jetzt, da es Förderung gibt, bleibt ihnen das Kollektiv treu.

Coven und viele andere Initiativen, die in den 2010ern in Berlin begonnen haben, finden eine sich wandelnde Stadt vor. Räume werden rar, Mieten steigen. Die Veränderung vollzieht sich im Stillen schon lange, und nach einem Pandemiejahr zeichnet sich keine Entspannung ab. Begriffe wie nomadisch und dezentral gehören seit einigen Jahren zur Selbstbeschreibung vieler Kunsträume. Das mag daran liegen, dass eine neue Generation nach Berlin kommt, die international vernetzt ist, mit dem Internet als zweiter Natur, und dass immaterielle Praktiken en vogue sind. Zentrale Lagen sind aber eben auch für freie Initiativen unbezahlbar geworden und Fördermittel sind knapp.

„Wir waren nie so sehr an einem festen Raum interessiert. Wir finden es ganz gut, in Bewegung zu bleiben“, sagt Louise Trueheart an dem Ufer, wo Neukölln auf Kreuzberg trifft. Während des Gesprächs kommt ein Mann an den Tisch, der Arts of the Working Class anbietet, eine Zeitung, die von Obdachlosen verkauft wird und im vergangenen Jahr mit einem Project Space Award ausgezeichnet wurde. Ich kaufe eine. Titel der Ausgabe: „Berlin Questions“.

Die Hauptstadt ist anders als andere Metropolen in Europa, hier manifestieren sich Fragen von Kunst und Gesellschaft. Kurz nach der Wende begannen Künstler*innen, die heutigen Infrastrukturen zu schaffen, 2009 gründete sich daraus das Netzwerk freier Projekträume und -initiativen, mittlerweile hilft es der Berlin Art Week, ihr Projektraumprogramm zu entwickeln. Die Kunstwoche, die von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie der Senatsverwaltung für Wirtschaft gefördert wird, erhebt Projekträume zum Standortfaktor.

Der Künstler Oliver Möst ist im Netzwerk für den Award mitverantwortlich. Er erzählt mir am Telefon, wie Künstler*innen in den 90ern in die gerade vereinigte Hauptstadt strömten. „Es gab kaum Ausstellungsmöglichkeiten, aber viele leer stehende Räume“, sagt er. „Dann hat man gesehen, dass man mit einem Projektraum viel marktunabhängiger arbeiten kann.“ Es kam zu einer Ausdifferenzierung der Kunstszene, die, so sagen viele, in Berlin einzigartig ist.

Nach Schätzungen hat Berlin ungefähr 150 unabhängige Kunsträume, einige davon Überlebende aus den 90ern, jenen mythischen Gründerjahren. Manche Institutionen – wie die KW in Mitte – sind aus diesem fruchtbaren Substrat hervorgegangen. Andere stammen aus der goldenen Zeit der Projekträume, den 2000ern. Angenommen, ein Raum zeigt fünf Ausstellungen im Jahr, dann käme man insgesamt auf ungefähr 750 Shows. Eine alte Weisheit besagt, die Projekträume seien das größte Ausstellungshaus der Stadt.

Bevor Kunstmachen und Geldverdienen eins sind, irgendwo zwischen Studium und Galerierepräsentation, können sich Künstler*innen in Projekträumen ausprobieren. Manche bleiben gleich in dieser Welt, wo das nächste Werk nicht von Verkäufen finanziert werden muss. Wer sich in das System Projektraum begibt, der betritt ein Gefüge, das parallel zum Kunstmarkt existiert. Grenzen zwischen Markt, Institutionen und freier Szene sind durchlässig, aber spürbar. Projekträume können andere Dinge besser als produzieren, verkaufen, Geld verdienen. Sie bilden ein Ökosystem, das sich mit dem kommerziellen Kunstmarkt überschneidet, mit den großen Institutionen überlappt, aber eben auch in die Stadtgesellschaft ausfranst.

„Das soll etwas machen, eine Bewegung in Körper und Seele auslösen“, sagt Trueheart. Das, was Coven präsentiert, soll nicht elitär sein. Die Herausforderung in ihrer Arbeit bestehe darin, dass sie viele Menschen einschließen soll. Auch Oliver Möst erklärt: „Das Besondere an Projekträumen ist oft, dass sie sehr niedrigschwellig sind. Sie haben eine Verwurzelung im Kiez. Die Leute gehen wie selbstverständlich dorthin.“ Darin unterscheiden sie sich von vielen Galerien und Institutionen. Kunst wird nicht nur gezeigt, sondern mitproduziert, kommentiert und diskutiert.

Was geschehen muss, damit es weitergeht, ist für Möst klar. Förderung aus öffentlicher Hand sollte es nicht nur für kommunale Galerien und vom Land finanzierte Institutionen geben, es sollte auch mehr für freie Initiativen da sein. Davon könne man dann zum Beispiel Künstler*innenhonorare bezahlen. Unterdessen ist das knapp geworden, was Berlin einst zu einem Biotop für Kunst gemacht hat – der viele Platz, die leeren Häuser, Läden, Fabriketagen.

Das Ökosystem Sumpf und das Ökosystem Projektraum sind sich vielleicht gar nicht so unähnlich. Beide sind essenziell für die größeren Systeme, in die sie eingebunden sind. Beide sind bedroht. „Projekträume müssen sich Businessmodelle überlegen“, sagt Louise Trueheart, während die Sonne über dem Landwehrkanal untergeht. „Aber dafür waren sie nie gedacht.“

Coven präsentiert Somabog im Kunstpunkt in Berlin

Das Workshop- und Performanceprogramm findet vom 16. bis 19. September statt, die Ausstellung ist vom 16. bis 26. September zu sehen

Teilnehmende Künstler*innen: Daniela Bershan, Natal Igor Dobkin, MINQ, Daddypuss Rex

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06:00 10.09.2021

Ausgabe 38/2021

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