Ölkrise

A–Z Unser Lexikon der Woche über falsche Prinzen, Ölkomplotte, Zaubertricks sowie 1.001 glänzende Bettgeschichten
Ölkrise

Foto: Gurcan Ozturk/AFP/Getty Images

A

Asterix Gallier ernähren sich vor allem vom Wildschwein, weiß man natürlich. Im Band Die Odyssee stellt sich heraus, dass der Druide Miraculix stets auch Öl zur Herstellung des berühmten Zaubertranks verwendet. Miraculix sind die Vorräte ausgegangen und der phönizische Händler Epidemais hat vergessen, ihm neues aus dem Nahen Osten zu bringen. Miraculix benötigt nicht irgendein Öl (Qualität), sondern Steinöl alias Erdöl. Ohne Zaubertrank sind die Gallier der römischen Eroberung schutzlos ausgeliefert – Asterix und Obelix machen sich also auf den Weg.

Die Fahrt wird zur Odyssee, weil die zwei von einem römischen Spion begleitet werden, der sie in Schwierigkeiten bringt. Schließlich gelingt ihnen doch, Öl direkt aus einer mesopotamischen Quelle zu ergattern, das allerdings kurz vor der Heimkehr die Biskaya verseucht. Zurück in Gallien stellt sich dann auch noch heraus, dass Miraculix das Steinöl durch Roterübensaft ersetzen konnte – es war also alles umsonst. Sophie Elmenthaler

B

Bettgeschichten Wer denkt nicht gerne kreativ, wenn es um die Kombination von Öl und Körpern geht! So mancher findet eingeölte, glossy-schimmernde Männer- und Frauenkörper höchst erotisch; was liegt näher, als zum Beispiel im Bett einen Bodybuilder-Wettkampf nachzustellen, und den Partner bis zum Umfallen in Öl zu tränken? Für solche Bettspielchen bieten sich verschiedene Öle an, wobei zu beachten ist: Babyöl ist interessant schmierig, zieht aber nie ein, sodass man nach einer interessanten Massage-Session nicht nur einen glitschig-schmierigen Partner neben sich liegen, sondern auch ölige Bettlaken am Körper kleben hat.

Apropos: Wem sagt man das, so eine Massage eignet sich natürlich wunderbar als Vorspiel. Es gibt hierfür eine Marketing-Innovation des Gleit- und Massageöls, das in seiner Multifunktionsvariante auch als wärmendes Produkt (Filz) mit „betörendem Duft“ zu haben ist. Wer sich schon immer einmal wie eine heiße Aprikose fühlen wollte, sollte hier nicht zögern und zugreifen. Marlen Hobrack

F

Filz Dieser elende Ölkrisenwinter 1973. Die Temperatur in den Schulen war auf 18 Grad heruntergedrosselt, und durch die porösen Fenster pfiff der Wind. Wir standen vor dem Mittleren Schulabschluss, aber französische Vokabeln und arithmetische Sätze wollten in unseren erkalteten, blutleeren Hirnen einfach nicht Platz nehmen. Es war die Zeit der Maxi- und Midi-Mäntel, und meine Freundin Renate und ich waren superstolz auf unser taubenblaues und rostrotes Modell.

In die Wolle gekuschelt saßen wir im Unterricht, als uns von vorne eine eisige Stimme anfuhr: „He, ihr da hinten“, brüllte die Klassenlehrerin, „friert ihr?“ Ungläubiges Glotzen unsererseits. „Glaubt, euch alles rausnehmen zu können“, donnert es weiter, „raus aus dem Filz, sonst schmeiß ich euch raus!“ Der Filzwinter läutete das Ende einer Ära ein. Meine Freundin Renate ging freiwillig. Für immer. Ulrike Baureithel

G

Griechenland Über „feurige Südländer“ liest man in Groschenromanen, sie werden in Schlagern besungen, sie spuken als kulturalistische Klischees durch die Köpfe. Griechisches Feuer hingegen gab es wirklich, allerdings führt der Name in die Irre. Die Byzantiner ließen sich die gefürchtete Waffe im 7. Jahrhundert einfallen und nannten es „Seefeuer“. Das Gemisch bestand wohl aus Pech, Schwefel, Salpeter und Erdöl, das man an der Erdoberfläche gewann. Man konnte die Substanz als eine Art Flammenwerfer benutzen und zum Beispiel durch Rohre auf feindliche Schiffe spritzen. Oder wie Brandbomben auf sie werfen. Das verursachte unlöschbare Brände und löste Chaos unter den Besatzungen aus, denn selbst auf dem Wasser schwammen Flammenteppiche.

Konstantinopel verteidigte sich zwischen 674 und 678 mit dem griechischen Feuer erfolgreich gegen die Belagerung durch die Armee des Kalifen. In der idealisierten Rückschau feiern rechte Kreise diese Abwehr heute als Rettung des Abendlands. Dabei ist Geschichte immer komplizierter. Tobias Prüwer

L

Lebertran „Was wäre aus Moby Dick geworden, hätte Ahab ihn erwischt?“, fragt ein Witz-Quiz im Netz. Wer hier die Option „Lebertran“ anklickt, liegt falsch. So wie wir früher falsch (Prinz, falscher) über den Wal informiert wurden. Zumindest mir brachte man bei, dass der Lebertran von den Säugern kommt. Die Großeltern erzählten Schauergeschichten, die von dem angeblich bitteren, eklig-viskosen Zeug handelten. Von üblem Gestank war auch die Rede. Aber man hatte ja nichts, man hatte wenigstens Lebertran. Nur wird der gar nicht aus Walen gewonnen. Lebertran nämlich stammt aus den Lebern von Dorsch, Nordseehai und Schellfisch. Deshalb kann man ihn bis heute kaufen – und Kinder damit verschrecken.

Was man den Walen – und Robben – abtrotzte, nennt sich schlicht Tran (oder Polaröl). Der Tran wird durch Auskochen oder Pressen aus dem Fettgewebe der Tiere gelöst. Man verwendete den Tran zum Beispiel als Lampenöl und die Fettgewinnung war der wesentliche Antrieb für die Walfangindustrie. Ab 1800 begann sie ihren Sinkflug, weil das Walvorkommen rapide abnahm (Raubbau). Als das Petroleum den Tran ersetzte, waren die Säuger schlichtweg überfischt. Quizfrage: Kann man das so sagen? Tobias Prüwer

P

Prinz, falscher Kosakentracht, Lammfellmütze, Dolch am Gürtel – Anfang der 1930er erregt der Aserbaidschaner Essad Bey in Berlin Aufsehen. Mit 24 Jahren veröffentlicht der Journalist seine Autobiografie. Öl und Blut im Orient schildert unterhaltsam wie ironisch sein Leben als Sohn eines feudalen muslimischen Öl-Magnaten im Melting Pot von Baku. Der Ausbruch der Russischen Revolution zwingt Vater und Sohn zu fliehen. Die Mutter, eine Bolschewikin, hat sich schon früh das Leben genommen. Zentralasien und Iran sind Stationen ihrer Flucht, bis sie zurückkehren können. Als die Rote Armee Aserbaidschan besetzt, fliehen Essad Bey und sein Vater abermals – diesmal getrennt Richtung Istanbul.

Öl und Blut im Orient bietet 1930 viel Gesprächsstoff, wird in mehrere Sprachen übersetzt. In Deutschland kommen Zweifel auf (Verschwörung), die sich bewahrheiten: Essad Bey ist zwar Sohn eines Öl-Unternehmers. Sein Vater aber ist kein feudaler Aserbaidschaner, sondern georgisch-jüdischer Herkunft. Essad Bey kommt 1905 in Kiew als Lew Abramowitsch Nussimbaum zur Welt, konvertiert 1922 in Berlin zum Islam, er studiert ein paar Jahre Orientalistik an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Dass er tatsächlich in Baku gelebt hat, ist übrigens belegt. Neben Unterlagen aus seiner Schulzeit existiert etwa noch ein Foto aus dem Jahr 1913 von einer muslimisch-jüdischen Weihnachtsfeier in Baku, auf dem der damals achtjährige Lew zu sehen ist. Behrang Samsami

Q

Qualität Olivenöl gilt als eines unserer modernen Superfoods – irre gesund (Lebertran), beugt es Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor, fördert die Verdauung und kann im Gegensatz zu vielen anderen Ölen und Fetten ohne schlechtes Gewissen reichlich genossen werden. Kein Wunder also, dass sich bei der enormen Nachfrage früher oder später Qualitätsprobleme einstellen. Geradezu verheerend waren die Ergebnisse der Stiftung Warentest vom Februar dieses Jahres: In rund jedem zweiten getesteten Öl wurden potenziell krebserregende, gesättigte Mineralöl-Kohlenwasserstoffe gefunden, sogar in einem der teuersten zu 14,40 Euro pro Liter. Die Bezeichnung „nativ extra“, die nur Olivenöle bestimmter Qualität tragen dürfen, wurde vielfach zu Unrecht geführt. Und schließlich schmeckten viele Öle einfach nicht. Fazit: Öle, die fünf bis fünfzehn Euro pro Liter kosten, verdienen maximal eine befriedigende Note. Die „besten“ Öle waren ausgerechnet billige Sorten von Aldi oder Lidl, wobei es auch unterirdisch schlechte Discounteröle gab. Was also tun? Utopia.de, Medienpartner vom Freitag, empfiehlt: Herkunft prüfen. Bio kaufen. Und ruhig über 20 Euro pro Liter zahlen. Sophie Elmenthaler

R

Raubbau Rohstoffstars, die endlich alle Probleme ihrer Vorgänger lösen sollen, alsbald aber selbst zu Motoren des Raubbaus an Mensch und Umwelt werden, gibt es viele. Erdöl ersetzte das Walfett (Lebertran). Dass Förderung und Transport – von der Verbrennung als Schweröl, Benzin oder Kerosin ganz abgesehen – des schwarzen Golds nicht erst seit den aktuellen Fracking-Fantasien unsanft zur Umwelt sind, ist kein Geheimnis. Die Stichworte Brent Spar und Deepwater Horizon sollten hier genügen.

So auch das Palmöl. In wenigen Jahren wurde es zum extrem wichtigen Rohstoff – mit allen Konsequenzen, die sich daraus in der kapitalistisch organisierten Welt ergeben. Der aus den Früchten der Ölpalme gewonnene Stoff wird von der Nahrungsmittelindustrie eingesetzt, steckt in Kosmetik- und Reinigungsprodukten, wird als Energielieferant verwendet. Laut einer Studie der Umweltorganisation WWF werden weltweit Ölpalmen auf rund 17 Millionen Hektar, das ist die halbe Fläche Deutschlands, angebaut. Das zerstört Regenwälder, bedroht seltene Arten wie den Orang-Utan und Sumatra-Tiger und bringt Menschen um ihr Land. So mancher rät, nun seinerseits das Palmöl durch andere Pflanzenöle zu ersetzen. Dann geht der Raubbau halt mit der Alternative weiter. Langfristig helfen nur Verzicht oder Erfindergeist. Tobias Prüwer

V

Verschwörung Will man sich über Ölkrisen informieren, so stößt man zwangsläufig auf weltumspannende Komplotte, an denen Politik, Wirtschaft und Medien gleichermaßen mitzuwirken scheinen. Werden Phänomene zu komplex, um sie auf einer Zeitungsseite hinreichend zu erklären, fordern sie paranoisches Denken heraus. Den teilweise kunstvoll (Qualität) ausgearbeiteten Theorien ist dabei gemein, dass sie den herrschenden Diskursen ähneln. Ihr Motor ist aber weniger ein Erkenntnisinteresse als vielmehr der unausräumbare Verdacht selbst, der unendliche Zweifel. Verschwörungstheorien sind in ihrer Fabulierlust Wiedergänger der Postmoderne: Sie neigen zur Selbstaffirmation, das heißt, sie genügen sich im Bewundern der Brillanz ihrer eigenen Konstruktion.

Es fällt der modernen Vernunft zunehmend schwerer, sich gegen diese paranoide Wissensproduktion und ihre Obsession, eine verborgene Wahrheit hinter den Dingen aufzudecken, zu wehren – vermutlich auch darum, weil sie in ihr die verrückt gewordene Urenkelin der Aufklärung erkennt. Tilman Ezra Mühlenberg

Z

Zahnrad Hätte, hätte, Fahrradkette: Wenn sie vom Zahnrad, Kettenblatt oder Zahnkranz rutscht, werden beim Aufdröseln die Finger schmutzig. Klar, kann man abwaschen (Bettgeschichten). Nicht so leicht bekommt man Ölflecken aus der Natur raus. Gerade eine frisch geschmierte Kette wird zur Tröpfchenschleuder. Gut also, dass es biologisch abbaubares Kettenöl gibt. Wer will schon umweltfreundlich unterwegs sein und dann Wald und Flur verpesten? Leider bleibt selbst bei einer praktischen Sache wie dem Fahrrad das Angebot nicht selbst praktisch. Neulich kam mir eine Ausgeburt sinnloser, lächerlicher Produkt-Diversität unter: Schmierfett für die Kugellager im Lenker. In der Tube war natürlich ökologische Masse, aber das Zeug war ernsthaft pink und roch nach Erdbeere. Tobias Prüwer

06:00 22.03.2017
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