Offene Fiktion

Kolonialgeschichte In „Occupy Schloss von Puttkamer“ überschreibt Pascale Obolo deutsche Relikte in Kamerun
Madeleine Bernstorff | Ausgabe 14/2016

In der Auseinandersetzung mit Deutschlands Kolonialvergangenheit und deren Verbindungslinien in die Gegenwart gibt es aktuell so unterschiedliche ungelöste Debatten wie Straßen-Umbenennungen, die Anerkennung des Genozids an Nama und Herero als Völkermord und den respektvollen Umgang mit den Opferverbänden oder den künftigen Umgang mit den Beutekunst-Artefakten im geplanten Berliner Humboldtforum (Freitag vom 11. Juni 2015). Die im Jahr 2012 gegründete Akademie der Künste der Welt in Köln diskutiert nun bis Ende Juni Machtverhältnisse und Folgen kolonialer Herrschaft und lud dazu unter anderem in das Kino des Filmforums im Museum Ludwig. Vorgeführt wurde als work in progress ein gut einstündiger Teil des Werks Occupy Schloss von Puttkamer von Pascale Obolo.

„Gäunerische Macht“

Die Künstlerin und Filmemacherin erarbeitet ein objet filmique fictionnel, ein filmisches fiktionales Objekt, das sich auf die Spuren deutscher Kolonialgeschichte begibt. Und in sie hinein: Die Kolonialarchitektur am Beispiel eines neobarocken Schlosses, das der deutsche Gouverneur Jesko von Puttkamer 1901 in Kamerun errichtet hatte, setzt Obolo einem eindrucksvollen performativen Zugriff aus.

Der Film funktioniert wie eine Passage: Im ersten Teil wird ein im Bundesarchiv aufbewahrter Kolonialpropagandafilm von 1927 bearbeitet; in die fette, weiße Typografie der Zwischentitel hineingezoomt, werden deren Beschönigungstexte fragmentiert, die flauen, schwarz-weißen Bilder mit Bildschichten heutiger Orte überlegt und die feudale Geläufigkeit sakral-klassischer europäischer Musik mit einem komplexen Klackrhythmus verschoben.

Dazwischen appelliert der Film mit auffordernden Titeln: „Jetzt Architektur dekolonisieren!“ Kommentarstimmen funktionieren als polyphone Beschwörungen, sie stellen Fragen nach den Helden, nach Widerständigen, deren Erinnerung im heutigen Kamerun getilgt wurde. Sie erzählen aber auch von Sprachkolonisationen, deutsch, französisch und englisch. „Koloniale Vergangenheit wird auf eine Weise erinnert, die es leicht macht, sie zu vergessen“, sagt die Autorin Grada Kilomba über die klassische Wissensproduktion und ihre Ausschlüsse, über die „andauernde Kolonialität“, die uns umgibt.

Im zweiten Teil des Films nimmt der kamerunische Performer und Choreograf André Takou Saa es dann mit dem Kolonialfilm von 1927 auf, der auf ihn und die Umgebung des Puttkamer-Schlosses in der Stadt Buea am Fuße des Kamerunberges projiziert wird. Er nähert sich den wenigen erhaltenen Objekten an; das Schloss ist bis heute Regierungszweitsitz und darf nur aus der Ferne gefilmt werden. Und die Geister, die Pascale Obolo weckt, sind so gar nicht zufrieden damit, wie die Geschichten der Kolonisation erzählt werden.

Zumal sie hierzulande kaum bekannt sind. Das romantisierende Schlösschen hatte der einstige Gouverneur Jesko von Puttkamer in Buea bauen lassen, die luxuriöse Inneneinrichtung war berüchtigt. Sein autokratischer Führungsstil hatte einen Namen: „Puttkamerei“.

Konrad Adenauers Sprüche

Dagegen wandte sich etwa der kamerunische Königssohn Rudolf Manga Bell, der 1905 zusammen mit 20 weiteren Volksoberhäuptern an den Berliner Reichstag schrieb, man wolle die „wucherische und gäunerische Macht“ der Kolonialverwaltung nicht mehr dort haben, „denn ihre Regierung führen sie nicht gut, sie sind nicht gerechtfertigt“, mit ihrer Art und Weise, das Land zu „exploitieren“. Umsiedlungen und Zwangsarbeit, Auspeitschungen und Enteignungen waren an der Tagesordnung, vor Besitznahme durch die Verwaltung wurde die Ansiedlung Buea zweimal von deutschen Truppen belagert und einmal völlig zerstört.

Der Duala-Prinz und Kolonialmigrant Mpundu Akwa versuchte ab 1907 von Hamburg aus, „die Gräuel der deutschen Kolonialpolitik im Allgemeinen und die großherrliche Herrschaftspraxis Jesko von Puttkamers im Besonderen zu skandalisieren, indem er an die Öffentlichkeit trat und den Kontakt zu SPD- und Zentrumsabgeordneten suchte“, wie es Tobias Nagl in seiner 2009 erschienenen Untersuchung Die unheimliche Maschine. Rasse und Repräsentation im Weimarer Kino erzählt.

Mit dem Versailler Vertrag wurden dem Deutschen Reich alle Kolonien aberkannt. Schon 1924 aber konnten deutsche Unternehmen die Pflanzungen am Kamerunberg zurückkaufen. Zu dieser Zeit entstanden in Deutschland kolonialrevisionistische Filme, die Ausbeutung als vermeintliche Wohltaten beschrieben; ein Großbildband von 1925 meinte mit „Kolonialraub“ nicht die Enteignung der einheimischen Bevölkerungen, sondern den Verlust der Ausbeutungsprovinzen. Die Kölner Ausstellung Pressa von 1928 warb mit einer kolonialen Sonderschau, in der der damalige Oberbürgermeister Adenauer mit Sprüchen vom „Raum ohne Volk“ zitiert wurde.

Pascale Obolo, in Kamerun geboren, ihre Großmutter sprach noch Deutsch, hat für ihren Film im Bewusstsein der Leugnung und des Verschweigens eine besondere, experimentelle und affektive Form der Vergegenwärtigung gefunden: Der Bismarck- Brunnen in Buea, der immer noch Pilgerziel für Besucher aus Deutschland ist und den die Deutsche Botschaft pflegt, wird von André Takou Saa in präzisen, berührenden Bewegungen kommentiert. Obolo nennt das narration corporelle, eine Körpererzählung, die sich die belasteten Orte wieder aneignet. Dem musikalischen Sog des Films merkt man die Erfahrungen Obolos an – in den 80er Jahren trat sie mit Ladie’s Night, einer der ersten weiblichen Hip-Hop-Gruppen, auf, ihr Film Calypso Rose, das Porträt der gleichnamigen Diva des Calypso, lief kürzlich auf Festivals.

Demnächst wird Pascale Obolo in Kamerun weiterdrehen, die Finanzierung von Occupy Schloss von Puttkamer ist noch offen. Die geschriebene Geschichte, die Archivmaterialien, die Architektur sind für die Regisseurin soziopolitische Praktiken, die es zu verschieben gilt, um einen unmöglichen Dialog zwischen den Zeiten, Objekten und Protagonisten zu kreieren. Geschichte ist auch nur eine unerledigte Fiktion.

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