Oh du süße Hölle

Jugendkultur Latex, kopfschüttelnde Helden und die feinen Unterschiede am dunklen Ende der Rockmusik

Jetzt noch eine Baldriantablette nehmen. Alles wird gut. Morgen. Ab morgen wird alles anders. Jahrelang habe ich Funky-Soul-Parties besucht, schwelgte im hippen Schickimicki-Fieber, aber jetzt hab´ ich genug. Ich erinnere mich an eine klammheimliche alte Leidenschaft, die völlig in Vergessenheit geraten war: Metal.

Metal ist harte Musik mit verzerrtem Gitarrensound. Begleitet von einem aggressiven Schlagzeug. Der Gesang ist oft nicht als solcher zu identifizieren. Er ist meist brachial. Ja. Metal, das könnte Balsam für meine Seele sein.


Lektion 1 - Gothic Metal: Wer sich auf einer Gothic-Party nicht direkt beim Betreten der Halle lächerlich machen will, muss richtig angezogen sein. Und das ist gar nicht so einfach. Denn die einzige Farbe, die in der Gothic-Szene getragen wird, ist Schwarz. Dazu passt die Herkunft des Begriffs: Einer Legende nach hat Ian Astbury, Frontmann der Deprirocker The Cult eine andere Band "gothische Elfen" genannt, seither wird träge und düstere Rockmusik als "Gothic" bezeichnet. In voller Montur, schwarzen Jeans, Pullover und Plateauschuhen breche ich auf.

Dunkel und etwas verwinkelt liegt der Laden. Genauso heißt er: "Duncker". Drinnen ist es stockfinster, schwarz eben. Bleibe an der Tür stehen, aus Vorsicht. Obwohl schon kurz vor Mitternacht, ist niemand da. Vielleicht kommen die Gäste erst zur Geisterstunde. Da hinten, in einem Winkel des Raumes bewegt sich etwas, tanzt da jemand? Nein, es ist nur ein Vorhang, der sich im Wind der Klimaanlage bewegt. Im Raum verteilt, dort wo ich etwas sehen kann, hängen Sachen von den Wänden, von der Decke. Dämonen mit verzerrten Gesichtern, groteske Skulpturen und mystische Symbole. Eine riesige metallische Fledermaus mit Maulkorb grinst mich an.

Aber da sind doch Stimmen! Viele auf einmal. Sie flüstern wild durcheinander, in einer Sprache die ich nicht kenne. Irdisch ist sie nicht. Sie werden lauter, immer aggressiver und eindringlicher. Begleitet von einem tiefen konstanten Ton, der bis in die Knochen fährt. Wenn das Musik ist, kommt sie direkt aus der Hölle, ich spüre Kälte im Nacken. Wende mich weg vom Raum, von der Dunkelheit und merke, wie die Füße sich zum Ausgang bewegen wollen. Doch bevor ich die Hand um den eisernen Türgriff legen kann, ertönt eine Stimme, nicht weit von mir, oder bin ich es selbst?

"Möchtest du etwas trinken?" Ich schleudere herum. Da ist eine Bar, hinter der eine junge Frau steht. Sie lächelt, deute ich in die Finsternis hinein. Und ich bin doch nicht allein. Da sitzen noch andere Gestalten an der Bar. Bestelle "Met" - Honigwein, in Metal-Clubs so verbreitet wie anderswo Caipirinha - und geselle mich dazu. Mein Bar-Nachbar hat sich das Gesicht weiß geschminkt, sieht aus wie "der kleine Vampir". Er trinkt auch Met und prostet mir zu. Er verkauft etwas. CDs von einer Band, Die Untoten. Außerdem bietet er blutrünstige Comics und satanische Literatur an. Das Lied das gespielt wird, dauert schon über zehn Minuten, hat aber an musikalischer Variation noch nicht viel hervorgebracht. Sowieso: Es ist erst der dritte Song, seit ich im "Duncker" bin.

Weitere Menschen betreten das Lokal. Sie haben schwarze Ringe unter ihre Augen gezeichnet, Ketten mit okkultischen Zeichen hängen um Hälse und Arme. Außerdem tragen sie diversen Gesichtsschmuck. Einige müssen sich verirrt haben, wollten wohl auf eine S/M-Fetisch-Orgie: Lackstiefel, Latex-Hosen und Kettchen, die vom Ohrläppchen zum Nasenflügel reichen. Mein Nachbar - ich nenne ihn "Rüdiger", wegen des kleinen Vampirs - lächelt und sagt, alle kennen sich hier. Männliche und weibliche "Gothics" sind gleichermaßen aufgestylt und auch in gleicher Zahl vertreten. Fast alle tragen enge, körperbetonte Kleider.

Je voller der Laden, desto lauter wird die Musik. Gitarrenlastiger und rhythmischer. Rüdiger klärt auf: Das ist "Doom Metal". "Doom" bedeutet Verderben, Untergang und beschreibt einen Stil der Gothic Metal ähnelt und sich durch sein langsames Tempo und die schwermütige, depressive Grundstimmung auszeichnet. Die Gitarren sind meist sehr tief gestimmt - bis zu sechs Halbtöne tiefer als bei AC/DC. Bei Doom Metal gehe es in den Texten um Liebe und Tod, sagt Rüdiger. Aber eben auch um Satanismus, Okkultismus oder Vampirismus - wie beim "Black Metal". Dieser sei eine wesentliche härtere Metal-Form, dem Death Metal entstammend. Black Metal zeichnet sich durch seine hohe Geschwindigkeit aus. Während Doom und Gothic Metal noch melodisch sind, enden Black und Death Metal nur noch im Gebrüll. Auf der Tanzfläche bewegen sich die dunklen Gestalten zur Doom-Musik als wollten sie sich in Trance wiegen. Melancholisch schwingen sie ihre Arme, leiden mit der Musik.

Das meiste, was öffentlich über Gothic-Musik geschrieben werde sei Quatsch, beteuert Rüdiger. All diese Panik um Satanismus, besonders seit den Morden von Witten, wo am 6. Juni 2001 ein Paar einen Bekannten mit 66 Messerstichen - die Zahl Sechs ist die Zahl des Teufels - hinrichtete, sei völlig unberechtigt. Die beiden seien überhaupt nicht in eine Gothic-Szene integriert gewesen, völlige Außenseiter. Auch habe der Mörder von Erfurt, fährt Rüdiger fort, mit Gothic nichts zu tun gehabt. "Slipknot, die Band die der Steinhäuser hörte, ist eine trendige Pseudo-Metal-Band, die zwar mit satanischen Inhalten um sich wirft, aber überhaupt nicht ernst zu nehmen ist. Nur weil wir uns schwarz anziehen und das Dunkle mögen, werden wir als Satansanbeter und potenzielle Mörder bezeichnet."

Ich glaube Rüdiger und kaufe ihm zum Dank einen Comic ab. Nach dessen Lektüre ich gewisse Ressentiments bezüglich "dunkler Musik" aber nachvollziehen kann: In dem Heft mordet sich eine Dämonin durch die halbe Stadt, auf der Suche nach der wahren Liebe. Schließlich findet sie den Begehrten. Leider ist der schon fast tot, hat sie ihn doch vorher für den Feind gehalten und ihm - abenteuerliche Prävention - einen Dolch ins Herz gestoßen. Mit diesem letzten Eindruck verlasse ich den düsteren Gothic-Kerker.


Lektion 2 - Death Metal: Das hört sich gefährlich an. Und Angst kann da durchaus aufkommen. Wie gesagt, Death Metal ist brutal und schneller als schnell. Der Schlagzeuger prügelt einen beinahe unerkenntlichen Rhythmus in die Trommeln und Becken. Das Charakteristische an dieser Musik ist aber der "Gesang". Harmonische Melodien? Nix da. Es wird gegrunzt. Bis der letzte Zuhörer glaubt, es gehe dem Ende entgegen.

Ich besuche ein Konzert, es spielen drei international bekannte Death-Metal-Bands. Eine von ihnen heißt Dying Fetus. Es ist zwar erst 21 Uhr, aber schon wesentlich voller als auf der Gothic-Party, die erste Band spielt schon ihren letzten Song. Der Sänger sieht fies aus, trägt eine schwarze Skimaske und baut sich vor dem Publikum auf, als würde er zur Revolution aufrufen. Und er singt wirklich nicht. Er brüllt, so dass man Mühe hat, überhaupt menschliche Laute herauszuhören. Unartikuliert ist auch das Geräusch, mit dem er den Menschen am Mischpult bitten will, den Gesang etwas lauter zu drehen.

Das Publikum besteht überwiegend aus Männern die lange offene Haare tragen. Enge Latexhosen oder Plateauschuhe sieht man hier nicht, aber schwarze T-Shirts mit verschnörkelten, unlesbaren Aufdrucken. Hie und da ein Nasenpiercing oder ein umgedrehtes Kreuz - sogenanntes Satanskreuz. Ein Metaller trägt ein Dying Fetus-T-Shirt, darauf ist ein Engel gedruckt, der ein Maschinengewehr in der Hand hält. Frauen haben sich kaum eingefunden. Die wenigen sind auch nicht anders gekleidet als ihre männlichen Gefährten, tragen die gleichen Metal-Shirts von Bands wie Morbid Angel und Cannibal Corpse.

Bei Death Metal wird nicht getanzt. Was hier gemacht wird, heißt "Headbanging". Ratsam ist dabei, das Haupthaar lang zu tragen. Wer es zum Zopf gebunden trägt, öffne es, beuge den Kopf etwas nach vorne und lasse das Haar in voller Länge an den Seiten herunterhängen. Nun muss der Kopf rhythmisch zur Musik bewegt werden. Bei einem besonders guten Lied wird das Haar so schnell wie möglich in kreisförmigen Bewegungen herumgewirbelt. Zu den erfolgreichsten Haarschüttlern gehören solche, die mit besonders langem Haupthaar ausgestattet sind, dementsprechend imposant wirkt ihr "Banging". Eine Faustregel scheint zu sein, dass derjenige Metaller am besten headbangt, der den größten freien Radius um sich hat.


Zuhause. Nehme eine Kopfschmerztablette, bevor ich ins Bett gehe. Das Fiepen im Ohr lässt noch nicht nach. Stand wohl zu nah an den Boxen. Muss fit sein morgen fürs Thrash Metal-Konzert. Oder heißt das Trash? Beim Einschlafen summe ich etwas. Schade nur, dass ich nicht weiß, woher ich es habe. Vielleicht ahme ich nur den Sound eines Presslufthammers nach. Es könnte aber auch der neueste Dying Fetus-Song sein.

00:00 11.10.2002

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