Oh, glückliches Frankreich!

Kulturprotest "Je lis La Princesse - Ich lese die Prinzessin...". Wo das Lesen eines Klassikers noch Widerstand bedeutet. Zum Protest der Kulturbourgeoisie gegen Nicolas Sarkozy

Dieser Schmöker ist in Frankreich bis in den Elysee-Palast Gesprächsstoff: Die Prinzessin von Clèves. Eine verheiratete Frau verliebt sich in einen anderen Mann, wird von ihm geliebt und hat ein Problem. Das 1678 anonym erschienene Buch – Madame de Lafayette wurde bald als Verfasserin bekannt – ist heute Schul- und Prüfungsstoff. Einem gefällt das nicht. „Sie hat mich ganz schön leiden lassen, diese Prinzessin“, hatte Präsident Sarkozy geklagt und sich darüber lustig gemacht, dass selbst Anwärter auf die niedere Beamtenschaft über diesen ersten psychologischen Roman geprüft werden.

In einem Land, dessen Präsidenten sich gerne auch als Romanciers profilieren, sind solche Sticheleien natürlich ein Affront. Der Effekt: Die gescholtene Prinzessin ist heute, 331 Jahre nach Erscheinen, wieder en vogue. Auf dem vergangene Woche zu Ende gegangenen Salon du Livre war nicht satisfaktionsfähig, wer nicht einen blauen Button mit der Aufschrift „Je lis La Princesse de Clèves“ (‚Ich lese die Prinzessin...‘) trug.

Lesungen statt Barrikaden

Unterdessen ist es zu Zusammenrottungen auf Straßen und Plätzen gekommen. Dabei brannten allerdings keine Autos in den Banlieus, und im Quartier Latin wurden keine Barrikaden errichtet wie einst im Mai. Nein, Lesungen wurden veranstaltet, die Kulturbourgeoisie schwenkte ihre Bände der Pléiade, andere ihre Taschenbücher und lasen sich abwechselnd daraus vor. Der Verkauf zog gewaltig an und gilt nun als Barometer der Unzufriedenheit mit dem Präsidenten. Es ist eine Bewegung geworden, die Gewerkschaft der Hochschullehrer spricht gar von Résistance und davon, dass man sich die Angriffe auf die Lehr- und Meinungsfreiheit nicht gefallen lasse. Und Kürzungen natürlich auch nicht.

Schließlich blieb es Nicolas Sarkozy nicht erspart, selbst eine Lesung aus dem verhassten Buch in der Comédie-Française zu besuchen. Aber hatte nicht auch Ludwig XVI. sich der Revolution anbiedernd, eine Jakobinermütze aufgesetzt, bevor er geköpft wurde?

Merkel und Minna von Barnhelm

Oh, glückliches Frankreich, wo das Lesen eines Klassikers Widerstand bedeutet. Fragt sich: Wäre das auch in Deutschland möglich? Könnte eine aufgebrachte Meute, mit gelben Reclam-Heftchen fuchtelnd, das Bundeskanzleramt stürmen? Nur weil Angela Merkel ihr großes Schweigen gebrochen hätte, um anzumerken, dass Lessings Minna von
Barnhelm
sie schon immer gelangweilt habe? Eher nein. Lesungen sind im Deutschland dieser Tage selten Widerstandsveranstaltungen. Öfter finden sie im Bundeskanzleramt selbst statt, eine Tradition, die Gerhard Schröder begründet hat, um die literarische Intelligentsia zu zähmen. Angela Merkel steht ihm da nicht nach, sie lud gleich alle Pen-Club-Mitglieder zu sich ein. Und auch Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier nimmt Schriftsteller mit auf Auslandsreisen, lässt Sten Nadolny seine Reden korrigieren, und kaum ein Monat vergeht, in dem er nicht zu einer Lesung ins Auswärtige Amt einlädt. Nein, deutsche Politiker hüten sich davor, Schriftsteller und Deutschlehrer gegen sich aufzubringen.

Um mich trotz allem zu solidarisieren und (recht bequem) mitzuprotestieren, habe ich in der Prinzessin geschmökert. Und mich dann gefragt, ob Sarkozy nicht eine staatsmännische List angewandt hat. Hat der Präsident sein Volk vielleicht nur provoziert, dieses Buch noch einmal zu lesen, damit es daraus lernt? Die
Prinzessin von Clèves entscheidet sich nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten nämlich nicht für ihren Geliebten. Sie verzichtet. Madame de La Fayette hat den ersten großen Entsagungsroman geschrieben – und damit ein Genre erschaffen, das in der Krise hochaktuell ist.

David Wagner (geboren 1971) ist Schriftsteller und lebt in Berlin.

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