Oh-oh, Bono

Klischee Zorn ist männlich? Unser Autor hat einen Tipp für den Sänger von U2: Frag mal die Girls!
Nils Pickert | Ausgabe 06/2018 6
Oh-oh, Bono
Nur bedingt girly: Beyonce

Foto: Christopher Polk/Getty Images

Den Frontmann der irischen Band U2, Bono Vox, nicht zu mögen, scheint ein Breitensport geworden zu sein. Bono, das ist für viele vor allem: ein Vorzeigegutmensch, politisch korrekter Rockstar, Sänger gegen Armut, für Umweltschutz. Das ist für manche offenbar zu viel des Guten.

Da gerät es beinahe zur Nebensache, wenn er tatsächlich mal danebenliegt. Zum Beispiel, als er Anfang dieses Jahres in einem Interview behauptete, die Musik heutzutage sei ja ganz schön mädchenhaft. Und Hip-Hop sei der einzige Platz für männlichen Zorn.

So, so, männlicher Zorn also. Was soll ich sagen? Mein männlicher Zorn steigt an, wenn ich so einen hirnverbrannten Unfug lese. Es geht schon los bei dem Wort „girly“, das Bono an dieser Stelle ganz selbstverständlich abwertend gebraucht. Auch wenn er im Interview noch nachschiebt, dass daran aber durchaus ein paar Sachen gut seien. Mädchenhaft also. Im Sinne von: Du wirfst wie ein Mädchen. Du rennst wie ein Mädchen. Du machst Musik wie ein Mädchen.

Das Mädchenhafte als weiches, antiaggressives Verhalten, das für Jungen qua Geschlecht nicht geeignet ist. Jungen sind ja die mit der Wut im Bauch, die kanalisiert werden muss und ein Ventil braucht. Früher durch Rock ’n’ Roll und heute durch Hip-Hop, sagt Bono.

Der Mann hat nicht nur keine Ahnung von aktueller Hip-Hop-Musik, sondern verbringt offenbar auch selten Nachmittage mit 13-jährigen Mädchen. Mädchen, zumal pubertierende, sind voller Zorn. Davon können Eltern nicht nur ein Lied singen. Allerdings werden sie großflächig dahingehend sozialisiert, dass sie ihre Aggressionen eher nach innen und gegen sich selbst richten. Ihre Wut soll keinen Raum einnehmen und ihren Körper nicht verlassen.

Jungen hingegen werden aufgefordert, sich ihrer Wut zu entäußern und ihr Ausdruck zu verleihen. Und wer nicht mitmacht, ist – klar – ein Mädchen, eine Pussy oder – schlimmer noch – schwul. Die Abwertungen von Jungen, die sich weigern oder nicht fähig sind, stereotypen Standards zu entsprechen, kreisen um einen Kern aus Abwertungen von Mädchen: „Weibisches“ Verhalten bei Jungen gilt als das Allerletzte.

Wer aus diesem Satz das „bei Jungen“ streicht, sieht, wohin die Reise geht: zu Mädchenhaftigkeit, die so sehr unterste Schublade ist, dass ein Junge sich niemals nach ihr bücken sollte, um sie zu öffnen. Zu Geschlechterbildern, die so zementiert sind, dass sie Mädchen wie Jungen keine Luft zum Atmen lassen.

Und was Hip-Hop angeht: Wo war Bono eigentlich während der vergangenen Jahre? Welche Musik hat er gehört? Und wie hat er es geschafft, für sein derzeitiges Album mit dem Ausnahmekünstler Kendrick Lamar zu kollaborieren, ohne zu bemerken, dass gerade dieser Rapper erfolgreich mit jedem nur denkbaren Klischee über den „zornigen schwarzen Mann“ bricht?

Aber Bono entgeht anscheinend so einiges. Sonst wüsste er, dass Zorn geschlechtsübergreifend lediglich eine einzelne Facette des derzeitigen Hip-Hops bildet.

Während ein Rapper wie Jay Z in seinem jüngsten Album besonnen seine Untreue, Vaterschaft, sein Alter und die Homosexualität seiner Mutter thematisiert, hat dessen Frau Beyoncé zuvor in einem Musikvideo ein Auto zertrümmert und sich ziemlich lautstark bei ihrem Ehemann erkundigt, mit wem zur Hölle er eigentlich glaubt, verheiratet zu sein – girly?

Wut war schon immer auch weiblich. Genau wie Musik. Manch einer müsste nur endlich die Finger aus den Ohren nehmen, genauer hinsehen und aufhören, so zu tun, als seien Mädchen liebliche, fragile Wesen, die zu Harfenklängen Blümchen pflücken.

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