Ohne Anflug eines Lächelns

NEUBRANDENBURG Besuch in der mecklenburgischen Stadt, in der scheinbar nur Wirte gut lachen haben

Paul Krüger war einst Forschungsminister. Unter Kohl und auch nur kurz. Jetzt steht er vor dem politischen Comeback. Bei der Wahl zum Oberbürgermeister in Neubrandenburg erhielt er 47,7 Prozent der Stimmen, der bisherige parteilose Amtsinhaber Gerd zu Jedeloh 8,6. Am Sonntag kommt es nun zur Stichwahl zwischen Krüger und Torsten Koplin von der PDS (23,8 Prozent), die im Rat der Stadt mit der SPD die Mehrheit und eine unabgesprochene Koalition bildet.

Wir haben uns im Café im Reuterhaus verabredet, nahe an dem von Brigitte Reimann einmal liebevoll beschriebenen Stargarder Torin Neubrandenburg. Draußen ist es grau und nasskalt, die Fußgänger haben es eilig, auch Meta H. Sie ist pünktlich. Sie war früher hauptamtlich in der IG Metall Ost und später West tätig und sollte stellvertretende Landesvorsitzende des DGB in Mecklenburg-Vorpommern werden. Wegen geringer Mitgliederzahlen wurde aber ihre Stelle gestrichen und vorher entlassen. Ihr Mann, Fliegeroffizier bei der NVA, beging Selbstmord. Der Sohn dient freiwillig bei der Bundesmarine. Jetzt sitzt mir die Mutter gegenüber.

Die dunkelhaarige Frau ist nicht modisch gekleidet, eher zu ihrem Nachteil zurecht gemacht. Meta H. wirkt verhärmt und ist seit unserem letzten Treffen vor zwei Monaten bedrückend gealtert. Seit Anfang April ist sie wieder arbeitslos. Auf ABM-Basis hatte sie eine Ausbildungseinrichtung aufgebaut, aber die Maßnahme wurde nicht verlängert. Mit 51 Jahren ist der Markt eng. Wie es ihr gehe? Heute habe sie ihren Nachfolger vorgestellt bekommen. In ihren Augen sehe ich eine intensive Feuchtigkeit. Aber Tränen bilden sich nicht. "Das ist bitter", sagt sie. Dann erzählt sie von ihrem Engagement in einer Medieneinrichtung und sagt plötzlich - ganz überfallartig: "Ich halte es nicht mehr aus mit diesen Zeitverträgen, von einem in den anderen." Da wirkt sie wieder jünger.

Ihre Tochter hatte wie viele junge Menschen Neubrandenburg verlassen - in Richtung Nordhorn. Dort arbeitete das Girl in einem Hotel. Die Jugendlichen in dem Betrieb waren ebenfalls Ossis, wie sie es ausdrückt. Im Herbst habe der Hotelier allen gekündigt, empört sich Meta H. mit funkelnden dunklen Augen. "Der meinte wohl, mit Ossis könne er das schadlos machen." Die im Arbeitsrecht kundige Neubrandenburgerin rief den Hotelchef an und machte ihm klar, dass er die Tochter nicht kündigen könne, denn sie habe einen Lehrvertrag und sei nicht als Saisonarbeiterin eingestellt worden. Ihr Gesicht wird glatt. "Im Herbst dann kündigte angeblich der Ausbilder, da konnte er die Lehrlinge doch auf die Straße setzen." Meta H. wirkt wieder verhärmt. Ihre Tochter lebt wieder in Neubrandenburg.

Wir gehen zum MarktCenter, in dem der Ministerpräsident Harald Ringstorff am Nachmittag sein will. Die riesige freie Fläche vor diesem Konsumpalast zwischen einem Hotel und dem steil in den grauen Frühjahrshimmel zeigenden Kulturhochhaus hieß früher Karl-Marx-Platz, "mit einem Denkmal von dem in der Mitte". Inzwischen wurde die Skulptur in eine Grünanlage zwischen Pommes-Buden versetzt. "Wir sind ja froh, dass wir den Friedrich-Engels-Ring gerettet haben", der um die Wälle führt. In dem konsumbunten Center warten wir zwischen einkaufsfreudigen Menschen auf den Ministerpräsidenten. Meta H. erzählt von früher. Gläubig sei sie gewesen. Im Betrieb habe sie als Gewerkschafterin viel machen können für die Leute. Sie hielt oft gegen, meint sie. Das blieb für sie folgenlos, denn am Ende "beugte ich mich den Beschlüssen". Sie trinkt eine Tasse Kaffee, dann geht sie. Der Ministerpräsident kam nicht. Aber am Abend will sie auf einer Veranstaltung der SPD mit ihm sein.

Aus dem Hotelfenster blicke ich nachmittags auf den fast leeren Marktplatz. Vereinsamt steht dort Harald Ringstorff, er redet auf drei Männer ein. Die aus dem Center kommenden Menschen umgehen ihn weiträumig; Helfer der Partei überreichen irritierten und deshalb verschüchterten Wahlbürgern papierne Tüten mit Äpfeln und Werbeschriften darin. Ich nutze die Gunst der Stunde und gehe, das schwarze japanische Aufnahmegerät rechts tragend, in der linken Hand das Mikrofon, in Richtung Ringstorff. Er löst sich sofort wie im Reflex aus einer Gruppe und kommt auf mich zu. Anders als ein Westpolitiker fragt Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident nicht erst nach dem Sender, er beantwortet sofort die erste Frage. Es geht um die Stimmung im Lande wegen der EU-Erweiterung. Blitzschnell ruft er bei jedem neuen Thema computergleich die Fakten aus dem Hirn. Dabei wirkt der Mann humorlos, norddeutsch kühl. Er lässt nicht einmal den Anflug eines Lächelns erkennen, die braunen Augen schauen stechend ernst den Interviewer an.

Mit Diana esse ich im Lokal Fürstenkeller. Es ist gegen 19 Uhr und gerade sechs Gäste sitzen hier. Diana sagt, sie sei von der DDR geprägt und hänge an Neubrandenburg. Aber die 28-Jährige will weg, möglichst nach Köln. Zwar ist sie noch nie am Rhein gewesen, "aber vielleicht in meinem früheren Leben. Es kommt mir alles so bekannt dort vor." Diana sucht nur in den Stellenangeboten für Köln. Sie ist allein erziehende Mutter eines farbigen Kindes. Nach der Geburt wurde sie von einer Freundin zu einer Sekte hingezogen. Die Glaubensgemeinschaft wollte zehn Prozent ihres Bruttolohnes, denn in der Bibel stehe etwas vom Zehnten. "Da hätte ich mein Auto verkaufen müssen", das war der Grund ihrer Rückkehr in die Neubrandenburger Weltlichkeit.

Sie will nicht wie sonst mit mir in das Szenelokal Consulat. Das heißt so, weil darin einst das letzte offizielle Konsulatsschild der DDR aus Stockholm angebracht war. Diana führt mich stattdessen in das Kulturhochhaus am Marktplatz. Der Pförtner nickt freundlich aus seinem Kabuff. Im letzten, dem 14. Stockwerk, ist eine Kneipe untergebracht, in die Diana öfter zu gehen scheint, denn sogar der Wirt begrüßt sie. Der Mann hinter der Theke wird von den Einheimischen Kohni gerufen.

An den Wänden des stickigen Raumes sind Utensilien aus der DDR aufgehängt: Fahnen mit Hammer und Zirkel, ein schwarzweißes Foto mit Otto Grotewohl, Ordensspangen von der NVA und dem FDGB. Ein Buch von Stalin steht im Regal hinter dem Kneipier - über den Leninismus. Unter uns liegt in der Dämmerung eines grauen Frühlingsabends Neubrandenburg und der Tollensesee. Von hier oben soll man bei klaren Wetter bis Neustrelitz schauen können. "Aber das Kaff ist noch furchtbarer als dies hier", posaunt der Wirt. Er ist etwa Mitte vierzig und scheint geformt von einer fröhlich-ironischen Grundhaltung, es stört mich deshalb auch nicht, dass er mich duzt. "Diana, du musst hier weg", ermutigt er meine Begleiterin. "Bis dreißig muss man von Neubrandenburg getürmt sein. Die zwischen dreißig und vierzig sind schlimm dran, die kriegen doch kaum was." Ich habe aber doch viele Frauen bei der Arbeit gesehen. "Frauenarbeitsplätze gibt es noch, aber Männer, die haben keine Chance", sagt Kohni apodiktisch und gießt das Weizen aus der Flasche in mein Glas. Noch einmal versuche ich gegen die Stimmung zu argumentieren. Die Welt schreibe heute auf ihrer Titelseite von einer "Trendumkehr" bei der Abwanderung aus dem Osten. Alle lachen - Diana, der Wirt, und noch vier Gäste an den Tischen etwas entfernt von der Theke. "Hier läuft nichts mehr", trompetet der Wirt. Vor einigen Stunden im Café, da hatte auch Meta H. geklagt, bei der IG Metall herrsche "tote Hose" und ständig würde diese "Lahmarschigkeit" begründet: "Wir haben doch keine Mitglieder mehr."

Kohni ist trotz seiner düsteren Einschätzung der Stimmung in Neubrandenburg ein Unterhaltungsgenie. Er legt die CD mit dem Lied "Ich trage eine Fahne" ein. Alle außer mir summen mit, freudiges Erkennen auf den Gesichtern. "Das habe ich noch in der Schule gelernt und dort eifrig gesungen", sagt Diana. Da unten im Hotel übernachten oft Reisegruppen aus Süddeutschland, "die mal den Osten sehen wollen", sagt der Wirt. "Rewe, Rossmann, Schlecker, Eduscho, das haben die in Schwaben auch, da biete ich denen mal was anderes."Der Kneipier verschwindet in einem Raum hinter der Theke. Plötzlich steht er in einer wie auf Maß geschneiderten Uniform eines Offiziers der NVA mit Ordensspange vor seinen Gästen. Die johlen und klatschen in die Hände. Kohni legt eine andere CD ein, mit der Hymne der DDR, ein Frau singt alle drei Strophen. Die 83-jährige Mutter des Wirtes ist hinzugekommen. "Junge, Junge", sagt sie besorgt in die Heiterkeit, "du landest noch mal im Gefängnis."

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00:00 04.05.2001

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