„Ohne Frauen geht es nicht“

Gastbeitrag Der globale Kampf für Klimagerechtigkeit ist untrennbar mit der Forderung nach Gleichberechtigung verknüpft, schreiben Hindou Oumarou Ibrahim und Kathrin Henneberger
„Ohne Frauen geht es nicht“
Vor allem Frauen müssen in einigen Regionen Afrikas immer weitere Strecken zurücklegen, um an Wasser zu gelangen

Foto: Spencer Platt/Getty Images

In Deutschland wird die Klimakrise gerne immer noch als Problem der Zukunft gesehen. Veränderungen sind zwar bereits zu spüren, die Wälder leiden unter den trockener werdenden Sommern, aber noch sind es eher Vorboten dessen, was auf die Menschen zukommt.

Täglich grausame Realität ist die Klimakrise in Ländern wie dem Tschad in der Sahelzone Afrikas. Im letzten Jahrzehnt stieg die Anzahl von Hitzewellen mit Temperaturen von 45 °C bis 50 °C. Diese hohen Temperaturen sind eine tödliche Gefahr für Kinder, alte Menschen und für Schwangere. Gleichzeitig schürt und verstärkt die Klimakrise (Landnutzungs-)Konflikte zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Da 80% der Bevölkerung in der direkten Abhängigkeit von der Landwirtschaft, dem Fischen oder ihren wandernden Vieherden lebt, ist der Zugang zu fruchtbarem Land und Wasserstellen existenziell. Doch die fruchtbare Erde wird zur Wüste, die großen Binnenseen, wie der Tschad See, vertrocknen. Laut der FAO leiden in der Sahelzone über 7,3 Millionen Menschen an Unterernährung oder sind von ihr bedroht.

Global verstärkt die Klimakrise bestehende Ungerechtigkeit: Menschen, die bereits in Armut leben, die direkt abhängig sind von ihrer Subsistenzwirtschaft, der Verfügbarkeit ihrer Wasserquellen und dem, was die Natur ihnen geben kann, wird bereits die Lebensgrundlage geraubt. Frauen trifft es am stärksten. Nicht weil sie „schwächer“ sind als Männer, sonders weil sie innerhalb der Gesellschaft und Familie eine andere Stellung einnehmen. Sie haben weniger Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung, der Möglichkeit, arbeiten zu gehen oder Land zu besitzen.

Im Tschad sorgen die Frauen der indigenen Gemeinschaft der M’bororo für ihre Familien und Gemeinden. Sie sind die ersten, die morgens aufstehen, und die letzten, die abends schlafen gehen. Seit Jahrzehnten beobachten die Frauen nun wie die Ökosysteme – und damit ihre Lebensweise – unter Druck geraten. Sie müssen für Feuerholz und Wasser weitere Strecken zurücklegen, ein Sicherheitsrisiko in vielen Regionen. Zusätzlich verlieren sie so die Zeit für Schulbildung, Erwerbsarbeit oder politisches Engagement. Mit der Abnahme der verfügbaren Weideflächen produzieren ihre Kühe weniger Milch. Und wenn das Essen nicht für alle ausreicht, sind es Frauen die als erstes verzichten, damit die Kinder satt werden.

Da die eigene Land- oder Viehwirtschaft nicht mehr ausreicht, verlassen die Männer auf der Suche nach Lohnarbeit ihre Gemeinden. Der Versuch, die Wüste und das Mittelmeer zu überqueren, ist ihre einzige verbliebene Hoffnung, ihre Familien ernähren zu können. Die zurückbleibenden Frauen übernehmen nun auch die Aufgaben der Männer, und die Kinder wachsen getrennt von ihren Vätern auf.

Die Perspektive von Frauen darf nicht länger ignoriert werden

Wenn die Erhitzung der Erdatmosphäre weiter zunimmt, werden Anpassungsmaßnahmen in und am Rande der Sahelzone und in vielen anderen Regionen der Welt die Auswirkungen der Klimakrise nur wenig mildern können. Die Anzahl der Menschen, deren Ernährungssicherheit und Zugang zu sauberem Trinkwasser akut gefährdet ist, die vor Konflikten fliehen müssen oder weil sie nichts mehr zu essen haben, wird sich dann drastisch erhöhen.

Die Todesrate von Frauen bei Extremwetterereignissen wie Sturmfluten ist zudem deutlich höher. Fünfmal mehr Frauen als Männer starben, als ein Zyklon 1991 Bangladesch traf. Sie warteten zu Hause darauf, dass ihr männlichen Familienmitglieder sie evakuierten – so wie es die Gesellschaft von ihnen erwartete.

Im Norden, in den Industriestaaten, müssen sich die Menschen die unangenehme Frage stellen: Für welche Menschen reichen die getroffenen Klimaschutzmaßnahmen und -ziele aus, um ein gutes Leben – eben gerade noch – führen zu können? Vielleicht kommen Länder des globalen Nordens, Länder wie Deutschland, noch über die Runden in einer zwei bis drei Grad heißeren Welt. Für Menschen in anderen Regionen der Erde ist die aktuelle Klimapolitik ein Todesurteil.

Die Frauen der indigenen Gemeinden und der ländlichen Regionen des globalen Südens, die am stärksten existenziell von der Klimakrise betroffen sind, sterben als erstes. Ihr Schicksal wird aber nicht beachtet in den Entscheidungen über Klimaschutzmaßnahmen. Ihre Perspektive wird nicht gehört, und sie sitzen nicht an den Verhandlungstischen. Es ist ein recht kleiner, primär weißer, männlicher und reicher Teil der Weltbevölkerung, der über ihr Schicksal entscheidet.

Auch in Deutschland wird die Klimapolitik primär von Männern für Männer gemacht. Dies zeigt sich, wenn Elektroautos als die zentrale Lösung gepuscht werden, statt ein Ausbau von öffentlichen Nachverkehr – der besonders Frauen zu gute kommen würde. Die Vorstände fossiler Konzerne als auch die Entscheidungsgremien in der Politik sind nach wir vor männlich dominiert. Dem stehen auf der Straße junge Aktivistinnen entgegen, deren Forderung nach einer lebenswerten Zukunft ebenfalls ignoriert werden. Nicht ignoriert werden sie hingegen von einer männlich-rechtskonservativen Trollarmee, die beständig sexistischen Beschimpfungen auf Social Media über sie ergießt. Ist die junge Frau zufällig nicht weiß, kommt noch übelste rassistische Hetze hinzu. Dass Mädchen und Frauen ihre Stimme erheben, scheint in einer männlich dominierten Gesellschaft auf der ganzen Welt immer noch ein Affront.

Ohne Gleichberechtigung gibt es keinen effektiven Klimaschutz

Auf den UN-Klimakonferenzen, auf denen Frauen ebenfalls unterpräsentiert sind und weniger ernst genommen werden, wurde deshalb der Gender Action Plan ins Leben gerufen. Auf der COP 25 in Madrid wurde nach zwei Wochen Verhandlungen gerade von den Regierungen ein neuer verabschiedet. Vorangetrieben wurde er von einem globalen Netzwerk von Frauen, von Vertreterinnen indigener Gemeinden bis hin zu internationalen Umwelt- und Menschenrechts NGOs. „Staaten sollten, wenn sie Klimaschutzmaßnahmen initiieren, die Menschenrechte wahren und [...] die Gleichberechtigung und Förderung von Frauen respektieren und unterstützen“, ist im Vertragstext zu lesen. Den Worten müssen jetzt Taten folgen. Werden bei Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen die Bedürfnisse der Hälfte der Bevölkerung nicht berücksichtigt, wird ihre Wirkung verpuffen.

Frauen müssen auf allen politischen Entscheidungsebenen gleichberechtigt beteiligt werden, nicht nur weil sie zuerst sowie stärker von der Klimakrise betroffen sind als Männer, sondern weil sie Wissen und Kompetenzen mitbringen, die wir brauchen, um die Klimakrise aufzuhalten. Wir Frauen fordern, endlich gleichberechtigt an den Verhandlungstischen zu sitzen, die über unser aller Schicksal entscheiden – im Süden, im Norden und auf globaler Ebene. Und nicht nur dies, wir wollen die Strukturen selbst vom patriarchalen-kolonialen Mief des letzten Jahrtausends befreien. Gemeinsam streiten wir gegen wirtschaftliche Ausbeutung von Menschen und Natur, Diskriminierungen und Rassismus. Ob es den alten weißen Machtstrukturen gefällt oder nicht: Gemeinsam sind wir Frauen dabei eine neue, solidarische Weltgemeinschaft aufzubauen.

Hindou Oumarou Ibrahim ist die Koordinatorin der Organisation für indigene Frauen des Tschad (AFPAT). Sie repräsentiert sie auf den UN-Klimakonferenzen und verhandelte dort die Bildung der „Local Communities and Indigenous Peoples Platform“

Kathrin Henneberger arbeitet für den „Institute of Environmental Justice e.V.“ und folgte auf der Klimakonferenz in Madrid den Verhandlungen für den Gender Action Plan

13:35 16.12.2019
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