Ohne Halt

Entsagen Unsere Autorin besitzt seit einem Jahr nicht mehr als einen Koffer und eine Tasche. Sie reist durch die Welt und wohnt bei Freunden. Eine Geschichte vom Loslassen
Katharina Finke | Ausgabe 19/2013 161
Ohne Halt
Katharina Finke

Foto: Debora Mittelstaedt

Ich habe weder einen festen Wohnsitz noch einen festen Arbeitsplatz. Ich habe kein Auto, keine Möbel, kein Werkzeug. Ich habe einen Koffer und eine Reisetasche – gerade das zulässige Gepäck fürs Flugzeug. Ein weiterer Koffer mit Wechselklamotten steht bei meinen Eltern in Frankfurt am Main. Sie haben ihn aufgrund seines Gewichts „Betonklotz“ getauft. Und der Rest? Nach und nach habe ich alles, was ich besaß, verkauft und verschenkt.

Vor einem Jahr habe ich mich entschieden zu verzichten. Als mein Ex-Freund und ich unsere Wohnung in Hamburg auflösten, weil unsere zehnjährige Beziehung in die Brüche gegangen war, gab ich nicht nur mein Zuhause auf, sondern trennte mich auch von materiellen Dingen, die ihren Reiz verloren hatten. Ich habe fast alle meine Klamotten verkauft, die sich durch meine vorherige Shoppingleidenschaft angesammelt hatten. Ich gab meine Möbel weg und das Auto, das ich kurzzeitig besaß. Kleinere Gebrauchsgegenstände wie Stofftiere oder Bücher spendete ich. Es war ein befreiendes Gefühl.

Fotos, Briefe und Postkarten, Erinnerungen an Jugendlieben sortierte ich aus. So wie sämtliche Pokale, Urkunden und die Ausrüstung meiner früheren Zeit als professionelle Leichtathletin. Oft fragten mich Freunde: Behältst du gar keine Erinnerungsstücke? Doch, ein Karton blieb, und mein Vintage-Rennrad, das ich auf einem Flohmarkt in Harlem gekauft hatte und an dem ich nach wie vor hänge. Beides wird von Freunden verwahrt.

Kein Schlüsselmoment

Aber warum sagte ich mich so los von den Dingen, von jeder Form von Besitz? Für mich gab es nicht diesen einen Schlüsselmoment. Es gab keine über allem stehende Ideologie, die mich dazu brachte, mich von allem zu trennen – es war vielmehr ein allmählicher Prozess. Er begann nach dem Abitur. Damals bin ich zunächst nach Großbritannien gezogen. Danach trieb es mich durch die Welt, von einem Ort zum nächsten. Ich lebte aus dem Koffer und kehrte zwischendurch immer wieder nach Deutschland zurück, weil hier meine Familie und die meisten meiner Freunde leben. Und, weil ich hier Dinge besaß.

Es war zwar beruhigend zu wissen, dass ich in Deutschland alles hatte, was man so braucht. Aber ich empfand das irgendwann auch als Last. Mir fehlte während meiner Reisen nichts von dem, was ich besaß. Erst nachdem ich in Deutschland alles weggegeben hatte, realisierte ich beim Anblick meines Koffers und meiner Tasche, was ich hinter mir gelassen hatte. Ich hatte nie wirklich darüber nachgedacht, nun war es ein seltsames Gefühl. Auch wenn sich meine Entsagung allmählich vollzog – der letzte Schritt war doch sehr abrupt.

Ich war vollkommen frei, nicht nur von Auto, Fahrrad und Wohnung, sondern auch menschlich ungebunden: ohne Freund, ohne andere Angehörige und als freie Journalistin auch ohne Kollegen. Ich reiste nach Indien, machte einen kurzen Zwischenstopp in Deutschland, und dann zog es mich schon wieder weiter in die nächste Stadt: Buenos Aires. Als ich dort am Casa Rosada entlang der Kolonialbauten schlenderte, konnte ich die Schönheit der Stadt kaum würdigen. Das mag irritierend klingen, weil ich doch sorglos sein sollte, jetzt, wo ich alles hinter mir gelassen hatte. Aber ich fühlte mich entwurzelt. Ich vermisste meine Freunde, meine Familie, nicht das Materielle. Plötzlich wurde mir klar, dass „frei“ auch ein Synonym für „einsam“ ist.

Schwere Abschiede

Umgekehrt war dieser Lebensstil auch für meine Familie und meine Freunde schwer. Nachdem die Abschiede am Flughafen für meine Mutter irgendwann zu aufreibend geworden waren, bringt mein Vater mich nun immer alleine dorthin. Er hat dann oft feuchte Augen.

Meine Freunde machen mir zum Abschied kleine Geschenke, die in mein limitiertes Gepäck passen. Wenn ich im Flieger sitze und ihre Karten und Briefe lese, werde ich tief traurig, dabei sollten ihre Worte eigentlich motivierend sein. Die meisten sind es gewohnt, dass ich komme und gehe. Sie haben sich daran gewöhnt, trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack. Wir teilen unseren Alltag nicht mehr, können uns nicht mehr spontan treffen, etwas trinken gehen, persönlich miteinander sprechen, Spaß haben oder uns in den Arm nehmen.

Das schlechte Gewissen, sie im Stich gelassen zu haben, plagte mich in Buenos Aires immer mehr. War ich selbstlos oder selbstsüchtig? In meinen Gedanken lag das eng beieinander. Letzteres wollte ich nicht sein. Deswegen blieb ich statt der geplanten drei Monate nur eine Woche in Argentinien. Dann machte ich mich auf nach Europa – nach Deutschland. Ich strandete in Portugal. Eigentlich war es nur ein Zwischenstopp, um Freunde zu besuchen. Doch die Auftragslage als Journalistin war so gut, dass ich blieb. Ich machte schnell Bekanntschaften, bei denen ich auch wohnen konnte, immer da, wo gerade Platz war: mal auf dem Sofa, mal auf einem Ausklappsessel in der Abstellkammer oder im Durchgangszimmer. Alles unkompliziert, nur auf Dauer ein bisschen anstrengend.

Äußere und innere Leere

Ich merkte, dass das Entsagen auch gleichzeitig eine Bloßstellung sein kann. Denn ich verlor meine Privatsphäre. Keine Tür, die ich hinter mir schließen konnte, um nur für mich zu sein. Nach einer Weile begann ich, mich nach meinem eigenen Reich zu sehnen – ein Gefühl, das mir vorher völlig fremd gewesen war. Ich brauchte es ganz dringend, als ich erfuhr, dass ein guter Freund von mir aus New York unerwartet gestorben war. Mit ihm war ich gemeinsam durch die USA, Neuseeland und Australien gereist, um Fernsehbeiträge zu produzieren. Wir hatten viel Zeit miteinander verbracht.

Mit der Nachricht von seinem Tod verschwand aus meinem Lissaboner Leben die Leichtigkeit – ich musste nach Deutschland zurück. Ich ging nach Berlin. Ich zog in ein Zimmer, das ein Pärchen in seiner Altbauwohnung vermietete. Nun hatte ich zwar meine eigenen vier Wände. Aber es fehlte immer noch ein Raum nur für mich. Wo sollte ich hin mit meiner Trauer?

Ich machte etwas, das ich mir ein halbes Jahr zuvor nie hätte vorstellen können. Ich schaute mir Wohnungsangebote an. Ich ging sogar zu einer Besichtigung. Als ich die leere Wohnung sah, dachte ich: „Nach meinem Einzug wird es hier genauso leer sein wie jetzt, da ich nichts habe, was ich hier reinstellen kann.“ Für mich war das sehr schockierend. Die Leere, die ich im Inneren empfand, machte diese Wohnung sichtbar.

Es blieb bei der einen Besichtigung. Ich erzählte einer Freundin von meinem Erlebnis. Ich könnte mir doch nach und nach Sachen zulegen, schlug sie vor. Doch seit ich vor einem Jahr den materiellen Besitz beinahe vollkommen aufgegeben hatte, habe ich ein anderes Verhältnis zum Konsum entwickelt. Statt wie früher aus einer Laune heraus etwas zu kaufen, muss es nun einen Nutzen für mich haben. Ich besorge mir nun eine Hose, wenn eine der vier Hosen, die ich besitze, kaputt gegangen ist. Oder neue Schuhe nur dann, wenn die Sohlen der alten nicht mehr ersetzbar sind. Das ist eine neue Erfahrung für mich: Etwas so lang zu tragen, bis es wirklich nicht mehr geht. Es gefällt mir.

Second Hand und Flohmarkt

So wie mit Kleidung verhält es sich auch mit den anderen Dingen. Ich frage mich: „Wo soll ich das unterbringen?“ Da mir meist eine Antwort darauf fehlt, verzichte ich lieber. Und wenn ich mir doch etwas anschaffe, dann sollte es möglichst nachhaltig sein. Deswegen kaufe ich in Second-Hand-Läden und auf Flohmärkten.

Ich würde auch gern mehr Dinge selber herstellen, mit ökologischen Materialien. Das ist allerdings zeitaufwändig und nicht gerade günstig, vor allem wenn es um eine komplett neue Wohnungseinrichtung geht. Auch aus diesen Gründen habe ich mich von dem Gedanken der eigenen Wohnung dann wieder verabschiedet und suchte mir einfach ein Zimmer. Zufällig wurde eines in der Dreier-WG einer Freundin frei.

Aber wie sollte ich es gestalten, was sollte ich mitnehmen? Ich hatte ein komisches Gefühl, das ich nicht zuordnen konnte. So zog ich erst mal wieder nur mit meinem Zweierteam – dem Koffer und der Tasche – in mein neues Zimmer.

Meine Vormieterin hatte mir eine Kommode vermacht, Kleiderstange und Sessel bekam ich von meinen neuen Mitbewohnerinnen. Ich fing gerade an, sesshaft zu werden und über mehr Möbel nachzudenken, da erhielt ich eine E-Mail aus New York. Es war ein Jobangebot. Mein erster Impuls war: Ich muss dahin! Morgens über die Williamsburg Bridge joggen, mit meinem Rennrad durch die Hochhausschluchten fahren, Geschichten entdecken.

Mein zweiter Gedanke war: Nein. Ich war doch gerade dabei anzukommen. Ich fühlte mich wohl mit den Menschen, die mir nahe stehen. Eine Woche lang konnte ich keine Ruhe finden, kaum Schlaf. Ich wälzte die Gedanken hin und her.

Meine Freunde, die ich um Rat bat, bestärkten mich darin, wieder loszuziehen. Sie sahen die Möglichkeiten, die berufliche Weiterentwicklung. In meinem Kopf vermischte sich alles: Wegrennen, Chance, Abschied, Einsamkeit, Glück. Das kannte ich ja schon. Aber es kam mir dennoch so vor, als müsste ich die Entscheidung zum allerersten Mal treffen.

Aufbruch nach New York

Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass Verzicht auch Alleinsein bedeuten kann. Und das ließ mich auf einmal zögern. Ich war doch gerade dabei, mich einzurichten, und sollte schon wieder alles loslassen? Schon wieder aufbrechen? Ich musste mich entscheiden. Für New York.

Als ich die Stadt 2011 verlassen hatte, spürte ich: Ich komme wieder. Damals hatte ich das letzte Mal meinen guten Freund gesehen, der nun tot war. Als ich das erste Mal nach New York gegangen bin, war mir die Brutalität dieser Stadt nicht bewusst. Inzwischen weiß ich, dass 2.500 US-Dollar für ein Zimmer dort selbstverständlich sind. In New York arbeitet man, um zu leben – nicht umgekehrt.

Trotzdem gehe ich. Was ich mitnehmen werde? Meine Kung-Fu- und Laufschuhe. Egal, wo ich bin, ist es mir wichtig, Sport zu treiben – eine der wenigen Konstanten in meinem Leben. Es hilft mir, mein Gleichgewicht zu halten. Abgesehen davon werde ich in der kommenden Zeit wieder auf vieles bewusst verzichten. Gleichzeitig öffnet sich eine neue Welt.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht vor irgendetwas davonlaufe. Doch das Gefühl habe ich nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall: Das Unbekannte zieht mich an. Ich laufe zu etwas hin, nicht vor etwas weg.

Ich weiß, ich werde die physischen Treffen mit meinen Eltern und Freunden wieder vermissen. Selbst wenn sie mir das Gefühl geben, dass unsere Beziehungen erhalten bleiben werden, wo auch immer ich gerade lebe. Sie haben es mir gerade mit ihrer Reaktion auf meine Entscheidung gezeigt: „Schade, aber ich kann’s verstehen“, sagen die meisten.

Ich bin es, die zweifelt. Meine Emotionen sind ambivalent. Vielleicht sollte ich einfach aufhören, meine Entscheidung zu bewerten oder mir vorzustellen, was kommen wird. Es gibt kein Zukunftsszenario. Nur eins weiß ich sicher: Ich möchte in New York nicht alt werden. Ich wünsche mir Kinder und würde in ein paar Jahren gerne eine Familie gründen. Ich hatte mir eigentlich immer vorgenommen, eine junge Mama zu werden. Doch dafür bräuchte ich erst mal eine feste Bindung. Irgendwann.

Als geistiger Ziehvater all jener, die persönliche Freiheit durch Bedürfnis- und Besitzlosigkeit anstreben, gilt der Philosoph Diogenes von Sinope. Er soll in Athen im 5. Jahrhundert vor Christus freiwillig das Leben der Armen geführt haben. In mehreren Anekdoten wird berichtet, dass er in einem Fass schlief. Die wohl bekannteste Erzählung berichtet von Diogenes’ Aufeinandertreffen mit Alexander dem Großen, dem damals mächtigsten Menschen der Welt. Auf Alexanders Frage, womit er dem Philosophen dienen könne, soll Diogenes geantwortet haben, er möge ihm bitte aus der Sonne gehen.

In den Weltreligionen findet sich in verschiedenen Varianten die Vorstellung, Besitzlosigkeit mache frei und ermögliche einen direkteren Zugang zu Gott. Prominentester Vertreter im Christentum ist wohl Franz von Assisi, der im 12. Jahrhundert nach Christus lebte und den Auftrag Jesu an seine Jünger, ohne Besitz in die Welt hinaus-zugehen und zu predigen, wörtlich nahm. Er lebte als Einsiedler außerhalb der Stadtmauern von Assisi.
Heute verbindet sich das Streben nach Besitzlosigkeit oft mit dem Wunsch nach geringerem Ressourcenverbrauch, um Klima und Natur zu schützen. Wachstumskritiker warnen davor, dass ein Wirtschaftssystem, das auf permanenten Konsum angelegt ist, langfristig zum Scheitern verurteilt ist. Ein aktueller Gegenentwurf zum ungebremsten Konsumverhalten ist die Shareconomy – also die Idee, dass nicht mehr jeder alles Mögliche besitzen muss, sondern es reicht, wenn man die Produkte im Freundeskreis miteinander teilt. jap

09:00 14.05.2013

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