Ohne Kohle

Alltag Mit den Kachelöfen verschwinden auch die Kohleschlepper aus dem Berliner Stadtbild. Ein paar Brennstoffhändler allerdings sind noch im Geschäft

Schwarz. Das ist die Farbe der Branche. Der brüchigen Steine. Der Zukunft der Händler. Schwarz ist die Nacht noch, wenn der Arbeitstag der Kohlenschlepper beginnt. Schwarz sind die niedrigen Keller, wo hinter Bretterverschlägen die Brikettsäcke ausgekippt werden. Schwarz sind die Gesichter der ledrigen Kerle, wenn sie gebückt aus dem Keller kommen, die leeren Säcke in der Hand. Schwarz bestäubt, als wollten sie sich für einen Bankraub tarnen, steigen sie in ihren Lastwagen und fahren davon. Dunkle Fußspuren auf dem Gehweg, ein schwarzer Daumenabdruck auf dem Rechnungsblatt bleiben von ihnen zurück.

So geht der Mythos vom Kohlenlieferanten, der einmal jährlich vor der Tür stand, die Kohle in den Keller trug, dem Ofenbesitzer zwei Bier und ein Trinkgeld abnötigte und ihn nach seinem Verschwinden erleichtert zurückließ, als habe er sich gerade in einer Realität bewährt, die seinem Leben sonst fehlt. Das war der Mythos. Ich gehe auf die Suche nach der Wirklichkeit.

Der erste "schwarze Mann", dem ich begegne, ist eine Frau. Angelika Möller sitzt, adrett gekleidet, in einem Bungalow am Westhafen. Zehn Jahre ist sie bei Großhändler RV Rheinbraun, einundzwanzig "in der Kohle", wie sie sagt. Hinter dem Fenster türmen sich die Briketts in den Himmel, schwarze Tücher sind gegen die Hitze darüber gezurrt. Die Feuchtigkeit entweicht sonst, und die Steine zerfallen, der Staub dringt bis ins Innere des Büros. "Sie haben Glück, gestern war die Putzfrau da", sagt Angelika Möller. Hinter dem Fenster fährt ein orangefarbener Bagger vorbei und senkt die Schaufel zum Griff.

Angelika Möller hat "Kohle" richtig gelernt. Sie arbeitete in einer Brikettfabrik bei Leipzig, studierte Karbochemie. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, aber -. Das ist eine andere Geschichte. Sie hat ihren Frieden mit den Kohlenarbeitern gemacht. "Es sind verdammt raue Burschen, da darf man nicht zartbesaitet sein. Rau geht es zu, aber herzlich."

"Drei für mich!" Ein drahtiger Mann in weißem T-Shirt meldet sich lautstark von der Tür. "Ich nehme jetzt eine Tonne und noch eine. Und dann komm ich noch einmal", ruft er und stiefelt zum Lastwagen. Angelika Möller schiebt ein Rechnungsformular in den Drucker. Auf ihrem Schreibtisch klingelt das Telefon. Und draußen fährt wieder der Bagger vorbei.

Schwarze Frau Nummer zwei, die ich treffe, ist Kerstin Tiede. Sie hat von allen Kohlenhändlern die schönste Anzeige im Branchenbuch. "40 Jahre" steht da in einem Ährenkranz. Das Emblem sieht so offiziell aus, dass man meinen könnte, eine Berliner Dienststelle für bedrohte Branchen vergäbe solch eine Auszeichnung für langjähriges Überleben in der Marktwirtschaft. Schöner noch als dieses Gütesiegel ist die Devise, die Tiede zu ihrem Firmenmotto gemacht hat: "Kohlenkauf ist Vertrauenssache", erklärt die Annonce, fettgedruckt und mit Ausrufezeichen.

"Nicht dass Sie mich verfehlen", sagte Kerstin Tiede am Telefon, "im Sommer handle ich mit Pflanzen und nur im Winter mit Kohlen. Halten Sie nach Blumen Ausschau, dann finden Sie mich bestimmt." Die Kohlenhandlung Tiede in Schöneberg ist seit vier Jahrzehnten in Familienbesitz und der Slogan vom Vertrauen kein leeres Wort. "Ich will ehrlich sein", sagt Kerstin Tiede, als ich in ihrem Laden stehe, "als Sie gestern anriefen, hatte ich kein Stück Kohle im Haus."

Zur schönsten Anzeige gehört der kleinste Laden. Kerstin Tiede sitzt darin hinter einem Tischchen und raucht. Der Boden ist mit grünem Linoleum belegt, das nach Fliesen aussieht, wenn man nicht so genau hinschaut. An der Längswand stapeln sich Brikettbündel der Decke entgegen, an der Schmalseite Blumenerde in Plastiksäcken. Im Fenster steht ein Brikettbündel als Aushängeschild, auf dem Tisch ein Vogelbauer zur Gesellschaft. Im Laden ist es ruhig. Sehr ruhig. Wir sitzen da eine halbe Stunde, manchmal sagt der Vogel etwas, aber niemand kommt in den Laden. Es ist ja auch Hochsommer. Die Zeit, wo früher Kohle eingelagert wurde für den Herbst.

Was immer man tun kann, um die Nachfrage anzukurbeln, Kerstin Tiede tut es. In ihrer Wohnung gibt es keine moderne Heizung, ihr ist der Ofen genug. "Ein Kohlenhändler muss mit Kohle heizen." Wenn auch das nicht mehr hilft, "mache ich ganz in Blumen", sagt sie und zuckt mit den Achseln.

Draußen vor dem Fenster hält ein Kleintransporter mit offener Ladefläche. Heraus springen ein Schäferhund und der Mann im weißen T-Shirt, der im Westhafen drei Tonnen Kohle geordert hat. Nun wird Kerstin Tiede unruhig: "Dauert dit noch lange?" Im Vogelbauer aufgeregtes Geflatter. Sie will ausladen helfen. Die Bündel auf dem Laster sind erst die zweite Tonne und der Großhändler macht um 15 Uhr zu. Bis dahin muss der Fahrer wieder im Westhafen sein. Kerstin Tiede erhebt sich, der Mann im T-Shirt trägt die ersten zwei Bündel herein, und ich verdrücke mich still.

In der dürren Welt der Zahlen und Statistiken ist das Urteil über den Kohlenhandel längst gesprochen: 1991 ging in Berlin noch gut eine Millionen Tonnen Kohle in Rauch auf. Neun Jahre später reichten 50.000 Tonnen aus. Wenn die Entwicklung so weitergeht, heißt das: in fünf bis zehn Jahren ist Schluss.

Vorher aber kommt noch das kapitalistische Endspiel. Seit diesem Sommer ist der Kohlenmarkt in Berlin auf eine Weise monopolisiert, dass Bert Brecht es nicht plakativer hätte erfinden können. Die West-Kohle Union aus dem Rheinland und die Ost-Marke Record aus der Lausitz produziert nun ein- und derselbe Konzern, die Firma Rheinbraun, sie ist sich in der Hauptstadt nur noch selbst Konkurrent. Die Briketts sehen aus wie früher, gleich ist auch die Konsistenz und gleich bleiben die Gewohnheiten. Die Berliner im Westen kaufen immer noch lieber Union, die im Osten Rekord - Kohlenkauf ist schließlich Vertrauenssache.

Die Einzelhändler allerdings müssen bei Rheinbraun für die Tonne nach diesem Sommer siebzig Mark mehr berappen, früher haben sich die Preise alljährlich um fünf bis zehn Mark erhöht. "Die Großhändler machen die kleinen platt", hatte mir Kerstin Tiede gesagt, "die wollen selbst an die Kunden verkaufen". Und ihr Vogel im Käfig erschrak und war still.

Mitte der neunziger Jahre plante der Berliner Senat, binnen acht Jahren alle Kohleöfen in der Stadt abzuschaffen, doch die Befreiung Berlins von den Kohleeinzelöfen ist niemals verordnet worden. "Der Ablösungsprozess lief ja eh", erinnert man sich in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Statt zusätzlicher Gesetzgebung gab es Förderprogramme für jene, die ihren Ofen rausreißen und eine moderne Heizung einbauen.

Wie viele Händler es in Berlin noch gibt, weiß niemand. "Brutaler Einschnitt" ist die Formel, die Günther Jäckel, Geschäftsführer des Gesamtverbandes des deutschen Brennstoff- und Mineralölhandels gebraucht. Der Rest sind Gerüchte. Im Februar 2000 sollen es noch 80 Kohlenhandlungen gewesen sein. Jetzt seien es nur noch sechzig, sagt ein Händler, im Branchenbuch stehen 47, keine 30 seien es mehr, meint eine Händlerin, die soeben mit einem Groß- und Einzelhandel fusioniert hat. Kohlenschlepper werden meist nach Bedarf angestellt, "Zeitverträge" ist das Wort dafür, als handele es sich um eine Zukunftsbranche. Die Männer müssen froh sein, wenn die Firma sie ordentlich anmeldet, dann können sie in den Leerzeiten aufs Arbeitsamt gehen.

Die Geschichte des Kohlenhandels in Berlin ist in der Anklamer Straße wie in einem Heimatmuseum zu besichtigen. Am blauen Wellblechzaun hängt ein Schild: "Holz- und Kohlehandlung Silvio Mike Guschke". Bunte Graffitis mäandern über die klaren Buchstaben. Durch den Spalt im Zaun, an dem die Reklame tapfer weiterwirbt, obwohl der dazugehörende Handel nicht mehr existiert, sind hohe Gräser, die nackte Rückseite von Häusern und ein verfallener Schuppen zu sehen. Kohle lagert hier schon lange nicht mehr.

Die Gegenwart der Branche liegt 300 Meter weiter die Straße hinauf. Der Kohlenhandel Hantke schmiegt sich in die Lücke, die eine Fliegerbombe in die Altbaureihe gerissen hat. Die Kohlenhaufen türmen sich an den Wänden der Häuser hoch. Freitag, acht Uhr morgens. Manfred Hantke sägt Holz. Genauer, er lässt sägen. Ein Angestellter zerteilt die Stämme auf dem Sägereiter, und Manfred Hantke guckt zu. Er ist 67 Jahre alt und eigentlich im Ruhestand. Aber die Frau ist gestorben, die Schwiegertochter auch, der Sohn brauchte Hilfe während ihrer Krankheit. Also sitzt Hantke immer noch hier. Ein runder, freundlicher Mann mit großen Brillengläsern. Sein Kopf sitzt auf dem Körper, als hätte er sich durch sehr viele Keller geduckt, und vielleicht liegt es daran und an der Brille, dass Hantke an eine Schildkröte erinnert. Eine Schildkröte, die 15 Jahre lang Kohle getragen hat. Schleppen darf er heute nicht mehr. Der Rücken, sagt er, wie bei allen. Und zuckt mit den Schultern, als sei das eine Selbstverständlichkeit. 1971 hat er mit dem Tragen aufgehört und doch manchmal ausgeholfen. Seine Wirbel danken es ihm nicht.

In den 60er Jahren lag der Kohlenplatz an der Greifswalder Straße, erzählt Hantke. "Und das war die Protokollstrecke von Erich. Der kam bei uns morgens und abends vorbei." Schwarz ist nicht die Lieblingsfarbe des Staatsratsvorsitzenden und seiner Bewacher von der Stasi gewesen. Es erging die Auflage, aus der Straße wegzuziehen. Auch der Pferdewagen, mit dem seine Familie nach dem Krieg angefangen hatte, wurde offiziell verboten. Hantke schaffte sich einen LKW an. Damit ging das Ausliefern schneller und der Alkoholkonsum zurück. Schließlich musste im Straßenverkehr jetzt mehr aufgepasst werden. Wenn jemand Hantkes Leuten heute ein Bier zusteckt, nehmen sie es mit - für zu Hause, nach Feierabend. Die Branche trocknet aus.

Nur der Kohlehandel der Vergangenheit ist glorreich. Und wer heute noch sein Auskommen findet, ist ein glücklicher Mann. "Schmidt. Jonny Schmidt", wie er sich vorstellt, ist zufrieden. Seit 1986 hat sein Familienbetrieb einen Lagerplatz an der Bernauer Straße im Wedding, nur ein paar Meter von der Mauer entfernt. Nun ist die Mauer weg und Schmidts Brennstoffhandel immer noch da.

Als ich Jonny Schmidt das erste Mal sah, stand er in kurzer Hose, mit offenem Hemd auf dem Hof seines Brennstoffhandelns und wässerte die Brikettürme mit dem Gartenschlauch. Er sah aus wie ein Rentner, der auf Mallorca seinen Rasen gießt. Es war Freitag kurz vor 15 Uhr, Jonny Schmidt wollte sich gern unterhalten. Nur jetzt nicht, jetzt war Feierabend. Nach so vielen Jahren in dem Gewerbe nimmt einer das ernst.

Also Montag. Morgens um acht ist der erste Ansturm vorbei, die ersten Tonnen Kohle sind vom Hof. Schmidt steigt in den Turm aus Baucontainern hinauf, in dem er über dem Platz thront, und erzählt. Früher hat er die Kasse nach dem Arbeitstag gemacht. Der beginnt um sechs Uhr morgens, im Sommer ist es dann noch nicht so heiß. Wenn der Laden gut lief, weil nach dem ersten Kälteeinbruch alle ganz schnell Kohle geliefert bekommen wollen, konnte der Tag bis sechs Uhr abends gehen. "Dann hat man nachts bei der Kasse Fehler gemacht", sagt Schmidt und guckt, als nehme er sich das heute noch übel.

Ein Kohlenhändler braucht nicht nur Kraft und dabei eine gedrungene Figur, um nicht in den Kellern steckenzubleiben. Wenn der Kohlenschlepper sein eigener Chef ist, zählt auch das Händchen für den Handel. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und ein freundlicher Umgang mit den Käufern seien wichtig. Für das Unternehmen. Die Firma, sagt Jonny Schmidt. Buchhaltung, Abrechnung, Ware und Werbung, sagt er. Es klingt, als sei der Brennstoff-Dienstleister ein ganz normaler Handelsberuf.

Doch Kohlentragen ist Knochenarbeit. Männerarbeit. "Wenn einer ´ne Frau hat, sitzt die im Büro." Mit Geschlechterrollen habe das nichts zu tun. Ein ehrlich gefüllter Sack wiege halt seine 75 Kilo. "Das tragen Sie einmal", sagt Schmidt. "Auch zweimal", sagt er, als ich unbeeindruckt gucke. Er schaut auf mein Kreuz. "Aber den ganzen Tag lang?"

Ich frage schnell, warum er seine Kohlen gießt. Brandgefahr. Zwei Feuer hat er bisher gehabt. Er sei zwar versichert, aber - Jonny Schmidt klopft abergläubisch auf den Schreibtisch - bis zur Rente in fünf Jahren hat er von brennenden Kohlen genug. Ob er es noch einmal machen würde, das Leben als "Schwarzer Mann", frage ich ihn. Er nickt. Wenn er was anders machen dürfte. "Was denn?", frage ich. "Ich würde das Management anders aufziehen." Die Firma leiten, also aufpassen, rechnen, überlegen, das hat ihm am meisten Spaß gemacht. Ironie der Geschichte: Kaum hat sich der Arbeiter zum Unternehmer gemausert, steht die Branche auch schon vor dem Aus.

Ich sitze in meiner Wohnung, mit Gasetagenheizung immerhin, und auf einmal kommt mir der Gedanke, eine halbe Tonne Kohle zu bestellen. Absurd, denn ich wüsste nicht wohin damit, der Kohlenkeller ist mit Möbeln und Fahrrädern vollgestellt. Doch was ist Platzmangel gegen die Hoffnung, die Kohlenhändler führen dank solcher Stützkäufe ein wenig länger durch die Stadt. Gegen die Hoffnung, dass dadurch ein Mythos weiterlebt, mit dem die Realität schon fast nichts mehr zu tun hat.

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00:00 21.09.2001

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