Frieder Otto Wolf
06.08.2004 | 00:00

Ohne laut zu werden

Nachruf Wolfgang Ullmann war mutig und geradeaus. Er nannte einen Spaten einen Spaten und eine Unterdrückung eine Unterdrückung. Als Christ knüpfte er in ...

Wolfgang Ullmann war mutig und geradeaus. Er nannte einen Spaten einen Spaten und eine Unterdrückung eine Unterdrückung. Als Christ knüpfte er in keiner Weise an die "Kriminalgeschichte" des Christentums an, die es ja wirklich gibt, sondern an dessen inzwischen weniger bekannte Geschichte von Versuchen eines menschlichen Lebens im aufrechten Gang. Besonders die internationalen, demokratischen Strukturen in der Geschichte der Kirche - wie die Konzilien - waren für ihn eine Quelle der Inspiration. Denn hier konnte er Experimente finden, die unter Anerkennung der "gleichen Freiheit" aller, verbindliche Formen der Selbstorganisation schaffen wollten. Und eine gemeinsame Geschichte jener Kultur, die weit über den Okzident hinausreichte - auch in die Koexistenz mit Judentum und Islam.

Ohne laut zu werden, wurde er der eigenen theologisch formulierten Charakterisierung des Politikers gerecht und hielt sich daran: "Die Kardinalsünde eines Politikers ist die Feigheit!" (im Gespräch mit Günter Gaus, 1991). So wurde Wolfgang Ullmann, nachdem er in der DDR zu einem politisch-moralischen Bezugspunkt der im Raum der Kirche formierten Opposition geworden war, im "neuen" Deutschland nach der Vereinigung zu einem durchaus unbequemen Mahner, der eine entsprechende Neuverfassung des politischen Gemeinwesens einklagte - und ganz selbstverständlich und klar zwischen der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung", wie sie in der Verfassung real verkörpert war, und der daraus gemachten Ideologie an "ewigen Grundwerten" unterschied.

Im Europäischen Parlament, wo er von 1994 bis 1998 mein Kollege war, hielt er den "Europäern" konsequent die Halbherzigkeit vor, mit der sie einerseits eine "Union der Völker und Staaten" postulierten, dieser aber zugleich einen wirklichen Verfassungsprozess und eine Verfassung auf der demokratischen Höhe der Zeit vorenthielten. Auch die Grünen, denen er sich über die DDR-Bürgerbewegung angeschlossen hatte, sah er offenen Auges: Unvergessen ist hoffentlich seine Philippika gegen den Machtopportunismus auf dem grünen Perspektivenkongress im Herbst 2000. Dass er den christlichen Kirchen ihre Tendenzen zur Erstarrung in einem gesättigten Staatskirchenwesen vorhielt, verstand sich von selbst. Wolfgang Ullmann wusste auch, dass demokratische Beteiligung eine soziale und kulturelle Materialität braucht, wie sie die gegenwärtige Politik der Vereinzelung und Entsolidarisierung zerstört.

Für Wolfgang Ullmann war sein demokratisches Engagement in seiner christlichen Bindung verwurzelt. Er kritisierte die Versuche der Philosophen, sich von ihren historischen Wurzeln in der Theologie zu lösen - und konnte auf einige wichtige negative historische Beispiele verweisen, von Comte über Nietzsche bis zu Haeckel und seinem Monistenbund und Stalins "Staatsreligion".

In vielem habe ich anders als Wolfgang Ullmann gedacht und ihm versprochen, auf seine Herausforderung einzugehen, rein philosophisch zwischen "wahrer" und "falscher" Religion zu unterscheiden. Das wird er jetzt nicht mehr erleben; aber ich werde es noch einlösen.

Wolfgang Ullmann wird uns allen fehlen. Seine Stimme speiste sich aus dem Besten der christlichen Tradition, das wir in diesem neu gewordenen Land in den kommenden Auseinandersetzungen dringend brauchen werden. Denn es wird darum gehen, was Wolfgang Ullmanns Herzensanliegen war: Wie geben wir uns - in Europa und in Deutschland - eine politische und gesellschaftliche Verfasstheit, in der Demokratie für alle zur gelebten Wirklichkeit wird und Abhängigkeit, Unterdrückung, Diskriminierung und Ausschließung überwunden werden können? Gerade auch die nichtchristlichen Kräfte werden darauf angewiesen sein, dass christliche Denker zur Beantwortung dieser Frage etwas Produktives beitragen - wie es Wolfgang Ullmann getan hat.