Ohne Macht und Markt

Unternehmen Oktoberdruck ist einer der ältesten Kollektivbetriebe Deutschlands. Seine Zukunft ist ungewiss
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 21/2016 1

Von der Station Warschauer Straße in Berlin sind es nur wenige Meter bis zu Oktoberdruck. Martina Fuchs bittet zu Tee in den Besprechungsraum der Druckerei. Politische Poster, etwa der Vereinigung Berliner Kollektive, hängen ebenso an der Wand wie bunte Drucke. Gleich fällt auf, dass Büros im hinteren Teil der Halle leer stehen. „Es gab Zeiten, da brauchten wir den ganzen Platz“, sagt Fuchs. Ein Teil der Fläche soll bald untervermietet sein.

Oktoberdruck ist einer der ältesten Kollektivbetriebe Deutschlands. Gegründet auf den Ideen von selbstbestimmter Arbeit und machtfreien Räumen, vielfach gefeiert für seine soziale Geschäftspolitik, hat sich das Unternehmen in seinen mehr als 40 Jahren immer wieder neu finden müssen.

Was ist heute von den einstigen Ideen übrig? Martina Fuchs, Anfang 50, kurze Haare, zierliche Gestalt, strahlt Entschlossenheit aus. Als Auszubildende kam sie jung zu Oktoberdruck. Viele Jahre saß sie im Vorstand und im Aufsichtsrat. „Der Kampf um Selbstbestimmung ist bis heute mühsam. Unser Modell ist keine Erfolgsstory“, sagt Fuchs gleich vorweg. „Aber Oktoberdruck ist ein spannendes Lernexperiment, in dem man sich ausprobieren kann. Und das war es von Anfang an.“

Es sind drei Studenten aus der linken Westberliner Szene, die Oktoberdruck 1973 als eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gründen. Der Firmenname spielt auf die Oktoberrevolution an. Revolutionär sind ihre Vorstellungen davon, wie es im Betrieb zu laufen habe: keine Chefs, keine Hierarchien. Alles soll im Kollektiv entschieden werden. Die Ideen passen zu Westberlin, dem damaligen Refugium für Wehrdienstflüchtlinge und andere junge Linke. Erste Heimat von Oktoberdruck wird eine ehemalige Schokoladenfabrik am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Die Kunden sind politisch, alternativ. Magazine wie Hobo, Zitty, tip und Courage lassen hier drucken. Die Gründer achten auf eine solide wirtschaftliche Basis und die gute Organisation der Mitarbeiter. Anarchie gibt es in der jungen Druckerei nicht.

Trotz aller Bekenntnisse zum Kollektivprinzip kommt es nur ein paar Jahre nach der Gründung zum internen Streit über Führung und Geldfragen. Ein Teil der Belegschaft verlässt die Druckerei. Der Rest entscheidet, Oktoberdruck als GmbH weiterzuführen. Fortan sind die Mitarbeiter als Gesellschafter an der Druckerei beteiligt.

Martina Fuchs ist 22 Jahre alt, als sie Anfang der 80er ihre Ausbildung in der Druckerei beginnt. Sie fühlt sich zunächst überfordert. „Dass es keinen Chef gab, der mir sagte, was ich zu tun oder zu lassen hatte, war ich einfach nicht gewöhnt“, erinnert Fuchs sich zurück. Doch sie lernt, sich einzubringen und wird mit den Prinzipien von Oktoberdruck vertraut. Überforderung hat Fuchs später auch immer wieder bei Praktikanten und Lehrlingen beobachtet. Mittlerweile gibt es ein dickes Handbuch, in dem verschiedenste Abläufe und die Verantwortung innerhalb der Firma erklärt werden.

Zum Wachsen verdammt

Anfang der 90er Jahre läuft es wirtschaftlich rund für Oktoberdruck, immer mehr Aufträge gehen ein. Gleichzeitig erlangt das Thema Umweltschutz öffentliche Relevanz. Oktoberdruck führt als einer der ersten Betriebe ein Umweltmanagementsystem ein.

Der Erfolg verlangt Wachstum. Mit nun mehr als 40 Mitarbeitern lässt sich kollektive Mitbestimmung praktisch jedoch kaum umzusetzen. Mit Hilfe einer Beratungsfirma werden Hierarchien mit Abteilungsleitungen eingeführt. Manch ein Mitarbeiter empfindet das als Verrat an der Kultur, die Oktoberdruck doch ausmachen soll. Der zweite große Streit bricht aus. Wieder geht ein Teil der Belegschaft und zieht dieses Mal auch finanzielle Einlagen ab. Oktoberdruck trifft das schwer. Doch anstatt aufzugeben, entscheiden sich die restlichen Mitarbeiter für eine Neuausrichtung. Oktoberdruck firmiert fortan als kleine, nicht börsennotierte AG. Die Folge sind ungleiche Aktien- und Stimmpakete. Intern jedoch sollen Entscheidungen wieder im Kollektiv gefällt werden. Das hat man aus den vergangenen Konflikten gelernt. Die Mitarbeiter schreiben in einer internen Betriebsverfassung Prinzipien fest, die ihnen wichtig sind: gleiche Löhne etwa oder regelmäßige Versammlungen. Bei Änderungen gilt eine Stimme pro Kopf.

Den Neuanfang markiert der Umzug an den Standort Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain, die Firma schafft neue Druckmaschinen an. Die Investitionen bedeuten aber, dass in den kommenden Jahren vor allem Kredite abbezahlt werden müssen. Um wirtschaftlich zu überleben, muss sich der Betrieb mehrmals verkleinern. Üblicherweise bestimmt der Chef, wer gehen muss. Nicht so bei Oktoberdruck. Obwohl doch alle Arbeit als „gleichwertig“ gelten soll, müssen die Mitarbeiter nun diskutieren, welche Positionen unverzichtbar, welche entbehrlich sind. Am Ende soll die Entscheidung möglichst für alle erträglich sein. „Aber solche Prozesse hinterlassen natürlich Narben“, erzählt Fuchs.

2010 beginnen die Umwälzungen in der Druckerei-Branche – die nächste Krise für Oktoberdruck. Online-Druckfirmen schießen wie Pilze aus dem Boden. Sie verzichten auf Kundenberatung und dominieren mit Niedrigpreisen den Markt. Nun wollen die Kunden von Oktoberdruck immer öfter wissen, warum das Produkt hier mehr kostet als bei der Konkurrenz. Die Antwort: die ökologischen Prinzipien im Druckverfahren und die soziale Unternehmenskultur machen den Mehrwert aus. Wem diese Punkte nicht wichtig sind, den will Oktoberdruck auch nicht überzeugen. Marketingmaßnahmen gibt es bis heute kaum. Die Drucker wollen den Leuten nicht ständig etwas verkaufen, Produkte günstiger anbieten müssen. „Diese Haltung hatten wir von Beginn an. Sie hat bis heute überlebt und gilt auch für den Einkauf und die Lieferantenbeziehungen“, sagt Martina Fuchs.

Auch dem Prinzip der Lohngleichheit hält das Unternehmen weiter die Treue. Den Stundenlohn legen die Mitarbeiter gemeinsam fest, er gilt für Ingenieure ebenso wie für Buchbinder. Wie hoch er ist, will Fuchs nicht sagen, er liege „in einem auskömmlichen Mittel der Branche“. Lediglich der Vorstand erhält einen geringen monatlichen Zuschlag. So soll die rechtliche Verantwortung, die jemand in dieser Position trägt, zumindest symbolisch kenntlich gemacht werden. Den heutigen Vorstand Lutz Jenke hat vor 22 Jahren gerade die Lohngleichheit motiviert, bei Oktoberdruck anzufangen. „Am Ende wird nicht die Arbeitsleistung entlohnt, sondern der Mensch“, sagt Jenke. Martina Fuchs sieht es so: „Viele mögen das Modell für fairer halten. Aber das ist es nicht, schon gar nicht für hoch qualifizierte Mitarbeiter. Doch es geht darum, herauszufinden, was einen antreibt abseits des Gehalts.“ Gute Leute haben die Druckerei verlassen, weil sie anderswo mehr verdienen.

Im Herbst

Zurzeit hat Oktoberdruck 15 Mitarbeiter. Wer möchte, darf mitbestimmen. Doch nicht jeder hält es bei Versammlungen aus, wenn die Unternehmenszahlen auf den Tisch kommen. Aufgrund der Branchenkrise sind die gegenwärtig nicht immer gut. Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt bei 50 Jahren, viele sind schon lange dabei. Da mag sich Routine eingeschlichen haben. Man fühlt sich vielleicht nicht mehr danach, intern alles diskutieren zu müssen und bei allem mitzubestimmen. Dass manche müde sind und sich zurückziehen, wird daran deutlich, dass Jenke die Vorstandsposition derzeit alleine bekleidet. Niemand möchte die Verantwortung mittragen.

Auszubildende will Oktoberdruck erst wieder einstellen, wenn die Finanzierung für die kommenden Jahre steht. Christian Thamm, 31, ist der Jüngste im Betrieb. Angst macht ihm die ungewisse Zukunft des Unternehmens nicht. „Es ist gut, dass wir uns nicht verbiegen, nur damit wir vielleicht wieder besser in den Markt passen. Genau diese Haltung macht Oktoberdruck doch aus“, sagt Thamm. Doch ist die Haltung eben nicht in Stein gemeißelt. Es ist stets die aktuelle Belegschaft, die bestimmt, welche Prinzipien im Unternehmen gelten und was in der Betriebsverfassung steht.

Theoretisch könnte es bei Oktoberdruck in ein paar Jahren so laufen wie in anderen Betrieben. Noch ist man sich allerdings einig, dass das Ganze dann eben nicht mehr Oktoberdruck wäre. „Auf unserer jüngsten Geburtstagsfeier waren auch die Gründer anwesend“, erzählt Martina Fuchs. „Sie waren ergriffen, dass wir vieles von dem, worauf sie ihr Unternehmen einst aufgebaut hatten, heute noch mit Höhen und Tiefen umsetzen.“ Seine Eigenwilligkeit hat sich Oktoberdruck im Jahr 2016 bewahrt – trotz leerer Büros und Branchenkrise.

06:00 08.06.2016

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