Ohne Mut entsteht nichts

Indonesien Mit dem Sieg Suhartos 1965 verschwinden Zehntausende von Menschen in den Gefängnissen. Darunter auch viele Künstler wie der Schattenspieler Tristuti Rahmadi

Diese Geschichte ist teuer, teuer im wahrsten Sinne. Sie wurde mit Blut und Tränen erkauft. Ich habe alles verloren. Nicht nur meine Kinder und meine Besitztümer, sondern auch meine Ehre und mein Selbstwertgefühl." Der Puppenspieler Tristuti Rahmadi ist heute 76 Jahre alt. Doch dieses Alter sieht man ihm nicht an. Er geht mit aufrechtem Gang - nur sein rechtes Bein zieht er infolge von Misshandlungen während seiner Haft leicht nach. In den 1960er Jahren war er in seiner Heimat Indonesien ein geschätzter Künstler, der das beliebte Schattenspiel für die Mächtigen im Staate ebenso gern aufführte wie für deren Untertanen.

Damals zählte auch Ki Anom Suroto, heute eine Ikone des Schattenspiels in dem südostasiatischen Inselreich, zu den Schülern von Tristuti Rahmadi. Dieser aber geriet Mitte der 1960er Jahre in die Fangarme staatlichen Terrors, als der vom Westen hofierte General Suharto gewaltsam die Macht an sich riss und den Staatsgründer Ahmed Sukarno politisch ins Abseits bugsierte. Wie zig Zehntausende seiner Landsleute landen Tristuti Rahmadi und andere Künstler, darunter Indonesiens berühmtester zeitgenössischer Autor, der Ende April 2006 verstorbene Pramoedya Ananta Toer, hinter Gittern - ohne Anklage und Prozess.

Suhartos "Neue Ordnung"

1965, zwei Jahrzehnte nachdem es seine Unabhängigkeit von den holländischen Kolonialherren erklärt hatte, ist für Indonesien ein Schicksalsjahr: Die US-amerikanische Regierung schätzt die politische Situation in dem Inselreich als äußerst kritisch ein. Präsident Lyndon B. Johnson befürchtet, nach Vietnam drohe Indonesien als nächster "Dominostein" zu kippen und "kommunistisch" zu werden. Sukarno, Indonesiens erster Präsident und ein selbsterklärter Anti-Imperialist, ist im aufgeheizten antikommunistischen Klima ein Dorn im Auge zahlreicher westlicher Regierungen, zumal er engere Kontakte zur Volksrepublik China sucht. Im Lande selbst zählt die Kommunistische Partei Indonesiens, die PKI, Mitte der 1960er Jahre etwa drei Millionen Mitglieder. Damit ist sie weltweit die nach der Kommunistischen Partei Chinas und der KPdSU drittstärkste kommunistische Partei. Unter dem Vorwand, einen Staatsstreich der PKI zu vereiteln, putschen sich Offiziere Anfang Oktober 1965 an die Macht. Hauptnutznießer des Coups wird Generalmajor Suharto, Kommandeur einer Eliteeinheit.

Innenpolitisch krempelt der General die Gesellschaft um. Beschönigend spricht er von der "Neuen Ordnung". Oberstes Ziel: die Zerschlagung der PKI und sämtlicher mit ihr sympathisierender Organisationen. Mindestens eine halbe Million Menschen fallen diesem bis dahin größten Massaker in Friedenszeiten nach dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Die PKI wird als politische Kraft nahezu physisch liquidiert. Künstler und Schriftsteller, die sich nicht deutlich genug gegenüber der PKI abgegrenzt hatten, werden gefangen genommen und in verschiedene Haftanstalten gesperrt.

Überleben auf Buru

Tristuti Rahmadi wird auf die unwirtliche Gefangeneninsel Buru gebracht. Dort müssen er und zahlreiche andere politische Gefangene ihr nacktes Überleben selbst organisieren. Karges Land muss urbar gemacht, Felder müssen gerodet werden, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Nur das Notwendigste, erinnerte sich der Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer, durften die Gefangenen mit auf die Insel Buru nehmen: "Als wir vom Gefängnis in Jakarta nach Buru gebracht wurden, erlaubte man uns nur zwei Garnituren Kleidung mitzunehmen. Nachdem wir dort angefangen hatten zu arbeiten, war natürlich die erste Garnitur innerhalb eines Monats völlig verschlissen. Stellen Sie sich einmal vor, wie wir dort schliefen! Es wimmelte nur so von Mücken - aber wir hatten nur noch ein Kleidungsstück."

Doch in der Gefangenschaft auf Buru entstand Pramoedyas bedeutendstes Werk, die Tetralogie Bücher der Insel Buru. Sein Thema ist die koloniale Unterdrückung durch die Holländer. Anhand des Hauptprotagonisten, des javanischen Adeligen Minke, entfaltet der Autor im Zeitraffer die Geschichte Indonesiens. Der Kern dieses Werkes mit seiner leisen, lebensbejahenden Botschaft: Nutze deinen Verstand und schärfe dein Erinnerungsvermögen, um die Verhältnisse zu verstehen und sie zu verändern. "Mit diesen Romanen wollte ich zuallererst Mut machen. Ohne Mut entsteht überhaupt nichts. Mut muss man sich erarbeiten. Menschen ohne Mut sind dumpf, wie Vieh, das sich nur vermehrt."

Die Gefangenen auf Buru tun alles, um ihr Überleben würdevoll zu gestalten. Sie müssen sich zwar von sieben Uhr morgens bis elf Uhr abends abrackern. Doch in ihrer Freizeit und des Nachts beim Flackern der Petroleumlampen sind es solche begnadeten Künstler wie Pramoedya und Tristuti, die den anderen Lagerinsassen Freude schenken. Gerade das von Tristuti meisterhaft beherrschte Schattenspiel ist beliebt. Von Gott redet man als "dem größten Puppenspieler von allen". Will man den Charakter einer Person beschreiben, nennt man den entsprechenden Schattenspielhelden. Und was die große Politik betrifft, so mutmaßen die Medien gern, wer denn eigentlich hinter den Kulissen die Puppen tanzen lässt. Tristutis Talent ermuntert die Mitgefangenen, wenn auch nur für Augenblicke, neuen Lebensmut zu schöpfen, zu lachen und die Peiniger zu verhöhnen. Lange mangelt es an Material, um Figuren für´s Puppenspiel zu fertigen und ihnen Leben einzuhauchen. So improvisiert man und bewegt die Mitgefangenen dazu, selbst schöpferisch tätig zu werden. Tristuti Rahmadi lacht, wenn er sich daran erinnert: "Es gab Leute, die machten ›ding-dang-deng-dung‹ mit Eimern. Eimer können wie Gamelangongs klingen. Mit der Zeit hatten wir kleine und große Eimer. Als wir kamen, hatten wir zunächst ja erst einmal nichts. Aber ich habe weiter gespielt."

Die Kunst des Schattenspiels

Bald gelangt man in den Besitz von Tierhäuten und Eisenresten, aus denen Figuren geschnitzt und Gongs gefertigt werden: "Es gab Eingeborene auf der Insel, die Häute von Hirschen hatten. Die waren nur mit Salz behandelt. Die verkauften sie uns, und wir haben sie dann bearbeitet. ‚Los Tristuti - mal eine Schattenspielfigur!´ Ja, ich habe diese dann gemalt. Wir haben alles genutzt, was vorhanden war, um Schattenspielfiguren zu machen - selbst Nägel. Dann haben wir Führungsstäbe daran befestigt. Mit der Zeit wurde unsere Wayang-Ausstattung besser, nicht zuletzt wegen der Eisentonnen, in denen Insektizide angeliefert wurden. Daraus machten wir Gongs, bald hatten wir ein richtiges Gamelan aus Eisen."

Immer mehr politische Häftlinge lernen von Tristuti die Kunst des Schattenspiels. In den 1970er Jahren kritisieren ausländische Menschen- und Bürgerrechtsorganisationen zunehmend die Bedingungen der politischen Gefangenen auf Buru. Das Regime der "Neuen Ordnung" versucht mit Gesten, darauf zu reagieren und einen positiven Eindruck zu erwecken. "Vom Obersten Gerichtshof wurde damals, es war im Jahre 1976, eine komplette Wayang- und Gamelan-Ausrüstung geschickt - mit Verstärkeranlage", so Tristuti, "aber die Sänger und Musiker waren trotzdem nur unsere Kameraden, darunter auch ehemalige Lehrer. Profis gab es nicht, aber alles funktionierte irgendwie. Unter den Sängern waren auch keine Frauen, sondern ausschließlich Männer, die dann auch die hohen Frauenstimmen übernehmen mussten."

Einzig der Zusammenhalt der Verbannten auf Buru untereinander, sagt Tristuti, habe das Menschliche über das Unmenschliche triumphieren lassen: "Der Gemeinschaftssinn war außergewöhnlich. Bis heute sind mir meine Freunde von dort wichtiger als meine eigene Familie. Wenn wir zum Beispiel im Wald arbeiteten, hatten wir nur wenig Proviant dabei - etwas Reis und Salz. Selbst das teilten wir untereinander auf. Fanden wir auch nur die kleinsten Wildbananen oder andere Früchte, haben wir alles selbstverständlich geteilt. Solche Bananen sind wirklich sehr klein, auch nicht lecker, sondern eher bitter. Wer unter uns erkrankte, wurde selbstverständlich versorgt. Hatten wir mal den Auftrag, Insektizide von der Küste über 30 oder 40 Kilometer ins Lager im Zentrum der Insel zu tragen, musste ein Mann etwa 45 Kilo schleppen. Leute, die sich stark fühlten, nahmen den Schwachen jeweils fünf bis zehn Kilo ab."

Anfang der 1970er Jahre werden die Zustände auf Buru auch international bekannt. Die Regierung lässt vereinzelt internationale Menschenrechtsbeobachter auf die Insel. So gelang es Pramoedya Ananta Toer, einige seiner Schriften ins Ausland schmuggeln zu lassen. Als sie dort veröffentlicht werden, wächst der Druck auf das Regime so stark, dass die meisten Gefangenen frei gelassen werden - darunter auch Pramoedya und Tristuti Rahmadi.

Nach 14 Jahren Haft kehrt Tristuti Rahmadi im Frühjahr 1979 in seine Heimat zurück: "Es begann die zweite Zeit meines Leidens. Die erste Zeit des Leidens war körperlich - immer wieder wurde ich geschlagen. Von 1979 bis 2000 dauerte das seelische Leid. Wenn ich irgendwo hin wollte, musste ich das behördlich genehmigen lassen. Immer und überall brauchte ich ein Genehmigungsschreiben. Wo immer ich mich aufhielt, musste ich mich bei den dortigen Behörden melden. An´s Schattenspiel war nicht zu denken, wenngleich mir niemand offen das Spielen verbot. Doch um Aufführungen zu veranstalten, benötigte ich unbedingt einen Künstlerausweis!"

Nur bedingt freiheitsfähig

Für Tristuti beginnt ein Irrweg. Zuerst wendet er sich an die Kulturbehörde. Dort aber verlangt man von ihm ein Empfehlungsschreiben von der Militärkommandantur, in dem bestätigt wird, dass er offiziell wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Bei der Militärkommandantur wiederum heißt es lapidar, sie kümmere sich nicht um Fragen, die das Schattenspiel betreffen: "Als ich 1979 von Buru zurückkehrte, war ich im Grunde genommen frei und doch nicht frei. Frei war ich nur im formalen Sinne. Geknebelt war ich aber durch einen Wust von Auflagen, denen natürlich nicht nachzukommen war." Viele seiner ehemaligen Freunde sind inzwischen von Suhartos Schergen ermordet worden. Andere distanzieren sich von Tristuti, weil sie sich nicht öffentlich mit einem angeblichen ehemaligen Kommunisten zeigen wollen. Der einst landesweit gefeierte Puppenspieler muss auf dem Bau arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Einige von Tristutis Rahmadis Schülern sind inzwischen bekannte Puppenspieler. Einer von ihnen ist Ki Anom Suroto. Als dieser von dem Schicksal seines Lehrers hört, sucht er ihn auf und bietet ihm an, die Vorlagen für seine Stücke zu schreiben. Es beginnt eine erfolgreiche Partnerschaft. Mit der verdeckten Hilfe des ehemaligen politischen Häftlings Tristuti Rahmadi avanciert Ki Anom Suroto sogar zum Lieblingspuppenspieler und spirituellen Ratgeber des Diktators Suharto. Erst als dieser infolge einer tiefgreifenden Wirtschafts- und Finanzkrise im Mai 1998 von der politischen Bühne abtritt, kann Tristuti nach über 30 Jahren wieder öffentlich spielen: "1999 begann zwar die Zeit der Reformen. Ich kümmerte mich einfach nicht mehr um eine Erlaubnis, Schattenspiele aufzuführen. Damals gab es beispielsweise in einer Familie eine Hochzeit und man bat mich um eine Aufführung. Ich traute mich und sagte zu. Und sie sicherten mir im Gegenzug zu, mir notfalls zu helfen. Also probierte ich es und spielte ohne Lizenz."

Als alter Mann gelingt es Tristuti Rahmadi jedoch nicht mehr, an die Erfolge seiner Jugend anzuknüpfen. Heute lebt er in einer ärmlichen Behausung am Stadtrand von Solo. Ex-Diktator Suharto hingegen wurde wegen Menschenrechtsverletzungen nie behelligt. Der im Westen höchst geschätzte Darling Südostasiens verbrachte in Menteng, einem Nobelviertel der Hauptstadt Jakarta, als freier Mann seinen Lebensabend. Am 27. Januar 2008 starb der 86-jährige Suharto infolge eines mehrfachen Organversagens. Der Puppenspieler Tristuti Rahmadi ist verbittert: "Die Menschen denken heute nicht mehr über die Verletzung der Menschenrechte nach - über die Folter, die Unterdrückung und das Leid. Sie denken nur noch an Geld."

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00:00 28.03.2008

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