Ohne Schutz

linksbündig Die Entführung Susanne Osthoffs und die prekäre Situation der internationalen Hilfe

In einer Schlüsselszene des irakischen Spielfilmes Schildkröten können fliegen wirft ein US-amerikanischer Helikopter über einem kurdischen Dorf im Nordirak mit angeschlossenem Flüchtlingslager Flugblätter mit dem Slogan ab: Wir bringen euch das Paradies. Der Film, kurz nach der Invasion und dem Sturz von Saddam Hussein gedreht, erzählt seine Geschichte aus der Perspektive kurdischer Flüchtlingskinder, die den Giftgasangriff der Saddam-Truppen auf Halabja überlebten. Die seelisch und körperlich schwer beschädigten Kinder sind hellsichtige Überlebensstrategen in einer unübersichtlichen Konfliktlage. In solche absurden Versprechungen legen sie keinerlei Hoffnung.

In vielen Regionen des Iraks fehlt jede Form von Existenzsicherheit. und aus dem versprochenen Paradies ist die Vorhölle geworden, in der keine internationale Regel zur Zivilisierung militärischer Konflikte mehr gilt. Die deutsche Archäologin Susanne Osthoff ist Opfer dieser Verhältnisse geworden. Ihre Entführung macht erneut deutlich, dass es weder für Einzelne noch für Organisationen, die sich zwischen den Fronten bewegen, einen Schutz gibt.

Susanne Osthoff hat in den vergangenen Jahren solidarische Hilfe geleistet, Medikamente transportiert, aber auch versucht, durch Kulturprojekte Räume für zivilgesellschaftliches Engagement jenseits der Frontlinien zu schaffen. Letzteres ist die einzige Chance auf eine friedliche Perspektive im Irak. Insofern ist ihre Entführung nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern auch ein Schlag für alle, die im Irak versuchen, solche Spielräume zu erhalten oder gar auszuweiten.

Doch man kommt nicht umhin, nach den Implikationen dieser Entführung zu fragen. Die internationale Hilfe, sei sie als humanitär und neutral oder als solidarisch deklariert, steht angesichts der Entwicklung im Irak, im Übrigen auch der in Afghanistan, vor einem Paradigmen-Wechsel. Die Hoffnung, dass Neutralität Schutz bietet und so Hilfe für die Zivilbevölkerung geleistet werden könnte, ist mit den ausländischen Interventionen im "Krieg gegen den Terror" dahin. Das Internationale Rote Kreuz, die globale humanitäre Institution an und für sich, arbeitet offiziell seit zwei Jahren schon nicht mehr im Irak. Die gezielte Einbettung der Hilfe während der Irak-Invasion unter US-Führung war einer der Gründe, warum internationale Hilfe zum Angriffsobjekt wurde. Hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen ziviler Hilfe und militärischem Engagement bewusst verwischt werden. Zum Beispiel in den Provincial Reconstruction Teams (PRT), die die NATO in Afghanistan einsetzt, und die sich zur Sicherung positiver Gefühle der Bevölkerung auch ziviler Aufgaben befleißigen. Das führt bereits zu verräterischen Sprachverwirrungen. Von deutschen Journalisten konnte man schon häufiger die antagonistische Wortschöpfung hören: "Hilfsorganisationen wie die Bundeswehr." Die Frage, wie denn unter diesen Bedingungen Hilfe zu leisten ist, ist nicht beantwortet. Mit den Marketing-Kriterien von "Visibility" jedenfalls nicht.

Doch noch eine zweite, vielleicht viel schrecklichere Erkenntnis liegt im Schicksal der deutschen Archäologin. Die Gleichgültigkeit, wenn nicht Ablehnung gegenüber Susanne Osthoff in den Leserbriefspalten, Kommentaren und Internetforen ist geradezu erschütternd. Ein tief verwurzeltes patriarchales Denken erlebt einen Siegeszug. Eine Mutter, die ihr Kind ins Internat steckt, verdient in den Augen vieler (Männer?) keine Hilfe vom Vaterland. Dann noch zum Islam konvertiert! Das ist offenbar die Aneignung des weiblichen Körpers durch den Feind. Diese Rede aus Verletzung der Mutterpflichten, Islamhass und Selber-Schuld spiegelt die Unfähigkeit zu Empathie. Der Verdacht, die Ideologie vom Kulturkampf habe mehr Anhänger als geahnt, liegt nahe.

In der Schlussszene des Films Schildkröten können fliegen gehen amerikanische Soldaten und die kurdisch-irakischen Kinder auseinander - in entgegengesetzte Richtungen. Diese Kinder sind das Symbol für die geschundenen Menschen im Irak, denen bereits unter Saddam Hussein die Zukunft geraubt wurde. Ihnen darf man Solidarität nicht versagen, nur weil die Verhältnisse schwierig und gefährlich sind.



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00:00 16.12.2005

Ausgabe 37/2021

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