Ohne Ticket

A–Z Für Rio Reisers „Mensch Meier“ war es fast ’ne Revolution, und noch heute ist Fahren ohne Ticket politisch, derzeit wird über angemessene Sprache debattiert. Das Lexikon
Ohne Ticket

Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

A

Antidiskriminierung In Hamburg sagt man Tschüss, auch die Duisburger Verkehrsbetriebe wollen den Begriff „Schwarzfahren“ nicht mehr verwenden. Dass die BVG in Berlin das Wort „verbannen“ will, wurde hingegen dementiert: Da gebe es nichts zu verbannen, man benutze es seit Jahren nicht mehr. Für ein Sommershitstürmchen reichte es dennoch. Peter Ramsauer (CSU) zu Bild: „Die haben doch alle einen Knall!“ Differenziertere Kritiker*innen verweisen auf die Etymologie: „Svarts“, das jiddische Wort für „Armut“. Hat mit Hautfarbe nichts zu tun.

Es könnte womöglich so einfach sein, wäre da nicht die Tatsache, dass es bei Personenkontrollen im öffentlichen Nahverkehr Tag für Tag zu rassistischer Diskriminierung kommt. Sähen Schwarze, überhaupt PoC, sich nicht viel zu oft zu Unrecht dem Verdacht ausgesetzt, „Leistungen zu erschleichen“ (Pepe Danquart). Diesen Beiklang wird das Wort nicht mehr los, das spricht dafür, es auszurangieren. Christine Käppeler

B

Budapest Anfang der 1990er reiste ich mit M. nach Budapest. Wir trugen schwarze „existenzialistische“ Rollkragenpullis und saßen so gern vielleicht im Lederfauteuil eines altehrwürdigen, eleganten Hotelfoyers. Existenzialistisch, jedoch kaum mondän: unsere Jugendherberge. Und dann wurden wir auch noch beim Fahren ohne Ticket erwischt. 4.000 Forint sollte das selbst eingebrockte Abenteuer kosten. Umgerechnet ein Vermögen. Die Zahl: episch und mit Inflation nicht rational zu erklären, uns verträumten Literaturstudentinnen sowieso nicht.

Ein bisschen durchtrieben waren wir ja aber auch, unsere Hoffnung: korrupte ➝ Kontrolleure. Als man uns also abführen wollte, versteckte M. ihr Geld noch schnell in der Gesäßtasche, steckte fiebrig meine Scheine dazu. Die Portemonnaies waren fast leer, fast existenzialistisch. Es funktionierte. Katharina Schmitz

D

Damenhandtasche Das korrekt gestempelte Ticket muss im Seitenfach sein. Oder steckt es im Portemonnaie? Die beiden Kontrolleure bewegen sich zielstrebig durch den Wagen. Gleich bin ich dran. „Es ist das Geheimnis der Damenhandtaschen“, sage ich, „irgendwo hat sich mein Fahrschein versteckt.“ Aber der vierschrötige Mann (er sieht eher nicht wie eine Amtsperson aus) lächelt nicht. „Nur mit der Ruhe“, entgegnet er, wie man es ihm beigebracht hat, und das Herz schlägt mir bis zum Hals. „Beim nächsten Halt steigen wir aus, da können Sie weitersuchen.“ Dabei bin ich in Eile.

Auf dem Bahnsteig steht zum Glück eine Bank. Auf dem engen Metallgitter schütte ich meine Tasche aus: ein Buch, ein Schreibblock, mehrere Kugelschreiber, Frühstück, Kopfschmerztabletten, Lippenstift, zerknüllte Taschentücher und einiger Krimskrams noch. Der Mann schaut von oben herab auf meine Verwirrung und hätte die Macht, meine Personalien aufzunehmen, wenn das fehlende Papier mich zur Schuldigen macht. Aber da ist es zum Glück. „Danke, gute Weiterfahrt“, sagt er – und lässt mich in meiner Demütigung zurück. Irmtraud Gutschke

G

Gepäckgebühr In Danzig sind ein Freund und ich einmal aus Versehen schwarzgefahren – genau genommen unsere Rucksäcke. Im Sommer 2000 stiegen wir, frisch am Bahnhof angekommen, in die Straßenbahn. Wir wurden sofort von Herren in Zivil kontrolliert, befürchteten nichts, weil wir Fahrscheine gekauft hatten. Doch einer der Kontrolleure zeigte nur auf ein Schild. Darauf besagte ein Piktogramm, dass für bei Backpackern übliche Reiserucksäcke zusätzlich ein Fahrschein zu lösen ist. An der Haltestelle hatten wir solche Hinweise überhaupt gar nicht bemerkt. Die Kontrolleure waren seltsam rasch zur Stelle. Ob wir Pech hatten oder das Kalkül war, werden wir wohl niemals wissen. Tobias Prüwer

H

Haft Vor ein paar Jahren habe ich in der S-Bahn während einer Kontrolle einen Mann ohne festen Wohnsitz auf meiner Umweltkarte mitgenommen: Er wäre zum dritten Mal ohne Ticket erwischt worden. Dann hätte ihm Haft gedroht. Für die Straftat wird dann zusätzlich eine Geldstrafe fällig. Und wer die nicht berappen kann oder sich nicht, wie in Schweden, gegen Fahren ohne Ticket versichert, der wandert ins Gefängnis. Jährlich sind etwa 7.000 Menschen in Deutschland inhaftiert, weil sie ohne Fahrschein fahren. Diese Strafverfolgung kostet Millionen Euro. Die Grünen immerhin wollen, dass Fahren ohne Ticket als Kavaliersdelikt angesehen wird. Ben Mendelson

J

Jagdszenen Solche Szenen wie jene, die ich vor Jahren im S-Bahnhof Greifswalder Straße in Berlin erlebte, gibt es wohl gegenwärtig nicht mehr. Ein offensichtlich bei der Fahrscheinkontrolle erwischter „Beförderungserschleicher“ floh die Treppe herunter, geriet ins Straucheln, riss eine junge Frau, die ihm entgegenkam, zu Boden, stützte sich an ihr ab und rannte davon. Die Frau stöhnte auf und lag dann ganz still, wie ein gefangenes Tier. Sie hatte Angst, sich zu bewegen, die Schulter schien ausgerenkt. Sofort versammelten sich Leute. Während die Frauen ihr beruhigend zuredeten, fingen die Männer an, die „Kontrolettis“ zu beschimpfen, die selbst geschockt stehen geblieben waren. Deren Jagdfieber habe das Ganze erst verursacht. Bald traf Hilfe ein, ich ging weiter. Ich wollte nicht mehr zugucken. Ich hoffte, dass die junge Frau bald wieder gesund wird. Den Kontrolleur:innen wurde inzwischen ein zivilisierteres Image verpasst. Magda Geisler

K

Kontrolleure Jahrelange Expertise im Erschleichen einer Dienstleistung des öffentlichen Nahverkehrs – aus Geldnot oder Ärger ob der stets steigenden Preise – haben meinen Blick auf die Zusteigenden geschärft. Wer beruflich eine U- oder Straßenbahn besteigt, bewegt sich anders als solche, die von A nach B wollen. Betonte Unauffälligkeit in Kleidung und Habitus haben Signalwirkung und wenn sich unter den steingewaschenen Jeansjacken Ausbuchtungen abzeichnen, handelt es sich nicht um eine kühle 45er, sondern um die elektronische Registrierkasse. Einmal flog ich gnadenlos auf, als plötzlich zwei sehr stämmige undercut geschniegelte Araber vor mir standen und ihren BVG-Ausweis zeigten. Sofort amalgamierte das Gefühl aus Schuld und Scham (Damenhandtasche), ich händigte ohne Aufmucken mein Bargeld aus. Mittlerweile hat die BVG das Kontrollwesen an externe Securityfirmen ausgelagert. Der neue Typus: Türsteher mit Clan-Hintergrund. Marc Ottiker

P

Pepe Danquart Der erfolgreiche Regisseur, der in seinem neuen Film gerade auf Pasolinis Spuren wandelt, hat sogar mal einen Oscar gewonnen. Pepe Danquart erhielt die Auszeichnung 1994 für Schwarzfahrer in der Kategorie Bester Kurzfilm. In dem Zwölfminüter thematisiert er den Alltagsrassismus, der sich hinter diesem Begriff offenbart ( Antidiskriminierung). In seinem Film fährt ein junger Mann in der Berliner Tram, wo er von einer älteren Dame aufgrund seiner Hautfarbe rassistisch beleidigt wird. Die umsitzenden Fahrgäste schauen zu, keiner schreitet ein. Als ein Kontrolleur kommt, sieht der Diskriminierte nur einen Weg: Selbsthilfe. Die Pointe soll hier nicht verraten werden, man kann den Film kostenlos im Netz sehen. Tobias Prüwer

T

Tarifgebiete Während ich Ihnen das hier vom Rücksitz meiner Limousine schreibe, verzweifelt sicher gerade wieder jemand an den hiesigen Tarifsystemen im ÖPNV. Ich bin es längst: Bahnsteigkarten, Grenztarifgebiete, überlappende Zonen – alles das hat mich zum Kfz gebracht. Apps, die WLAN brauchten, wo kein WLAN war, aber wo ergreifungsentlohnte Kontrolleure waren. Fahren ohne Ticket muss man gar nicht wollen, um schwerelos in die Illegalität mit der Bahn zu ruckeln, es reichen kaputte Automaten, inklusive Uringeruch und der süffisanten Kontrolleursbemerkung: „Die Ausrede kenn’ wa’!“ War aber keine Ausrede, es war der wiederkehrende, redliche Versuch, sich in einem System mit verschränkter Logik zu bewegen. Ich muss jetzt aussteigen, denn ich bin pünktlich. Jan C. Behmann

U

Umtriebe Frühjahr 1992. Mein erster „Subotnik“ bei der Wochenzeitung (WOZ) in Zürich. Wieder bin ich über Susans Wuschelhund gestolpert, der auf den Stufen des damaligen kleinen Redaktionshauses am Waffenplatz liegt. Waffenplatz, dieser Name schon! Für wehrhafte Schweizer selbstverständlich, mein damaliger Gastgeber klaubte frühmorgens mal seine Knarre unter meinem Bett hervor. Ich liebe Helvetismen, in die ich mich einkuscheln kann wie in meine deutsch-alemannische Herkunftsbettdecke. An den Türen steht stoßen, wenn wir hierzulande drücken, Stutz ist das Geld, das uns fehlt. Und dann kriegte ich es mit den Umtrieben zu tun. Für allweilige Umtriebe, steht überall im Schweizer ÖPNV zu lesen, werden üppig Franken fällig ( Budapest). Umtriebe? Politisches 19. Jahrhundert. Die Kontrolleure waren zum Weinen höflich. Bewehrt nur mit Worten. Sie klärten mich auf, belehrten. Eine Armada aus Pädagogen. Kein Ablass für Umtriebe. Nie bin ich in Zürich mehr schwarzgefahren. Ulrike Baureithel

V

Verkehrswende Wofür werden alles Steuergelder ausgegeben! Warum nicht für kostenlosen Nahverkehr und für freie Parkplätze an den Bahnhöfen, um das Auto stehen zu lassen. Aber die viel beschworene Verkehrswende ist bislang nur Interessenpolitik für jene, die in der Innenstadt wohnen und sich als Radfahrende oft von Autos gestört fühlen. Den Fahrern geht es nun an den Kragen. Mehr zahlen sollen sie für Sprit wie für Bus und Bahn. Private Pkws als Sündenböcke für die Klimakrise, auch wenn der Joghurt aus Bayern per Lkw kommt und ein Kreuzfahrtschiff laut NABU pro Tag so viel CO₂ ausstößt wie fast 84.000 Autos und so viel Schwefeldioxid wie gut 376 Millionen. Irmtraud Gutschke

Z

Zeilen Es hätte der Anfang einer Revolution sein können, aber es war nur ein Liedtext: Rio Reisers Mensch Meier kam sich im Bus vor „wie ’ne Ölsardine“, als er beschloss, zum militanten Ticketverweigerer zu werden und alle damit anzustecken: „Und wenn die da oben x-Millionen Schulden haben, solln’ses bei den Bonzen holen, die uns beklauen. Du kannst deinem Chef bestellen, wir fahr’n jetzt alle schwarz. Und der Meier bleibt hier drin, sonst fliegst du raus!“ Das war 1972. Die moderne Subkultur tickt etwas anders: „Mein Traum, der Benz (…) Dreh ’ne Runde um die Welt. Und der Rest macht sich von selbst. Lass nur noch schwarz fahr’n.“ In diesem Text des Rappers Olexesh von 2016 ist natürlich kein ÖPNV gemeint, sondern ein dunkler Luxuswagen. Die Reichen zur Kasse bitten, das war mal. Rebellion heute heißt: selber reich werden wollen. Konstantin Nowotny

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06:00 25.07.2021

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