Ohnmächtig wie die Linke ist in dieser Pandemie niemand

Corona Der freie Markt kassiert die Profite und behält Patente. Dabei hat der Staat die Grundlagenforschung finanziert. Vieles an der Impfpolitik ist problematisch – warum bleibt die Kritik von links so zaghaft?
Man könnte Menschenleben retten
Man könnte Menschenleben retten

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Zwei Jahre Corona und kein Ende in Sicht – weder das der Pandemie noch das der Krise der Linken: Von Bündnissen wie „Wer hat, der gibt“ und „Nicht auf unserem Rücken“ kamen wichtige, aber wirkungslose Versuche, der Krise klassenpolitisch entgegenzutreten. Die Kampagne Zero Covid fordert seit einem Jahr einen solidarischen Shutdown. Jene, die traditionell im Staat die Wurzel allen Übels sehen, versuchen die Maßnahmen von links zu kritisieren und hantieren dabei gerne mit einem diffusen Freiheitsbegriff, bei dem allen argumentativen Verrenkungen zum Trotz die Freiheit des Einzelnen über der des Ganzen steht. Die gesellschaftliche Linke ist weiter das, was diese Kolumne bereits während der ersten Welle der Pandemie beklagte: orientierungslos.

Dabei liegt das Gemeinsame auf der Hand. Hierzulande wird zwar darüber diskutiert, wie die Impfunwilligen an die Nadel gebracht werden können, aber vielerorts auf diesem Planeten würden sich Menschen gerne impfen lassen, haben aber keine Möglichkeit dazu. In knapp 40 Staaten dieser Erde sind weniger als zehn Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

Die Lage wäre diesen Winter wohl weniger misslich, wären die Patente frei, denn Mutationen entstehen vor allem durch Übertragungen. In Sonntagsreden wird gern betont, eine Pandemie könne nur global bekämpft werden und ein Virus lasse sich von Staatsgrenzen nicht beeindrucken. Nur Konsequenzen hat das keine. Vielmehr setzt sich Deutschland aktiv dafür ein, die Patente für den Impfstoff nicht freizugeben. Südafrikas und Indiens Initiativen zur Freigabe wurden mehrfach blockiert. Der Hintergrund: Eine Aktie des deutschen Unternehmens Biontech kostet aktuell 240 Euro – etwa zwanzigmal so viel wie beim Börsengang vor gut zwei Jahren. Zum Impfnationalismus gesellt sich Standortchauvinismus.

Doch Kritik daran gibt es nur vereinzelt. Biontech gilt vielen Linksliberalen gar als Leuchtturmprojekt, Uğur Şahin wie Özlem Türeci als lebende Beweise für die Utopie eines diskriminierungsfreien Diversity-Kapitalismus. Andere berauschen sich an der vermeintlichen Innovationskraft des Kapitalismus.

Ideologie kann eben stärker sein als die Realität: die mRNA-Technik, dank der etwa Biontech Milliarden macht, basiert auf staatlich finanzierter Grundlagenforschung – staatliche Institutionen haben zudem weltweit Milliarden für Impf-Entwicklungen investiert.

Nach zwei Jahren Coronakrise ist es überfällig, dass die Linke in Fragen den Pandemiebekämpfung sichtbar in Erscheinung tritt. Denn sonst droht ein weiterer Winter linker Ohnmacht.

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