MaerzMusik: Ohrfeige für Beethoven

Festival Die Berliner MaerzMusik ergründete den Aufstand und vergaß darüber fast die Kraft der Kunst
Michael Jäger | Ausgabe 14/2015

Die Berliner MaerzMusik nannte sich bisher Festival „für aktuelle Musik“, in diesem Jahr nun war sie laut Titel eines „für Zeitfragen“. Natürlich wurden weiterhin Konzerte veranstaltet, die neue Kennzeichnung signalisiert aber, dass Musik tatsächlich nur noch ein Bestandteil von mehreren ist. In die Konzerte ging man wie üblich abends, tagsüber wurde Seminarprogramm geboten. Ein Podium zur Musik kam da auch mal vor, überwiegend ging es aber, in den Worten des neuen Festivalleiters Odo Polzer, um „zeitbezogene politische Strategien“, „feministische Zeitverständnisse“, „postkoloniale Visionen“ und dergleichen mehr. Antonio Negri sprach über Time for Revolution.

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Der Autor dieser Zeilen interessiert sich sehr für die Revolution, die MaerzMusik hat er aber nur um der Musik willen, also abends besucht. Das brauchte kein Widerspruch zu sein; die neue Konzeption hätte sich im Idealfall auch bei bloßem Musikhören erschließen können. Musik ist ja die Zeitkunst par excellence.

Von heute

Wie Polzer plausibel darlegt, ist das Phänomen Zeit im radikalen Umbruch begriffen und verlangt eine politische Reaktion. Der Mensch liefert sich dem Hochfrequenzhandel aus und tut fast nichts gegen den rapiden ökologischen Verfall der Erde. Beides hängt offenbar mit dem Kapitalismus zusammen. Man müsste also aus der Zeit heraustreten können, um einen Zeitfluss, der aus den Fugen ist, wieder einbetten zu können. Die Frage, wie sich diese Situation in der Musik spiegelt, ist spannend.

Nun kann Musik sehr wohl revolutionär sein. So legte Beethoven dem vierten Satz seiner 5. Symphonie einen Militärmarsch der napoleonischen Revolutionskriege zugrunde. Wer daran zurückdachte, bekam gleich zu Beginn der MaerzMusik eine Ohrfeige: „Beethoven ist tot“, verkündeten die Veranstalter des Eröffnungskonzerts; sie ließen die Besucher während der Aufführung von 20 kurzen Stücken „frei“ herumlaufen, weil sie das Sitzen im Konzertsaal für ein überholtes Ritual halten, das sie mit der „beethovenschen Mystifizierung von Musik“ assoziieren. Wer so zur vergangenen Zeit steht, setzt schwerlich der heutigen Beschleunigung etwas entgegen.

Es gab freilich auch die Gegentendenz. An einem Abend wurden auf Besucheranfrage vergangene Dichter rezipiert, Goethe, Melville und andere. An einem anderen war Renaissancemusik zu hören. Der Eindruck, Repräsentatives über die Musik von heute zu erfahren, kam indessen nicht auf.

Interessant war es trotzdem. Eine Vorliebe für die von John Cage ausgegangene Entwicklung war zu erahnen. Dazu gehörte die Vorstellung des griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis durch fünf Konzerte. Seine Situations für 23 Solisten (2013) nehmen auf Zeit in der Weise Bezug, dass sie ständig vom Abbruch bedroht sind, am Ende aber fortlaufen könnten; sie sind „zerbrechlich“, wie der Komponist sagt. Und auch die Minimal Music war mit einem exzellenten Stück vertreten, Timber (2009) von Michael Gordon, bei dem sechs Schlagwerker auf Hartholzbalken verschiedener Länge klöppeln und im Ergebnis die Zeit stillzustehen scheint. Das Streichquartett Nr. 3 (2001) von Georg Friedrich Haas wurde in völliger Dunkelheit aufgeführt. Da konnte man erleben, dass man den Zeitfluss mit einem Mal anders erlebt, wenn er sich nicht mit der Wahrnehmung des Räumlichen vermischt. Man lernt es dankbar, doch Musik ist hier schon wieder mehr zum Demonstrationsobjekt geworden, als dass es noch um sie selbst geht.

06:00 15.04.2015

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