Oink-Oink!

A–Z Schweine Die Spiele-App „Angry Birds“ wird durch „Bad Piggies“ abgelöst. Warum Schweine im analogen Leben gar nicht böse sind, verrät unser Lexikon der Woche
Oink-Oink!
Nun wird aus der Perspektive der Schweine gedaddelt, die bisher von wütenden Vögeln attackiert wurden

Foto: Greg Wood/Getty Images

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Attraktion Schwimmen mit Schweinen können Touristen auf den Exumas der Bahamas. Die Tiere leben dort in einer Bucht und genießen das tägliche Bad im Meer. Sie paddeln auf Boote zu, um sich füttern zu lassen und mit den Badegästen zu planschen. Wie das Schwimmen mit Delfinen lässt sich auch das Schwimmen mit Schweinen als Touristen-Tour buchen. Woher die Schweine in der Bucht stammen, weiß niemand. Sie könnten einmal von Menschen zurückgelassen worden sein. Touristen wird auch gerne erzählt, dass die Schweine von Bord eines Schiffes gespült wurden und dabei schwimmen lernten. Andere glauben, sie würden Anwohnern gehören. Und dass diese sie schlachten, nachdem sie von den Touristen gefüttert wurden. Irene Habich

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Dänisches Protestschwein Das dänische Protestschwein hat eine Ähnlichkeit mit dem Dannebrog, also dem weißen Kreuz auf rotem Grund. Wie die dänische Flagge nämlich mutet das Fell des auch Husumer Protestschwein genannten Tiers an. Und das wussten sich die in Nordfriesland lebenden Dänen zunutze zu machen. Im 19. Jahrhundert war es ihnen verboten, den Dannebrog zu hissen; obwohl dieser als älteste unveränderte Flagge gilt. Schlitzohrig wie sie waren, griffen die Dänen zum Schwein und hielten sich die rot-weißen Borstenviecher als Fahnenersatz. Lange Zeit erachtete man das Schwein als ausgestorben, bis es in den Achtzigern wieder entdeckt wurde. Heute wird das Tier unter anderem im Berliner Zoologischen Garten gehalten und wird in Schleswig-Holstein als Kulturgut geschützt. Das ist angesichts der augenzwinkernden Protesttierhaltung verständlich: Es gibt chauvinistischere Nationalsymbole als Schweine. Tobias Prüwer

E

Erweckung Schon immer hatte ich ein Herz für Tiere. Als kleines Kind rettete ich ertrinkende Bienen aus Swimming Pools, streichelte Zwergkaninchen, züchtete Kaulquappen. Mit 14 hatte ich den ersten Nahkontakt zum Schwein. Ein Schlüsselerlebnis. Ich war im christlichen Zeltlager irgendwo in Niederbayern, und der Bauer des benachbarten Hofes drückte mir ein quiekendes Babyschwein in den Arm. Es sträubte sich vehement mit allen vier Haxen gegen meine Liebkosungen, und trotzdem war es Liebe auf den ersten Blick. Wie konnte man solche niedlichen, schlauen Tiere kross gebacken verzehren? Ich wurde Vegetarierin. Zwischendurch mal bei Spareribs rückfällig, doch mittlerweile bin ich wieder 100 Prozent schweinefrei. Ferkel sei dank. Sophia Hoffmann

G

Gestank Man kann Schweinen vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie besonders gut riechen. Vor allem Eber verfügen über einen strengen Geruch, der einem fast das Bewusstsein raubt. Weibliche Schweine nehmen den brutalen Gestank offenbar als übermannendes Aftershave wahr und geraten so an ihren fruchtbaren Tagen in die „Duldungsstarre“. Heinrich von Kleist hat diesen Zustand in seiner Marquise von O… in einen weltberühmt gewordenen Gedankenstrich übersetzt. Um den „Ebergeruch“ zu verhindern, werden viele Ferkel nach sieben Tagen kastriert. Natürlich ohne Narkose. Man kann Menschen vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie keine Schweine wären. Mark Stöhr

Glück Es gibt viele Redewendungen mit Schwein – in etwa zu gleichen Teilen positiv und negativ beladen. So verschenken wir zum Jahreswechsel Marzipanschweine, die Glück bringen sollen, schon den alten Germanen galt der Eber als heilig, Schweine verkörperten Wohlstand. „Schwein gehabt“ rührt vom mittelalterlichen Brauch, bei Wettspielen ein Schwein als Trostpreis zu vergeben. Das Dreckschwein und der Schweinepriester sind da weniger schmeichelhaft, nur weil das kluge Tier sich zum Schutz vor Ungeziefer und zur Abkühlung gerne im Schlamm wälzt, haftet ihm fälschlicherweise ein dreckiges Image an. Ungerecht – oder spricht irgendwer vom Dreckselefanten oder Drecksnilpferd? Na eben. SH

H

Haustier Die Deutschen mögen Schweine – am liebsten auf dem Tisch. Nun werden diese Tiere aber nicht mehr nur dafür, sondern auch als Haustiere gezüchtet. In Hollywood haben Schweine schon länger den Hund als liebstes Haustier abgelöst. Hatten vor einigen Jahren noch alle It-Girls einen Chihuahua, so geht der Trend jetzt zum Hausschwein. Selbst Paris Hilton soll sich ein Minihängebauchschwein halten. Auch in Deutschland werden die kleinen Brüder der Mastschweine immer beliebter. Zwischen Münchner oder Wiesenauer Miniaturschwein, Bergsträßer Knirps oder Minnesota Minipig kann sich der angehende Schweinehalter entscheiden. Doch Vorsicht: Mini sind auch diese Schweine nur dem Namen nach und für die Haltung in der Wohnung gänzlich ungeeignet. Stina Hoffmann

I

Intelligenz Kein Mann solle Präsident werden dürfen, wenn er Schweine nicht verstehe, sagte einst US-Präsident Harry Truman. Damit hat er die Latte für Romney hoch gesetzt. Denn Tierforscher haben bei Schweinen mehr als zwanzig Oinks, Quieks und Grunzer für unterschiedliche Situationen identifiziert, von der Anmache bis zum Hungersignal. Schweine haben in ihrer 1.0-Version nichts mit den Fleischklumpen zu tun, zu denen wir sie herabgewürdigt haben. Sie sind deutlich schlauer als Hunde und haben die Intelligenz eines dreijährigen Kindes. In Orwells Farm der Tiere waren sie die Bolschewisten. Das macht Trumans Aussage noch interessanter. MS

K

Kinderliteratur In Kinderbüchern wimmelt es nur so von Schweinen. Freundlich, blassrosa und sehr menschlich sind sie – der dicke Waldemar aus Helme Heines Freunde oder das kleine, furchtsame Kuscheltier Piglet, bester Freund von Pu dem Bären. Für mich als Stadtkind waren sie der Inbegriff von einem Schwein. Den Schock, den der Anblick meiner ersten echten 300-Kilo-Sau auf einem Kinderbauernhof auslöste, habe ich nie überwunden. Diese riesigen, borstigen Tiere sollten Schweine sein? Auch andere Tiere sind in Bilderbüchern vermenschlicht, aber die Diskrepanz zwischen dem dicken Waldemar und dem tatsächlichen Schwein blieb unüberbrückbar. Vielleicht bin ich deshalb nie zur Vegetarierin geworden: Piglet war ebenso wenig Schwein wie der Schinken an der Wursttheke. STH

M

Männer Man soll ihnen nicht trauen. Männer sind Schweine. Meinten mal Die Ärzte. Genauer? „Ein Mann fühlt sich erst dann als Mann, wenn er es Dir besorgen kann...“. Tja. Ende der Neunziger war das. Auf’s Jetzt umgemünzt, hieße das wohl: „...wenn er im Schmerz sich wälzen kann...“ Ist ja gerade eine Welle, die Wut auf Weicheier, die uns mit massivem Weltschmerz das Date versauen. Zu weich, zu selbstmitleidig. Dann doch lieber klassisch? Das Schwein, cool, arrogant. „Wer hart ist, laut und sich besäuft, kommt bei den Frauen besser an. Wer will schon’n lieben Mann?“, eine Erkenntnis der Band Die Prinzen. Verbürgt ist seit Kurzem auch: Es gibt ein Dazwischen. Den, der Rowdy sein kann und doch ganz zahm. Wie Ben Becker. Maxi Leinkauf

Museum Aufs Schwein gekommen ist auch der Kulturbetrieb. Zwei Museen ehren den Paarhufer mit dem höchsten Verwertungspotenzial. Auf die landwirtschaftliche Nutzung des Schweins fokussiert die Info-Scheune im brandenburgischen Ruhlsdorf. Knapp 4.000 Exponate zeigen das Schwein als Nutztier aus vielen Perspektiven: Stall-Modelle und Borstenpinsel, Dünger und Leder.

Das Stuttgarter Pendant widmet sich in einem Schlachthof einer schweinischen Kulturgeschichte. Aus einer Silvesterschnapsidee 1988 (ein Tischfeuerwerks-Glücksschwein war verantwortlich) ist ein Kunst-und-Kitsch-Ort geworden. Ob Sparoder Phrasenschwein oder Adonis’ Eber und Kohls Saumagen – hier kann man einen wahren Sau-Haufen besichtigen. TP

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Organspende Weil es zu wenige menschliche Organspenden gibt, arbeiten Forscher seit Jahren an einer Alternative: Schweineherzen sollen in menschliche Körper transplantiert werden und dort weiterschlagen. Was sich zunächst gruselig anhört und wie dem Drehbruch einen Scienc-Fiction-Schockers entnommen, soll aber in nicht allzu ferner Zukunft Leben retten. Xenotransplantation ist der Begriff für einen solchen Organaustausch zwischen den Spezies.

Das Schwein gilt als Spender für den Menschen geeignet, weil sein Herz nicht nur den gleichen Aufbau, sondern auch etwa die gleiche Größe wie ein Menschenherz hat. Vielen Menschen wurden bereits Teile von Schweineherzen, die Herzklappen, erfolgreich implantiert. Ein großes Risiko der tierischen Organspende bleibt aber die Übertragung von Tier-Krankheiten auf den Menschen oder sogar die Entstehung ganz neuer Krankheitsbilder durch die Transplantation. IH

T

Tabu Vielleicht weil es eines der ältesten und universell verarbeitbarsten Nutztiere ist, wird das Schwein von zwei Weltreligionen mit dem Verzehrverbot belegt. Während das Judentum einige religiös nicht zugelassene Tiere neben dem Schwein aufzählt, gilt allein dieses im Islam als unrein. Warum der Schweine-Schmaus verboten ist, darüber streiten bis heute die Gelehrten. Früher erachtete man es als unrein, weil es im Dreck wühlt. Heute leitet man das Tabu aus der Ungeeignetheit des Tieres für das nomadische Leben ab. Rinder und Schafe sind als Wiederkäuer genügsamer und geben obendrein Milch. Das Schwein war einfach in Trockengebieten nicht gut zu halten – über die Jahrhunderte hat sich das Tabu verselbständigt. Zu welch kulturellen Konflikten das führen kann, zeigt der wunderbar überdrehte Film Das Schwein von Gaza (Sylvain Estibal, 2011). Einem Fischer geht darin ein Schwein ins Netz. Sein Versuch, das Tabu-Tier rasch wieder loszuwerden, wird zur Farce – im Schweineschmähen sind sich Juden und Moslems ausnahmsweise einig. TP

Z

Züchtung Der Genetik haben wir vier Koteletts mehr zu verdanken: Ein Wildschwein hat zwölf Rippen, ein Hausschwein hingegen sechzehn. Gerade in Zeiten des Mangels wie nach dem Zweiten Weltkrieg waren Rassen populär, die viel Speck auf den Knochen hatten. Sie haben klingende Namen wie Düppeler Weideschweine oder Schwäbisch-Hällische Landschweine, allesamt robuste, stressresistente Tiere, auf die es auch mal regnen kann. Davon ist bei den heutigen „Hybridschweinen“ wie dem Large White dringend abzuraten. Sie haben mageres Fleisch auf den Rippen, weil der Verbraucher das so will. Doch selbst solche Hightech-Schweine finden Studien zufolge auf der Weide schnell wieder zu ihrem arteigenen Verhalten zurück. Und das unterscheidet sich immer noch kaum von dem der Wildschweine. Züchtungsresistenz ist manchmal eine Zier. MS

09:00 15.09.2012

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