Ökoarithmetik, Teil zwei

Alltag Unsere Autorin hat sich bei der Erstellung ihrer persönlichen Klimabilanz - aufmerksame Leser haben darauf hingewiesen - verrechnet. Das Rechnen geht weiter

Das ist so mit dem Umweltbewusstsein. Man verrechnet sich immer. Stets ist es viel schlimmer, als man dachte, und immer müsste man auch dieses oder jenes noch bedenken. Als ich kürzlich (Freitag 14 vom 6. April 2007) versuchte, einen ganz bewusst grünen Tag einzulegen und mein Verhalten der Umwelt gegenüber in Frage zu stellen, habe ich mich verrechnet. Einige Leser haben mich dabei ertappt, und deshalb muss ich nun nachsitzen.

Schuld war mein Faible für Gestreiften Kurfürst und Horneburger Pfannkuchenäpfel sowie die Eier von glücklichen Hühnern, die ich regelmäßig mit meinem Auto in hundert Kilometer Entfernung in dem Ort abhole, in dem ich geboren wurde. Während ich mir den Duft einer Kiste frischen Obstes vorstellte, vergaß ich, den CO2-Ausstoß des Autos auf hundert Kilometer hochzurechnen: 192 Gramm CO2 sondert mein alter Toyota auf jedem einzelnen Kilometer ab, den er auf langen Strecken fährt, und nicht, wie irrtümlich angenommen, auf der gesamten Strecke.

Daraus resultiert die berechtigte Frage, ob es wirklich ausreicht, nur ein CO2-hungriges Apfelbäumchen zu pflanzen, um den von mir ganz persönlich am Weltklima angerichteten Schaden wieder gut zu machen.

Also packe ich wieder den Taschenrechner aus, ein Relikt der achtziger Jahre übrigens, leider noch mit Batterie betrieben. Die aktuelle Batterie ist erst die zweite in fast 20 Jahren. Trotzdem fühle ich mich ob der Erkenntnis, dass es anders ginge, doch ein wenig unbehaglich, denn draußen lacht die Sonne und auch die Schreibtischlampe mit ihrer 11-Watt-Energiesparbirne könnte sicher einen solarbetriebenen Taschenrechner mit durchfüttern. Nur trifft, weil er noch funktioniert, auf diesen Taschenrechner zu, was die Energieberater landauf, landab immer wieder feststellen: Ausgetauscht wird nur, was defekt ist, selbst wenn es umweltfreundlichere Lösungen gäbe.


Darum halte ich ja noch an diesem 12 Jahre alten Auto fest, das auf 100 Kilometern 8 Liter Superbenzin schluckt und sie in 19,2 Kilogramm CO2 umwandelt. Ein Auto, das etwa eine Tonne wiegt, muss somit nur 5.208 Kilometer fahren, um einmal sein eigenes Gewicht in CO2 abzusondern. Fahre ich 12 Mal die 100 Kilometer zum Äpfelholen und mit den Äpfeln und einer Pappe voller Eier zurück, habe ich also schon fast das halbe Auto in CO2 nachgebildet. Viel beeindruckender als die Masse an CO2 ist ihr Volumen. Schließlich ist CO2 ein Gas, das unsichtbar gen Himmel steigt. Also bemühe ich besser die Verpackungsindustrie sowie die Gesetze der Physiker Avogadro und Gay-Lussac, um mir vorzustellen, was ich für ein paar Eier und etwas Obst alles anrichte: 460,8 Kilogramm CO2 Ausstoß für 12 Mal Äpfel holen, das entspricht bei 0 Grad Celsius einem Volumen von 234.589 Litern Gas. Wird es wärmer, wird das Volumen größer. Einen Heißluftballon bekommt man damit zwar noch lange nicht voll, aber jeder einzelne Liter entspricht dem Volumen eines Tetrapacks Apfelsaft oder Milch. Stellt man diese Anzahl Tetrapacks nebeneinander - und man kann sie nur nebeneinander stellen, da sie sich seit einigen Jahren aufgrund unterschiedlicher Ausguss-Aufsätze ebenso unterschiedlicher Nicht-Funktionalität nicht mehr übereinander stapeln lassen -, so ergibt das eine Strecke länger als 21 Kilometer. Das hat jetzt irgendwie etwas von dieser endlos langen Wäscheleine voller weißer Wäsche, die ein Waschmittelhersteller zu der Zeit, als mein Taschenrechner und ich noch in die Schule gingen, zu seinem Markenzeichen erkoren hatte. Darum eine kleine Zwischenfrage: Wer von Ihnen benutzt eigentlich noch Weichspüler und wenn ja, warum?

Zurück zur Kette aus Tetrapacks. Mein eben nachgemessener Muster-Quader ist 9 mal 5,5 mal 19,5 Zentimeter groß und enthielt Milch. Milch, die ich schon gestern in einem mikrobiologischen Versuchsaufbau zum Thema Energiesparen in der Küche ausgegossen habe. Wie in der Hobbythek habe ich für diesen Artikel nämlich etwas vorbereitet: Joghurt. Neben alten Geräten, die man eigentlich gegen neue, bessere, umweltschonende austauschen könnte, gibt es wohl in jedem Haushalt auch das eine oder andere "Stehrümchen". Elektrogeräte, die man eigentlich nicht braucht, weil sie Dinge tun, die auch ohne sie getan werden können. Bei mir ist es eine Joghurtmaschine. Die macht leckeren Joghurt in freundlichen Bechern aus Glas, aber eigentlich ist sie nichts anderes als ein hochspezialisiertes Warmhalte-Ding mit Zeitschaltuhr. Nun also das Gegenexperiment: Milch heiß machen und soweit wieder abkühlen lassen, dass ich die Joghurtbakterien hineinrühren kann, ohne sie in den sicheren Hitzetod durch spontane Degeneration aller Proteine zu schicken. Ein Küchenthermometer habe ich nicht, aber ein Fieberthermometer, ein quecksilberfreies aus Glas - wie ich hier einfach erwähnen muss. Das ist ausreichend, denn genau da, wo es für unsereinen zu heiß würde, wäre es auch den Joghurtbakterien zu heiß. Hinein mit den Einzellern und einmal gut umgerührt - so hätte es mir die Betriebsanleitung der Joghurtmaschine geraten. Aber an dieser Stelle bin ich davon abgewichen und habe alles in eine Thermoskanne gefüllt. Das war gestern, und heute ist die Kanne tatsächlich voller Joghurt. Leider ist so eine Thermoskanne nur mühsam abzuwaschen, nachdem der Joghurt in ein Plastikbehältnis in den Kühlschrank (Energieeffizienzklasse A) umgezogen ist. So ganz sicher bin ich mir nicht, ob diese Aktion umweltgewissenhaft korrekt war. Das liegt zum Beispiel daran, dass die Milch in einer Einwegverpackung in meinen Haushalt gelangt ist, und als akribische Müllsortiererin muss ich unbedingt wissen, ob ich mich dabei wohl fühlen darf.

Norbert Völl, Pressereferent beim Dualen System Deutschland, gibt grünes Licht. Aus wiederverwerteten Kunststoffen entstünden schon seit Jahren keine gepressten Parkbänke oder dickwandigen Blumenkübel mehr. Inzwischen ist mit Recyclingkunststoff fast nichts mehr unmöglich, nicht einmal die hohen Hygienestandards im Lebensmittelverpackungsbereich zu erfüllen. "Die Sortieranlagen und die Verwerter können immer mehr, und die hohen Ölpreise führen dazu, dass wir heute Gewinne machen, wo wir früher zuzahlen mussten." Der Markt boomt also und der Inhalt meines gelben Sacks ist ein begehrter Rohstoff, der weggeht wie warme Semmeln.

Aber wie ist es mit dem Inhalt meines Milch-Tetrapacks? Ist der gut fürs Weltklima? Kühe haben ein ziemlich vertracktes Verdauungssystem mit vielen Mägen. Da drinnen gärt ständig enorm viel Grünzeug, es entsteht Methan. 114 Kilo von diesem Gas rülpst eine durchschnittliche Kuh pro Jahr in die Welt hinaus, und dort tut das Methan, was auch das CO2 macht: Es stört den Wärmehaushalt der Erde und fördert den Treibhauseffekt. Methan kann das sogar noch viel gravierender als CO2. Mein kleiner Tetrapack fasst zwar nur einen Bruchteil dessen, was eine Kuh so an Milchleistung erbringt, aber dennoch profitiere ich - ein erwachsenes Säugetier, das eigentlich nicht unbedingt Milch trinken müsste - davon, dass es die rülpsende Kuh gibt.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hat im vergangenen Jahr eine repräsentative Befragung durchführen lassen, aus der die Studie Umweltbewusstsein in Deutschland 2006 erwachsen ist. Gefragt, was sie persönlich für den Umweltschutz tun, freut sich eine Mehrheit von 90 Prozent der Menschen zunächst über die eigene Kompetenz in Sachen Mülltrennung. Dann wird die Fähigkeit zum Stromsparen gepriesen und fest daran geglaubt, dass man umweltbewusst Auto fährt und sich auch sonst klimaschonend fortbewegt. Erst auf Rang fünf kommt das umweltfreundliche Konsumverhalten. Finde ich hier etwas zur Milch und der Joghurtmaschine? Leider nein. Es geht um die Langlebigkeit von Produkten und Geräten und ihren Energieverbrauch. Man achtet angeblich fast immer darauf, das erworbene Gerät nicht im Stand-by-Betrieb herumstehen zu lassen, kauft gerne Lebensmittel aus der Region und trägt immer häufiger ein Biosiegel auf der Verpackung nach Hause. Doch niemand wollte wissen, ob sich Verbraucher beim Einkauf neben den Fragen "Will ich das haben?" und "Kann ich mir das leisten?" auch noch eine andere gestellt haben, nämlich: "Brauche ich das wirklich?"

Die Joghurtmaschine ist ein Luxus, aber ich mag sie. An den Gasen in der Kuh ändert auch ein Biosiegel auf dem Tetrapack nichts. Und falls die Milch in der Tüte einmal sauer wird, ist längst nicht alles verloren. Ich kann sie immer noch in die Toilette schütten und dort über Nacht einwirken lassen. Eine mindestens zweifarbige Spezial-Brausetablette, die man unbedingt aus der Reichweite von Kindern und Haustieren halten sollte, beherrscht die Reinigung nur wenig besser.


Es scheint, als sei in letzter Konsequenz nichts wirklich umweltfreundlich. Was einem bleibt, ist immer nur die Suche nach dem geringsten Übel. Über solch bitterer Erkenntnis muss ich nun unbedingt zur Ablenkung raus in den Garten und das versprochene Apfelbäumchen pflanzen. Oder auch zwei oder drei? So ein Apfelbäumchen kostet übrigens etwa drei bis vier Mal so viel wie eine Tonne CO2 im Emissionshandel.

Deshalb will ich ein besonderes Apfelbäumchen, eines das riesig wird und ganz viel CO2 aus der Luft herausfängt, damit ich guten Gewissens weiter mit dem Auto meine Apfelkisten transportieren kann. Vielleicht die Sorte Kaiser Wilhelm, die ist nämlich nach dem ersten Wilhelm benannt, nicht nach dem anderen mit dem rußigen, gar nicht umweltfreundlichen Flottenbau.

Was braucht so ein Apfelbaum an CO2, um neben Holz noch Blätter und Wurzeln zu versorgen, Äpfel zu bilden und einfach nur gemütlich auf der Obstwiese herumzustehen? Ob ökologischer Obstbau, Obstbauversuchsanstalt oder Holzforschung, alle haben sie weitere Telefonnummern, aber keine Lösung für mich. Der CO2 Verbrauch und wie viel Holz er bildet, hängt von der Sorte, vom Boden, vom Standort und vom Alter des Baumes ab, wie er gepflegt wird, ob und wie viel er trägt. Dass es nun ausgerechnet ein hochstämmiger Apfelbaum sein soll, das macht die Sache besonders schwierig. Wer will denn so was? Mit solchen Bäumen verdiene man kein Geld, erfahre ich.

Immer noch keine Lösung für meine CO2-Sünden. Immerhin: Fichten produzieren aus 700 Kilo Kohlendioxid einen Kubikmeter Holz. Das heißt meine Apfelholerei mit dem Auto wäre kompensiert, wenn ich dafür sorgte, dass 0,65 Kubikmeter Fichtenholz pro Jahr gebildet werden. Nehmen wir an, Baum sei Baum und zäumen wir das Pferd von hinten auf - eines Tages, wenn mein Apfelbaum alt ist und gefällt wird, wie viel Kubikmeter Holz, in denen er CO2 gespeichert hat, wird er dann wohl zu bieten haben? "Na, da gibt es solche und solche", meint Reinhard Kreft, der ein Sägewerk in Westfalen betreibt. Insgesamt könne er das nicht sagen und interessant sei sowieso nur der Stamm. Dessen Volumen zu berechnen sei mit Pi mal Radius zum Quadrat mal Länge ja wohl einfach, und dann fügt er vorwurfsvoll hinzu: "So was lernt man doch in der achten Klasse."

Das habe ich nun vom Nachsitzen. Schon wieder einer, der mir sagt, ich könne nicht rechnen.


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00:00 11.05.2007

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