Anna Gielas
09.11.2009 | 12:40

Ökonomie der Grausamkeit

Studie Wer ein Bein verliert, bekommt 800 Pfund: Als Pirat konnte man sich nicht nur gegen Invalidität versichern, es ging unter Seeräubern auch sonst sehr fortschrittlich zu

Sie waren gewissenlos, brutal und wahnsinnig; trugen Augenklappen, Eisenhaken und Holzbeine. Soweit das gängige Bild von Piraten. Während des goldenen Zeitalters der Piraterie zwischen 1716 und 1726 wurden sie „hostes humani generis“ genannt – der Feind aller Menschheit.

„Feind? In der Tat. Aber wahnsinnig sicherlich nicht“, urteilt Peter Leeson. Der renommierte, in Chicago lehrende Ökonom hat die Piraterie untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass die Seeräuber ihren Ruf zum Ziele der Gewinnmaximierung strategisch förderten. Grausamkeit war dem Wissenschaftler zufolge für Ottonormalpiraten ein weitgehend rational und sparsam eingesetztes Mittel.

Der piratus oeconomicus griff laut Leeson nicht gleich zu Schwertern und Kanonen, wenn er Frachtschiffe ausfindig machte. Stattdessen spekulierte das Gros der Seeräuber auf eine friedliche Schiffsübernahme, um Schaden an der eigenen Besatzung und dem Schiff zu vermeiden. „Ihr Ruf als der Schrecken der Meere führte dazu, dass die meisten Frachtschiffe sich tatsächlich freiwillig ergaben – für die Piraten eine lukrative und leichte Beute“, urteilt Leeson anhand von Quellen.

Bei der gewaltlosen Enterung spielte auch das Geschick von Piratenkapitänen wie Bartholomew Roberts eine große Rolle. Roberts – nicht Jack Sparrow – war der berüchtigtste Pirat der Karibik. Über 400 Frachtschiffe plünderte er mit seiner Crew zwischen 1719 und 1722 – mehr als alle anderen. Die Karibik galt den Seeräubern dabei als ein beliebtes Rückzugsgebiet: Noch hatten die europäischen Königshäuser die Inseln nicht ausreichend für sich gesichert.

Piratenrechte

Aber Roberts und andere Piratenanführer waren keine Kapitäne mit eiserner Faust. „Seeräuber mussten Machtmissbrauch wie diesen meiden, denn er reduzierte die Kooperationsbereitschaft an Board“, weiß Leeson. Daher herrschten unter der flatternden Totenkopffahne quasidemokratische Verhältnisse: „Während des Kämpfens und des Verfolgens ruht die Autorität beim Kapitän, in allen anderen Angelegenheiten hat die Mehrheit das Sagen“, so ein Absatz aus den Verträgen von Roberts und seiner Besatzung. Das Gros der Piratenkapitäne wurde gewählt, dabei galt: ein Pirat, eine Stimme.

„Während in der Demokratie der amerikanischen Kolonien damals nur ein Bruchteil der Personen tatsächlich wählen konnte, herrschten auf den Piratenschiffen fortschrittliche Verhältnisse“, schmeichelt Leeson den Seeräubern. Denn die Piraten förderten auch ungeachtet der Hautfarbe die Einheit an Board des Schiffes. In Zeiten des Sklavenhandels rekrutierten die Seeräuber nicht selten befreite Sklaven.

Das Piratendasein bot den Neuzugängen nach damaligen Verständnis klare Vorteile, beispielsweise eine Form der Krankenversicherung und Invalidenrente: „Wer eine Extremität verliert oder anderweitige Behinderung erfährt, soll 800 Pfund bekommen aus der gemeinsamen Kasse.“ Für kleinere Verletzungen gab es laut Vertragspunkt IX der Roberts-Crew entsprechend weniger.

Ein gesetzestreuer Seefahrer verdiente zur Zeit des goldenen Piratenzeitalters rund 33 Pfund jährlich – für 800 Pfund musste er fast 25 Jahre lang arbeiten. Für einen Piraten, der wiederum besondere Tapferkeit im Kampf bewies, gab es Boni im dreistelligen Bereich.
Die genauen Beträge unterlagen den Verträgen des jeweiligen Piratenschiffes. „Denn obgleich gesetzlos waren die Piraten nicht ohne Recht“, berichtet Leeson nach der Untersuchung von erhaltenen Dokumenten in der Library of Congress in Washington D.C.


Kaum Alternativen

„Wenn ein Schiff bestohlen wird, darf niemand plündern und die Beute für sich behalten. Alles, was mitgenommen wird – Geld, Schmuck, Edelsteine und Ware – muss geteilt werden, ohne dass jemand auch nur einen Penny mehr behält als andere“, so ein Ausschnitt aus der „Jamaica-Discipline“. Der Code galt als zuverlässiges Mittel zu Risiken und Nebenwirkungen des Piratenalltags und bescherte die Aussicht auf reiche Beute.
Der potentielle Gewinn musste laut Leeson einladend wirken – schließlich riskierten die Piraten ihr Leben nicht leichtsinnig: „Mit dem Tode werden ausnahmslos all jene bestraft, die Piraterie begehen oder Piraten unterstützen“, so der „Act for the more effectual suppression of Piracy“ im Jahr 1721. Die europäischen Königshäuser unternahmen zahlreiche Versuche, die Piraterie einzudämmen.

Dabei vermutet Leeson, dass gerade sie eine der Bedingungen für das Aufflammen des goldenen Piratenzeitalters gelegt hatten. „Ehrliche Arbeit war rar gesät - Alternativen gab es kaum“, urteilt er anhand der historischen Ereignisse, besonders des spanischen Erbfolgekrieges. Während der jahrelangen Auseinandersetzung zwischen den westeuropäischen Königshäusern segelten allein bei der Royal Navy rund 50.000 britische Soldaten für Gott und Königin Anna.

Bereits zwei Jahre nach dem Ende der Fehde, anno 1716, hatte die Navy nur noch knapp 13.500 Personen unter Vertrag. In Friedenszeiten fanden sich die Seeleute ohne Job und Versorgung wieder. Für einige von ihnen war die Piraterie eine willkommene Option: Der renommierte Historiker Marcus Rediker vermutet, dass während des goldenen Piratenzeitalters rund 4.000 Piratenschiffe sie Meere unsicher machten. An Board eines Schiffes befanden sich laut Schätzungen bis zu 250 Piraten. Ihre Anzahl sank jedoch rapide, als die Königshäuser mit Gewalt gegen die Seeräuber vorzugehen begannen. „Sie stellten eine Bedrohung für den damaligen Handel da und mussten aufgehalten werden“, summiert Leeson.

Ob die Piraterie jemals ganz eingedämmt werden kann, ist aber äußerst fraglich. Gegenwärtig werden weltweit rund 300 Piratenüberfälle jährlich gemeldet. Dabei bereichern sich allein die Seeräuber an der somalischen Küste laut Schätzungen von Derek Reveron, einem Professor am US-Naval War College, um etwa 150 Millionen US-Dollar pro Jahr.


 

Leeson, Peter: , Princeton: Princeton University Press, 2009.

Weitere Quellen:

Gilbert, Henry: , New York: Dover Publications, 2008.

Parry, Dan: , New York: Thunders Mouth Press, 2006.

Rediker, Marcus: , Boston: Beacon Press, 2004.