Ökonomie des Todes

Globaler Aids-Fonds 10 Milliarden Dollar im Jahr - wenn nicht aus Menschlichkeit, dann aus Eigennutz

36 Millionen Menschen sind weltweit mit dem HIV-Virus infiziert. Nach Schätzungen der UN-Bevölkerungsbehörde werden bis zum Jahr 2015 in den 45 am schlimmsten betroffenen Ländern 97 Millionen Menschen weniger leben

28 Länder haben heute geschätzte Durchseuchungsraten von mehr als 4 Prozent. Führend sind Botswana (36 Prozent), Swaziland (25 Prozent), Zimbabwe (25 Prozent), Lesotho (24 Prozent), Sambia, Südafrika, Namibia (alle um 19 Prozent)

Aids hat seit 1985 etwa sieben Millionen landwirtschaftliche Arbeitskräfte in den am schlimmsten betroffenen afrikanischen Ländern getötet. Bis zum Jahr 2020 könnten es 25 Prozent der Dorfbevölkerung sein.

In von Aids betroffenen Privathaushalten sinkt das verfügbare Einkommen um bis zu 80 Prozent.

Als UN-Generalsekretär Kofi Annan im April vorschlug, auf dem Sondergipfel der Vereinten Nationen einen Fonds zu beschließen, der jährlich 7 bis 10 Milliarden Dollar für breit angelegte Aids-Bekämpfung in Entwicklungsländern bereitstellt, haben Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die G8-Gruppe diese Idee sofort einmütig unterstützt. Das kam nicht von ungefähr. Aids stellt für die Betroffenen und ihre Familien nicht nur eine menschliche Tragödie dar. Die Immunschwächekrankheit ist längst zu einem negativen Wirtschaftsfaktor und globalen Sicherheitsrisiko geworden.

Eine Harvard-Studie schätzt, dass Aids die Welt bisher mehr als 500 Milliarden Dollar gekostet hat. Daran gemessen wären die 10 Milliarden Dollar pro Jahr - auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten - eine sinnvolle Investition. Denn: Allein in den am schlimmsten betroffenen Ländern Afrikas, wo bereits 20 bis 25 Prozent der Erwachsenen infiziert sind, stehe, so Kofi Annan, die Produktivität in Landwirtschaft, Industrie und im Dienstleistungssektor schon heute vor dem Kollaps, droht der Zusammenbruch des öffentlichen und sozialen Lebens. Gleichlautende Einschätzungen von Weltbank, CIA und UNDP - der UN-Entwicklungsbehörde - belegen, dass in den afrikanischen Ländern mit einer Aids-Durchseuchungsrate von mehr als 20 Prozent das Bruttosozialprodukt um jährlich ein bis zwei Prozent sinkt.

Es ist in der Tat ein Teufelskreis: HIV/Aids führt zu langen Fehlzeiten am Arbeitsplatz, ist verantwortlich für Verluste an gut ausgebildeten, erfahrenen Arbeitskräften, die durch weniger qualifizierte ersetzt werden. Das aber mindert Qualität und Wert der Produkte. Immer mehr Unternehmen, gleich ob klein oder groß, müssen außerdem zusätzliche Gelder für die Ausbildung neuer Arbeitskräfte aufbringen und sich an Sozialleistungen für die Erkrankten beteiligen. Eine in Südafrika durchgeführte Studie veranschlagt allein diese zusätzlichen Mittel auf etwa sieben Prozent der Lohnkosten. Hinzu kommt, dass zahlreiche Betriebe damit beginnen, ihr Geschäft nach Osteuropa zu verlagern, weil dort die Kaufkraft größer ist, als in den von Aids betroffenen und verarmten Haushalten ihrer Heimatländer. Die Entwicklung des privaten Sektors erleidet auf diese Weise empfindliche Rückschläge. Gerade sie aber ist vielfach das Herzstück nationaler Entwicklungskonzepte.

Ganze Bildungssysteme - entscheidend für nationale Entwicklung, Einkommenswachstum und Arbeitsproduktivität - brechen zusammen. In Sambia und Südafrika beispielsweise können neuausgebildete Lehrer die durch Aidstode entstandenen Lücken schon heute nicht mehr schließen. Die landwirtschaftliche Produktivität in ganz Afrika sinkt dramatisch, dieser Sektor trägt aber mehr als ein Drittel zum Bruttosozialprodukt bei.

Die Aids-bedingte Verarmung führt zu verschärften Konkurrenzkämpfen um knappe Ressourcen, etwa um Land. Sicherheit muss, da sind sich Fachleute einig, in dieser Situation völlig neu definiert werden. Die drohende Zerstörung ganzer Gesellschaften durch HIV/Aids zu verhindern, wird wichtiger, als beispielsweise Grenzen zu schützen. Andernfalls kann Aids in Afrika - so eine CIA-Studie - künftig Kriege auslösen, und das wird den Industrieländern zusätzliche Kosten in Form von Friedensmissionen und humanitärer Hilfe abverlangen. Doch auch darüber hinaus haben die westlichen Industrienationen ein ureigenes Interesse daran, sich des Aids-Problems in Entwicklungsländern anzunehmen, weil mit dem Zusammenbruch nationaler Wirtschaften Märkte verschwinden und Investitionsmöglichkeiten verloren gehen.

Der avisierte Fonds zur weltweiten Aids-Bekämpfung ist damit alles andere als eine philanthropische Angelegenheit. Er soll, so die Vorstellung Annans, Privatpersonen, Stiftungen, Privatwirtschaft und Regierungen zu einer ambitionierten Helfergemeinschaft zusammenschließen und so aufgebaut sein, dass sich einzelne Geber engagieren können, ohne eine eigene Infrastruktur zu benötigen. Es reicht dann, die Spende für ein beliebiges Projekt oder Land zu überweisen und der Fonds garantiert, dass die Gelder effizient eingesetzt werden.

So soll gezielte Hilfe möglich werden. Wie schwierig das - selbst bei gutem Willen der Industrie - heute noch ist, zeigt das Beispiel der deutschen Firma Boehringer-Ingelheim. Das pfälzische Unternehmen hat ein Medikament - "Viramune" - entwickelt, das die Übertragung des HIV-Virus von der Mutter auf ihr Baby mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit unterbindet. Im vergangenen Jahr bot das Unternehmen an, "Viramune" kostenfrei an massiv von HIV/Aids betroffene Entwicklungsländer abzugeben. Doch gerade einmal fünf Länder haben weltweit von diesem Angebot Gebrauch gemacht: Kongo, Senegal, Ruanda, Uganda und Guyana. Der Grund: Den meisten Entwicklungsländern fehlt die Infrastruktur, solche Medikamente flächendeckend einzusetzen. Allein in Kongo werden jährlich etwa 140.000 infizierte Babys geboren. Geordert hat das Land aber nur für 3.000 Geburten, mehr lässt sich - so die Gesundheitsbehörde - nicht verteilen.

Genau hier wird der Aids-Fonds ansetzen müssen: beim Mangel an Basisgesundheitsversorgung, fehlender Aufklärung und Schwangerschaftsberatung in den am stärksten betroffenen Ländern Afrikas - aber auch in dynamischen HIV-Schwellenländern wie China oder in zahlreichen Staaten Osteuropas, wo sich - wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird - ähnlich katastrophale Entwicklungen abzeichnen.

Wo der Aids-Fonds angesiedelt sein soll und wie seine Struktur aussehen wird, ist auch nach dem UN-Sondergipfel weitgehend offen. Einig ist man sich aber darüber, keine überflüssigen bürokratischen Apparate zu schaffen. Am Ende wird es wohl einer kleinen aber repräsentativen Kommission obliegen, die notwendigen Arbeitsinstrumente zu schaffen, generelle Richtlinien, strategische Vorgehensweise sowie Kriterien für Mittelvergabe und Verwaltung festzulegen.

Dass die ersten Gelder schon zu Beginn des nächsten Jahres fließen können, glauben jedoch nur wenige Optimisten. Selbst wenn der Fonds bis dahin arbeitsfähig wäre - der Lackmustest kommt, wenn die Geber ihre Zusagen einlösen müssen. Und da siegt nicht selten kurzsichtiger Sparzwang über Menschlichkeit und längst erkanntes Eigeninteresse.

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00:00 29.06.2001

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