Oktoberfest und Sauerkraut

Briefe aus Washington Werden die deutsch-amerikanischen Beziehungen nie mehr sein, was sie einmal waren?

Das kann in jeder Ehe passieren: Der eine sagt etwas, was er oder sie absolut nicht hätte sagen sollen, zumindest nicht in diesem Ton. Der Missetäter entschuldigt sich. Der Haussegen hängt trotzdem lange Zeit schief. Manchmal freilich wird die Beziehung nie mehr das, was sie einmal war. Was nicht unbedingt schlecht sein muss, sagt der Eheberater. Man werde gemeinsam älter und weiser.

Die Rede hier ist von der wegen eines möglichen Irak-Krieges angeschlagenen deutsch-amerikanischen Freundschaft. Wächst zusammen, was zusammengehört, oder driftet auseinander, was nicht mehr zusammengehört? Vielleicht bringt Dr. Fischer beim nächsten USA-Besuch das richtige Verbandszeug mit. Derweil muss Gerhard Schröder schmoren, wenn auch bei leicht reduzierter Temperatur, dank zweier Verlautbarungen aus Washington. Der US-Präsident würdigte vergangenen Sonntag den German-American-Day mit einer kleinen Erklärung. Und am Tag der Deutschen Einheit unterzeichnete Bush, wie es hieß, "eigenhändig", ein Schreiben an Bundespräsident Rau. "Deutsche lesen hoffnungsvoll zwischen den Zeilen", schrieb die New York Times.

Namenlos bleiben wollende "White House Officials" warnen, die Deutschen sollten den Gratulationsbrief noch nicht einrahmen. Man habe sich am deutschen Staatsfeiertag nur an diplomatische Gepflogenheiten gehalten. George W. Bush werde dem Kanzler nie mehr vertrauen, prophezeit das konservative Magazin U.S. News and World Report. Auch das mag stimmen. Bush gilt als extrem nachtragend. Bei Vater Bushs Wahlkampagne war der Sohn der "Enforcer der Familie" - er habe "die Gänge auf der Suche nach Verrätern abpatrouilliert", heißt es in einer Bush-Biographie.

Schröders kategorisches Nein zum "Abenteuer" Irak stört gewaltig in Washington. Der deutsche Alleingang hat die amerikanischen Alleingänger verblüfft, weil sie doch an deutsche Bekenntnisse zu einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik gewöhnt waren. Noch schlimmer: Schröder hat mit Nein auf eine Frage geantwortet, die nie gestellt war. Die USA wollten gar keine Bundeswehr. Da wittert der besorgte Amerikaner etwas anderes: Eine feindselige Haltung, die Bereitschaft, im Wahlkampf mit einer Absage an Amerika zu punkten. Schröder hätte seine Ablehnung des Krieges auch anders verpacken können. Däubler-Gmelins schwere Entgleisung hat den Verdacht des Antiamerikanismus noch zusätzlich erhärtet. Was sich wiederum von US-Politikern ausschlachten ließ. Verteidigungsminister Rumsfeld brüskierte seinen deutschen Amtskollegen, obwohl man Peter Struck beileibe keinen Antiamerikanismus vorwerfen kann. So lange US-Regierungsvertreter Herta Däubler-Gmelins Ausspruch zitieren konnten, blieb die inhaltliche Auseinandersetzung mit der deutschen Kritik an Bushs Irak-Politik ausgeblendet.

Inzwischen hat sich der Dunst des Wahlkampfes verzogen, und Kanzler Schröder führt vor, dass - obwohl zu Wahlkampfzwecken entsprechend angespitzt - das Nein anscheinend schon so gemeint war. So wird deutlich, dass es Bruchstellen gibt zwischen Deutschland und Europa auf der einen und den USA auf der anderen Seite. Europa setzt mehr auf rechtliche Verpflichtungen bei internationalen Konflikten, die USA setzen im Bewusstsein ihrer Stärke auf Macht und wollen dafür freie Hand. Amerikaner beklagen gelegentlich die doppelbödigen Argumente bei ihren europäischen Verbündeten. Letztlich hätten die Kritiker doch immer mitgemacht, bei Irak werde es nicht anders sein. Da ist auch der Vorwurf schnell zur Hand, die Europäer seien Amerika gegenüber arrogant. So hieß es in dem oben zitierten "U.S. News"-Artikel: In Europa spüre man einen "tiefverwurzelten Hass auf Amerika und die Ansicht, dass konservative Amerikaner doch nur Faschisten sind".

Die US-Konservativen erheben ähnliche Vorwürfe bei der gegenwärtigen Debatte über Terrorismus, Irak und Heimatschutz: Die europäischen Kritiker hassten Justizminister John Ashcroft mehr als Osama bin Laden.

Der republikanische Senator Jesse Helms, ein Rechtsaußen in seiner Partei, drohte wegen des vermeintlichen Antiamerikanismus der Regierung Schröder vorsorglich mit einem Abzug von US-Truppen. Eine Minderheitsposition. Aber offensichtlich macht sich die amerikanische Führung Gedanken über das Verhältnis zu den europäischen Alliierten, denn die Differenzen sind nicht zu übersehen. Wollen beide Seiten gemeinsam "älter und reifer" werden, taugt Irak nicht als Modell. Kanzler Schröder hat wohl nicht nur aus amerikanischer Regierungssicht, indem er mit dem Antiamerikanismus anbändelte und auch die Teilnahme an einer bewaffneten UN-Aktion gegen Bagdad ausschloss, seine Einflussmöglichkeiten geschmälert. Der selbstsichere US-Präsident vermeidet inhaltlich geprägte Kontroversen und lässt es drauf ankommen, dass Berlin eben doch nicht so wichtig ist.

So manche europäischen Länder werden wohl - in welcher Form auch immer - mitmachen beim "Absetzen" des irakischen Diktators. Und Bush wird Schröder isolieren. Der - so ist zu befürchten - wird sich auf andere Abenteuer einlassen, um der Kälte zu entkommen, Stichwort Afghanistan-Kommando. In einer Hinsicht freilich können die Deutschen beruhigt sein: In der amerikanischen Öffentlichkeit sind die transatlantischen Verstimmungen kein großes Thema. Germany, das ist und bleibt Oktoberfest, Gemütlichkeit und Sauerkraut.

00:00 11.10.2002

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