Öl in die Flammen

Feuerwehr-Streik in Grossbritannien Die Labour-Regierung hat die Gelegenheit, das Werk Margret Thatchers fortzusetzen und einer weiteren Gewerkschaft den Gnadenstoß zu versetzen

Von weitem sieht es aus wie ein besetztes Haus. Es ist Freitagmorgen, der 22. November, neun Uhr, der erste sonnige Tag in London seit langem. Bunte Laken hängen aus den Fenstern des vierstöckigen viktorianischen Backsteingebäudes, vor dem Eingang brennt ein Feuer in einer verrosteten Blechtonne. Niemand macht Anstalten, etwas gegen die Flammen zu unternehmen. Dabei ist das vermeintlich besetzte Haus tatsächlich die Feuerwehrstation für den südlichen Londoner Stadtteil Camberwell. "Geschlossen", steht auf einem der Laken - die Feuerwehrleute haben soeben einen achttägigen Streik begonnen.

Selbst hier in Camberwell, keinesfalls eine der großen Feuerwehrdepots, ist ein Kameramann der BBC dabei und wartet vor dem Eingang auf das Ritual, das alle Briten kennen. Kurz nach neun ist es soweit - man verlässt gemeinsam seinen Arbeitsplatz: "Walkout" - es folgt die Aufstellung in einer Reihe, der so genannten "Picket Line". Dann tun die Feuerwehrleute das Gegenteil von dem, was sie sonst tun: Sie werfen Holzscheite in die Blechtonne nach.

Unter den etwa 20 Männern ist auch Barry Prior, lokaler Sprecher für die Gewerkschaft der Feuerbrigaden (FBU). Der 41-Jährige ist übermüdet und enttäuscht von einer Nacht fieberhafter Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft. Er erzählt von dramatischen Stunden vor Streikbeginn: "Heute früh um fünf vor sechs hat mich die Gewerkschaft angerufen. Die Gespräche seien gescheitert." Es gibt verschiedene Versionen über die Ereignisse in den frühen Morgenstunden dieses Tages, doch alles deutet darauf hin, dass die Regierung die Eskalation bewusst herbeigeführt hat. Kurz nach Mitternacht hatten sich die Verhandlungsparteien noch auf eine Lohnerhöhung von 16 Prozent bis 2004 geeinigt, obwohl die FBU ursprünglich 40 Prozent wollte. Alle waren zufrieden, bis Vizepremier John Prescott eingriff und von seinem Vetorecht Gebrauch machte. FBU-Generalsekretär Andy Gilchrist bezichtigte die Regierung daraufhin einer "Diktatur-ähnlichen Politik". Am gleichen Morgen titelte die Boulevardzeitung Sun triumphierend in Anspielung auf die einstige Premierministerin Margaret Thatcher: "Blair hat Maggie gedoubelt!"

Weshalb aber beschwört das Labour-Kabinett eine Krise herauf, die völlig außer Kontrolle geraten könnte? Die geplatzte Einigung hätte 0,05 Prozent der jährlichen öffentlichen Ausgaben beansprucht. Jetzt muss die Armee mit veraltetem Equipment die Feuerwehr ersetzen. 19.000 Soldaten sind gebunden - ausgerechnet zwei Tage, nachdem die USA britische Truppen für den Irak-Krieg reklamiert haben.

Che Guevara an der Wand

Viele Briten fühlen sich in dieser Woche an die erbitterte Schlacht zwischen Thatcher und den Minenarbeitern um den Gewerkschaftsführer Arthur Scargill Mitte der achtziger Jahre erinnert. Der seinerzeit von den Medien völlig diskreditierte Scargill erlitt eine vernichtende Niederlage. Der jetzige Tarifkonflikt trägt ähnliche Züge, obwohl Blair bei seinem Amtsantritt 1997 versprochen hatte, derart traumatische Konfrontationen zwischen Regierung und Arbeiterschaft sollten sich nicht wiederholen. Ein wohlfeiles Gelübde. Der Premier wusste, dass Thatcher die Gewerkschaften bereits weitgehend gebrochen hatte.

Zwar pflegte der New Labour-Premier noch nie gute Beziehungen zu sozialen Bewegungen von unten oder dem, was davon übrig blieb, nun aber will er offenbar auch letzte Verbindungen kappen und Thatchers Werk mit dem Exempel FBU vollenden.

"Die FBU war eine Ausnahme, damals, in den Achtzigern", erklärt Barry Prior aus Camberwell, "seit 22 Jahren bin ich bei der Feuerwehr, und seit 25 Jahren haben wir nicht gestreikt." 25 Jahre dienstbeflissene Zurückhaltung, so dass inzwischen die Feuerwehrleute noch weniger verdienen, als es im ohnehin schlecht bezahlten öffentlichen Dienst Britanniens üblich ist. Andererseits gilt die FBU als letztes "Fossil" einer überlieferten Tradition, denn in keiner anderen Branche ist noch ein so großer Anteil an Arbeiternehmern gewerkschaftlich organisiert. Ein Grund dafür, dass bei der Streik-Urabstimmung am 18. Oktober fast 88 Prozent aller Feuerwehrleute für den Ausstand votierten.

Die Bilder und Töne des Konflikts sind denn auch von machtvoller Symbolik geprägt, gern kolportiert von den Medien, vorzugsweise gedacht für die Regierung. Die BBC veröffentlichte ein Foto, das FBU-Generalsekretär Gilchrist in seinem Büro zeigt, hinter ihm an der Wand ein Foto von Che Guevara. Die Sun unterstellte Kontakte der FBU zu Saddam Hussein. Schließlich heizte Tony Blair die Stimmung weiter an, als er die Verhandlungstaktik der Gewerkschaft mit den Methoden Arthur Scargills verglich, der seine Kampagne seinerzeit mit Geld des libyschen Präsidenten Ghaddafi finanziert habe. Eine geschmacklose und gefährliche Denunziation, auch wenn Blair seine Äußerung später zurücknahm.

So wird der Konflikt allenthalben als "letzte Schlacht" im Klassenkampf gedeutet, und selbst Gewerkschaftsführer, die bislang um Loyalität zur Regierung bemüht waren, erklären ihre Solidarität mit den Feuerwehrleuten und ihr Unverständnis gegenüber Blairs Krisenmanagement. Umfragen der Zeitung Guardian zufolge befürwortet etwa die Hälfte der Briten den Streik, während die andere ihn ablehnt. Auf jeden Fall wird den Feuerwehrleuten jedes Katastrophenopfer schaden, dessen Tod der mangelnden Ausrüstung oder dem fehlendem Training der Armee zuzuschreiben ist. In Warwickshire wurde bereits ein Brandanschlag auf das Haus eines streikenden Feuerwehrmannes verübt. Seiner Frau und seinen zwei Kindern gelang rechtzeitig die Flucht.

Durch solche spektakulären Vorgänge ist der Streik überall im Gespräch, im Pub, im Bus, in der U-Bahn: Als ein Zug der Northern Line einen der 20 geschlossenen, tief im Londoner Untergrund liegenden Bahnhöfe durchfährt, deren Betrieb wegen des Streiks zu gefährlich wäre, erregt sich ein etwa 50 Jahre alter Mann: "Blair soll endlich die Armee los schicken und diese Bastarde erschießen", ruft er. Ein weiterer Passagier, der offenbar gehofft hat, an der geschlossenen Station auszusteigen, nickt zustimmend. Die anderen Fahrgäste zeigen keine Reaktion.

Asche am Revers

Die unmittelbare Antwort auf den "Walkout" von Camberwell ist eher wohlwollend. Die Insassen vorbeifahrender Autos strecken zustimmend ihre Daumen nach oben. Aus einem roten Doppeldecker-Bus winken die Passagiere, und der Fahrer gibt ein kleines Hupkonzert. Die einzigen Augenblicke, in denen sich die Gesichter der Feuerwehrleute aufhellen. Immer noch steht die Frage im Raum, was passiert, wenn die Armee eingreift und die magische "Picket Line" überschreitet, um die roten Feuerwehrwagen zu konfiszieren, die hinter den Toren stillstehen. Prior ist offenbar nicht wohl zumute bei diesem Gedanken. Er weiß, dass neben seiner beruflichen Zukunft als Gewerkschafter und der Bezahlung der Feuerwehrleute auch die soziale Vertretung seiner Kollegen auf dem Spiel steht. "Man hat uns versprochen, dass die Armee die ›Picket Line‹ nicht überschreitet." Dann wischt er sich die Aschepartikel vom Revers, die von den Flammen in der Blechtonne herüber fliegen. Vollends überzeugt klingt er nicht.

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00:00 29.11.2002

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