Kann Olaf Scholz Satire?

Pointe Helmut Kohl und Angela Merkel können eine beachtliche Karriere als Titelfiguren der „Titanic“ aufweisen. Der Kanzler muss sich Mühe geben

Wie viel Zeit bleibt ihm? Noch ist die Kanzlerschaft des Olaf Scholz jung und frisch, ganz im Gegensatz zum Amtsinhaber selbst. Doch spätestens seit der Abgabe seiner Regierungserklärung, bei der selbst hartgesottene Politbeobachter reihenweise wegnickten, werden mählich Fragen laut. Und lauter. Ob nämlich Scholz es jemals schaffen wird, aus dem lebenslangen Winterschlaf, aus seinem eigenen Schatten zu treten. Gibt es den Mann denn wirklich? Oder ist er nur ein tückisches Sedierungsvirus aus den Geheimlabors der SPD? Beim Long-Table-Talk in Moskau wirkte Scholzens Lethargie auf Putin immerhin ansteckend – wenn auch nur für einen halben Tag.

Was Putin nicht wusste: Schon jetzt ist der neunte Kanzler der deutschen Bundesrepublik ein echter Rekordkanzler! Nicht nur ist er zweifellos der schlechteste Redner, der es jemals in dieses Amt geschafft hat, nein – O. Scholz (63, SPD) ist auch der erste Bundeskanzler, der vor seiner Inthronisierung noch nie auf einem Titelblatt des endgültigen Satiremagazins Titanic zu sehen war. Wie konnte das passieren? Dort aufzutauchen ist für jede echte Politikerperson Herausforderung und Selbstverständlichkeit zugleich, sozusagen der Goldstandard der Satire- wie der Politrelevanz. Nur das Berliner Magazin Eulenspiegel hatte sich mal erbarmt und den damals chancenlosen Kandidaten aufs Cover gehievt: „Robo-Scholz stürmt das Kanzleramt“.

Erinnerung an Björn Engholm

Inzwischen hat die Satireindustrie jedoch geliefert: Auf den Titelblättern der Januarausgaben präsentierte der Eulenspiegel (wie zuvor auch schon die taz) Olaf Scholz als „Merkel-Variante“, die Titanic hingegen hatte anderes belastendes Material entdeckt: „Heikle Scholz-Beichte: ‚Ich war bei der Waffen-SS‘“.

Kann Scholz damit zufrieden sein? Hat der gelernte Vizekanzler, der Mann aus dem zweiten Glied, hat der überhaupt das Zeug zum echten Satirekanzler? Oder, um im kurrenten Nachrichtenstummeldeutsch zu fragen: Kann Scholz Witz? Gerade in dieser hochnotpeinlichen Zeit mit ihren gewaltigen Humorherausforderungen, da ein Heer mittelmäßiger Merkel-Imitatorinnen vor dem beruflichen Aus steht, da Satiriker, Kabarettisten und Karnevalsschwellkoppbastler umdenken und sich völlig neu positionieren müssen, da stellt sich die bange Frage: Ist Pullover-Scholz überhaupt pointenfähig? Kann es der Osnabrücker Ersatzmerkel noch schaffen, in einer Lachsalve mit seinen Amtsvorgängern von Merkel bis Kohl genannt zu werden?

Allein Scholzens Amtsvorgänger Helmut Kohl („CDU“) scheint schon jetzt für alle Zeiten uneinholbar. Das gesamthumoristische Lebenswerk des Mannes, den erst die Titanic und dann die ganze Welt „Birne“ nannte, ist mit insgesamt 72 Titanic-Titeln gewaltig. Seine politische Ziehtochter Angela „Raute“ Merkel schaffte es immerhin beeindruckende 43-mal aufs Cover – und das bereits im April 2000 („Deutschland wählt: Ein neues Gesicht für Angela Merkel“), also ganze fünf Jahre vor ihrer Kanzlerinnenwerdung! Im Amt wurde sie sogar zur ausgewiesenen Satireexpertin: Nachdem sie 2016 in der Folge der bilateralen Satirekrise Böhmermann/Erdoğan die strittige „Ziegenficker“-Äußerung zunächst als „bewusst verletzend“ taxiert hatte, rückte sie später wieder von dieser extremen Position ab; und ließ endlich den veralteten Paragrafen 103 („Majestätsbeleidigung“) aus dem Strafgesetzbuch tilgen. Gegen satirische Zudringlichkeiten haben übrigens weder sie noch Schröder noch Kohl jemals geklagt.

Ganz anders als Scholz’ zahlreiche Parteikollegen. Der ehemalige SPD-Vorsitzende Björn Engholm erstritt Anfang der Neunzigerjahre mit 40.000 Mark das damals höchste Schmerzensgeld der deutschen Pressegeschichte, weil er sich von Titanic nicht qua Titelblatt in die Barschel-Badewanne legen lassen mochte („Sehr komisch, Herr Engholm!“). Bundespräsident Johannes Rau wollte sich im Zusammenhang mit der Modekrankheit BSE nicht als „Prionenklumpen“ bezeichnen lassen, und der gleichfalls ehemalige Sozen-Parteichef Kurt Beck erwirkte gegen seinen Titelauftritt („Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!“) erfolgreich eine einstweilige Verfügung mit Androhung eines Ordnungsgeldes von 250.000 Euro.

Wie wird nun Olaf Scholz als Titelmaskottchen reagieren? Sind seine Nerven stark genug, das drohende Kopf-an-Kopf-Rennen mit Friedrich Merz zu gewinnen? Der zähe und schlussendlich siegreiche Sauerländer brachte es lange vor Scholz zu mindestens drei verbürgten Titelauftritten (z. B. „Birne Merz – Mit Fotzenfritz zurück in die alte BRD“). Selbst der CDU-Unfall Laschet hatte Soloauftritte auf dem Titel – obwohl sich heute kaum noch jemand erinnern kann, ob der einstige Hoffnungslosigkeitsträger mit Vornamen nun Erwin oder doch eher Alwin hieß. Wir sehen also: Mit den großen Pointengaranten mitzuhalten, das wird für Scholz kein Leichtes.

Zu oft unterschätzt

Doch hier winkt Hilfe von unerwarteter Seite. „Wir haben den sozialdemokratischen Kandidaten ignorant unterschätzt“, gesteht Titanic-Chefredakteur Moritz Hürtgen dem Freitag nicht unzerknirscht ein. „So haben wir im Laufe des Jahres 2021 statt Scholz lieber dreimal den Extremloser Laschet auf den Titel gehoben. Natürlich gab es am Kiosk dafür die Quittung.“ Diesen Fehler wolle die Redaktion allerdings nicht wiederholen: „Wir rechnen heute mit einer zwanzigjährigen Scholz-Amtszeit und haben uns vorgenommen, in dieser Zeit wenigstens zweihundert Scholz-Titel zu produzieren.“

Ein hehres Ziel, keine Frage. Doch dagegen spricht ganz unbarmherzig die kalte Kanzlerarithmetik: Schmidt regierte acht Jahre, Kohl sechzehn, Schröder nur sechs, Merkel wieder sechzehn. Setzt man diese Reihe fort, bleiben Scholz noch maximal sechs bis sieben Amtsjahre – bis dann turnusgemäß Friedrich Merz für weitere sechzehn bleierne CDU-Jahre übernimmt. Doch vor dem sauerländischen Selfmade-Multimillionär muss Scholz keine große Angst haben; denn Merz schaffte es erst nach zwanzig Jahren und im dritten Anlauf auf den CDU-Thron. Machte er in diesem Tempo weiter, so errechneten die Experten der heute-show, „dann wäre er mit 108 Kanzler“. Noch also ist Scholz nicht verloren. Allerdings muss er, um politisch als Pointenkanzler zu überleben, wichtige Details klären und ins Werk setzen. Zum einen muss er schnellstmöglich darauf hinwirken, seinen Nachnamen zum eigenständigen Verb werden zu lassen. Nachdem sich seine Vorgängerin über ein Dezennium hinweg so durchgemerkelt hat, gilt es schon jetzt als fraglich, ob Olaf es jemals schaffen wird, sich nach Strich und Faden durchzuscholzen.

Ferner braucht er dringend eigene Hashtags. Gegen die unter dem Merkel-Regime populär gewordenen Netzwerksuchbegriffe #merkelmussweg (knapp 38.000 Einträge bei Google) und (das durchweg ironisch gemeinte) #dankemerkel (50.300) kann der Neue mit den bisher kaum nachweisbaren Zahlen für #scholzmussweg (987) oder #dankescholz (191) nicht annähernd mithalten. Da bräuchte es schon ein echtes #scholzwunder (143), wenn #realolafscholz (34) da noch aufschließen und etwa zum #superscholz (2!) mutieren könnte.

Ferner zeigen die Beispiele von Helmut „Birne“ Kohl, Gerhard „Basta“ Schröder und Angela „Raute“ Merkel: Jede*r erfolgreiche Kanzler*in braucht eine komische Apostrophierung, ein festes Symbol, einen griffigen Claim. Mit seinem schon reichlich abgegriffenen „Scholzomat“ wird der Osnabrücker Altjuso da nicht mehr überzeugen können, Cum-Ex-Gedächtnislücken hin, G20-Polizeieinsatz her – da muss was Neues aufs Tapet.

Außerdem fehlt noch der eine unauslöschliche Satz, der immer mit ihm verbunden bleiben wird: Ob nun entscheidend sei, „was hinten rauskommt“ (Kohl) oder „hol mir mal ’ne Flasche Bier“ (Schröder) oder das Merkel’sche „Wir schaffen das“ – auch hier herrscht für Scholz, den die Financial Times wohl nicht ohne Grund als „phlegmatischen Sozialdemokraten“ einstufte, schon jetzt maximaler Handlungsbedarf.

Zumal gerade seine Verstrickung in die Waffen-SS die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wird Scholz klagen, wie so viele seiner sozialdemokratischen Kollegen? Oder wird er sich, zusätzlich zum flauschigen Flugzeugpullover, noch ein dickes Fell zulegen? Immerhin ist Scholz jetzt auch satiretitelerprobt. Tja. Schlecht für ihn. Denn bislang hat keiner politisch überlebt, auf einem Titanic-Titel gewesen zu sein. Das gilt für Hitler über Engholm bis zu Kohl, von Schröder oder Merkel bis zur Kelly Family: Sie alle sind längst Geschichte.

Oliver Maria Schmitt war von 1995 bis 2000 Chefredakteur der Titanic

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 7