Oligopoly mit gezinkten Karten

Macht des Ratings Nun hat die Rating-Agentur Moody’s auch den Schuldner Irland mit einem vernichtenden Urteil gesteinigt und die Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau herunter gestuft

Mit einem Federstrich hat Anfang vergangener Woche die Rating-Agentur Moody’s Portugals Bonität auf Ramsch-Status gedrückt. Gleiches geschieht wenige Tage später nun auch Irland, das bereits zu den Staaten gehört, die untern Euro-Rettungsschirm Zuflucht suchen mussten. Es gab keinen Grund für diese Aktion – kein ökonomisches Fundamentaldatum hatte sich über Nacht verändert. Fast parallel zu diesen Vorgängen hatte der Rating-Riese Standard Poor’s den vereinigten Griechenland-Rettern in die Suppe gespuckt. Sein Befund: Jeder Verlust für private Griechenland-Gläubiger – wie freiwillig der auch immer zustande komme –, werde als Zahlungsausfall gewertet. Die politischen Eliten in Euroland – gewöhnt vor den Herren der Finanzmärkte zu zittern – geben sich unisono empört. Gingen diesmal die gefürchteten Agenturen zu weit? Gehören sie nach Banken und Hedgefonds auch zu den bösen Buben der Finanzwelt?

Die großen Drei aus New York – Standard Poor’s, Moody’s und Fitch – beherrschen zusammen gut 95 Prozent des internationalen Rating-Geschäfts (gut 40 Prozent entfallen jeweils auf S sowie Moody’s; Fitch akquiriert noch einmal 14 Prozent der Aufträge). Diese drei operieren in gleicher Weise, benutzen die gleichen Daten und hantieren mit zum Verwechseln ähnlichen Benotungssystemen. Sie bilden quasi ein Oligopol, das jedem Lehrbuch der Ökonomie zur Zierde gereichen würde. Der Clou dabei: Sie verdanken ihre Marktmacht weder überlegener Expertise noch den Standorten im Herzen von New York und London – sie profitieren mit ihrer enormen Reichweite von der hohen Politik.
Wie sonst wäre zu erklären, dass die großen Drei mit schöner Regelmäßigkeit daneben lagen, wenn es darauf ankam, frühere Finanzkrisen durch Frühwarnungen abzufangen, und dennoch im Geschäft blieben? Warum sonst sollte irgend jemand, den kostspieligen Fehlurteilen von drei New Yorker Privatfirmen trauen? Eine leicht zu beantwortende Frage: Ohne die Regierungen, ohne die Zentralbanken, ohne politischen Segen in allen Formen hätten die Privatmeinungen einer Handvoll Finanzdienstleister niemals das Gewicht erlangen können, das sie heute haben. Die Europäische Zentralbank (EZB) pocht auf ihre Unabhängigkeit, hat aber 2005 die Einstufung durch die großen Drei offiziell zum alles entscheidenden Kriterium für Staatsanleihen erhoben. Jetzt rudern die EZB-Gewaltigen verzweifelt zurück, sitzen sie doch inzwischen selbst auf Bergen griechischer, portugiesischer oder irischer Papiere. Jeder Fall in deren Ranking kostet die EZB viel Geld.

Rating-Agenturen bewerten keine Leistungen, sie prognostizieren – auf der Basis von Vermutungen und Privatmeinungen – künftiges Verhalten. Dank einer politisch gewollten und legitimierten Marktmacht werden aus diesen Privatmeinungen sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Im Moment zum Schaden der Euroländer und der EU. Denn die USA, die in einer ähnlichen Schuldenkrise stecken wie Griechenland, Portugal und nun auch Italien erhalten nach wie vor Bestnoten, auch wenn Präsident Obama im Augenblick mehr und mehr den Unmut der Agenturen zu spüren bekommt.
Niemand hat es bisher vermocht, die großen Drei für die Folgen ihrer Fehlurteile und politischen Spekulationen haftbar zu machen. Sie gehören zu den Krisengewinnlern, ihre Umsätze und Gewinne steigen rapide, die Aktien von Moody’s haben in den vergangenen zwölf Monaten um 122 Prozent zugelegt, die Muttergesellschaften der beiden anderen Agenturen können auch nicht klagen. Nach wir vor werden sie von denen bezahlt, deren Finanzprodukte sie bewerten sollen; nach wie vor wie leistet man sich die Absurdität, Qualitätsurteile über Kredite und Finanzmarktpapiere privaten Geschäftemachern zu überlassen. Den Kritikern dieser Praxis von Schäuble bis Barroso missfällt daran nur die mangelnde Transparenz.

Was würde eine Europäische Rating-Agentur ändern, wie sie im Moment immer wieder gefordert wird? Die EU-Kommission will noch bis Jahresende dem Europaparlament ein entsprechendes Gesetz vorlegen, weil die Zeit drängt. Ein neues Institut muss her, um die Logik des internationalen Rating-Geschäfts nachhaltig zu verändern. Unabhängig sollte sie sein – von Regierungen, Zentralbanken und Finanzmarktlobbyisten gleichermaßen, außerdem nicht-kommerziell, sondern gemeinnützig. Sie braucht hoheitliche Befugnisse und weitgehende Informations- wie Kontrollrechte. Eine europäische Stiftung wäre die adäquate Form, die allerdings dem neoliberalen Kinderglauben an “mehr Wettbewerb” nicht entgegen kommt. Ändern würde sich selbst dann kaum etwas, wenn das vulgärökonomische, neoliberale Mantra – Haushalt konsolidieren, Steuern senken, Sozialleistungen abbauen, Wachstum ankurbeln, Arbeitsmärkte flexibilisieren, Löhne und Gehälter drücken, den öffentlichen Sektor klein schrumpfen – weiter alle Benotungen dominiert. Eine europäische Rating-Agentur als Teil, ja als Speerspitze einer „Reregulierung“ der Finanzmärkte braucht neues ökonomisches Denken, eine Revolution in den Köpfen.

Michael R. Krätke ist Professor für Ökonomie an der Universität Lancaster

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11:50 13.07.2011

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