Jenseits des Boykotts

Olympia Mit den Spielen von Peking kehrt ein Stück Kalter Krieg in den Sport zurück. Ein Befreiungsschlag ist nötig und möglich
Chinesische Soldaten bei einer Fahnenübung für die kommenden olympischen Winterspiele
Chinesische Soldaten bei einer Fahnenübung für die kommenden olympischen Winterspiele

Foto: Carl Court/Getty Images

Im Zuge des „diplomatischen Boykotts“ der Winterspiele reist nun wohl erheblich weniger westliches Regierungspersonal nach Peking. Praktisch ist das eine Erleichterung für das Zero-Covid-Reich. Und ist das stolze China hiervon tief getroffen? Die Geste lässt sich auch als eine Anerkennung seines neuen Status als weltpolitischer Hauptantagonist verstehen: Viel Feind’, viel Ehr’.

Gewiss kannte das 20. Jahrhundert ganz andere olympische Eskalationsgrade. Doch ist bemerkenswert, dass 40 Jahre nach der Boykottkrise um die Spiele von Moskau und Los Angeles sowie der nachfolgenden sportdiplomatischen Abrüstungsphase das B-Wort zurück in der Arena ist. Sotschi 2014 war also keine Ausnahme. Somit gerät der Sport in eine delikate Dauer-Bredouille: Wie steht er denn nun zur Politik?

Erklären müsste das der IOC-Präsident. Doch Thomas Bach, als Redner weit weg von dem eleganten Fechter früherer Tage, murmelt nur hilflose Sätze à la „Wir können nicht alle Probleme der Welt lösen“. Dabei hat er ja recht. Er kann nur nicht sagen, warum – und hat den Gedanken wohl noch nie weitergedacht.

Sport kann nicht direkt zu politischer Emanzipation beitragen. Er sollte es auch nicht versuchen. Das zu sagen, heißt nicht, die paranoide Härte zu leugnen, mit der China in Hongkong wie Xinjiang auf alles einschlägt, was es für Sezessionismus hält. Aber wer über den Sport urteilen will, muss dessen Verhältnis zur Politik auch vom Sport aus betrachten: Woher kommt überhaupt die Idee, von ihm politischen Mehrwert zu erwarten? Was ist das Utopische am Sport, das uns das denken lässt?

Der Sport ist eine Sonderwelt: Man braucht andere, um zum eigenen Vergnügen zu gelangen. Man muss diese Leute weder mögen noch kennen. Es müssen sich nur alle den frei erfundenen Regeln des Sports unterwerfen und einander in deren Sinn vollständig als Gleiche betrachten. Im Rahmen der Regeln dürfen alle mitmachen und können alle gewinnen. Das war es auch schon: Der Sport ist ein Theaterstück über die Utopie umfassender Anerkennung. Möglich ist das aber nur in einem künstlichen Raum. Und deshalb muss der Sport auf dessen Grenzen achten – nicht zuletzt auf die Grenze zur Politik, die seine Utopie gleichwohl berührt.

Ja, das ist paradox. Noch mal als Merksatz: Den mittelbar politischen Horizont des Sports, eine erste, spielerische Kooperation zwischen Menschen zu stiften, gibt es nur zu der Bedingung, dass er sich unmittelbarer Politisierung verschließt. Man kennt das vom Freizeitkicken im Park. Es ist oft erhebend, wie reibungslos man in stummer Begeisterung für das Spiel auch mit Unbekannten zusammenwirken kann. Würde aber jemand ein erzieltes Tor der Rettung des Weltklimas oder dem Ruhm Recep Tayyip Erdoğans widmen, wäre das Spiel womöglich schnell vorbei.

Da die Beteiligten das wissen, sind solche Grenzverletzungen selten. Genau dem tragen im Großen jene IOC-Regeln Rechnung, die jetzt wieder viel kritisiert werden. Es ist aber ganz richtig, dass Olympiastars als Promis sagen können, was immer ihnen am Herzen liegt – nicht aber „auf dem Platz“. Die kategorische Trennung zwischen der Spielfigur und dem Menschen mit Prägung und Haltung ist von prinzipieller Bedeutung, ja konstitutiv für Sport.

Man wünschte sich nur, dass jemand wie Thomas Bach das einmal darlegte. Allerdings würde der Gedanke zu der Erkenntnis führen, dass das Verhältnis zur Politik auch aufseiten des Sports prekär ist. Dass die erregte Öffentlichkeit derzeit von ihm verlangt, statt seines Theaters der Anerkennung eine politische Kundgebung aufzuführen, hat sich der Sport ja auch selbst zuzuschreiben: Sind nicht gerade Fragen nach Chinas Innenpolitik abzuwimmeln, verspricht er ja durchaus, die „Probleme der Welt lösen“ zu können: Von sozialem Zusammenhalt über weltweite Verständigung bis Kriminalitätsprävention oder gar Stadtentwicklung reicht die Palette politischer Fragen, mit denen er sich in seinem Buhlen um soziale „Relevanz“ und staatliche Privilegien in Anträgen, Programmen und Grußworten verbindet.

Ja: Bei all dem kann Sport etwas bewegen, aber eher en passant. Sobald er seinen utopischen Impuls in konkrete politische Worte fasst, gerät er in jene Widersprüche, die nun der IOC-Chef wegzunuscheln versucht. Hätte der Sport hingegen das Selbstbewusstsein, konsequent nur Sport sein zu wollen, könnte er seine Kernagenda besser schützen: Olympia ist möglich, wo integrer Sport möglich ist – was ja umfasst, dass alle mitmachen dürfen müssen. Könnte sich das IOC in Sachen Hongkong ganz unverschwiemelt für unzuständig erklären, ginge vielleicht mehr im Fall der verschwundenen Tennisspielerin Peng Shuai. Apartheidstaaten wären auch auf dieser Basis auszuschließen – und Hitlers Spiele hätten nie stattfinden können.

Es wäre ein Befreiungsschlag, die Spiele zu entstaatlichen. Machbar wäre es auch: Zwar kann man die Regierenden einstweilen kaum hindern, sich entweder in ihrem Lichte feiern zu lassen oder sich mit „diplomatischem Boykott“ zu profilieren. Man könnte aber etwas dagegensetzen: Wie wäre es, wenn die Delegationen nicht von trockenem Verbandspersonal angeführt würden, sondern von Künstlerinnen oder Schriftstellern, die dann auch öffentlich zusammenträfen? So könnte am Ende auch das Politische produktiver auf die Bühne gelangen – und die Spiele von heute kämen den antiken ein gutes Stück näher.

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