Olympiade der Hochschulen

Jagen und gejagt werden Wer nur von Exzellenz, Elite und Ranking spricht, zerstört das unabhängige Denken

Den romantischen Titel "Leuchttürme der Wissenschaft" haben vor kurzem drei Universitäten erhalten, die die ersten bundesdeutschen Plätze im Mehrkampf der Wissenschaften gewonnen haben. Als Sieger im Exzellenzwettbewerb sollen sie für einen "umfassenden Transformationsprozess" der deutschen Wettbewerbswilligkeit Pate stehen, so der Präsident der vorerst gescheiterten Humboldt-Universität zu Berlin, Christoph Markschies. Hört man bei mittlerweile alltagstauglichen, kaum mehr übersetzbaren Begriffen wie "Exzellenz-Controlling", "Credit Points", "Rankings", "Eliteverfahren" und "Exzellenzinitiative" etwas genauer hin, drängt sich eine gedankliche Nähe zum Sport unweigerlich auf. Offenbar beabsichtigen die Hochschul-"Reformer" den systematischen sportiven Trainingsaufbau einer ganzen Denk- und Erkenntniskultur, deren olympisches Ziel darin besteht, das weltweite Rennen um wissenschaftliche Rekordzahlen für die Nation zu entscheiden. Und wie beim Sport scheint es hier direkt um die Natur des Menschen zu gehen. Doch so neuartig sind diese Dynamiken und Beschleunigungen, die hier in Gang gesetzt werden, keinesfalls, wie die neudefinierten "Reform"-Attribute weismachen wollen.

Als Sportwissenschaftler kommen mir solche Steuerungsphantasien wohl vertraut vor. Bereits jetzt wird der Alltag der Universitäten in atemberaubendem Tempo umgekrempelt - vermutlich allerdings eher nicht in die Richtung einer erhofften Nachhaltigkeit. Ohne etwaige positive Effekte des Hochschulumbaus gänzlich in Abrede stellen zu wollen, fällt für mich insgesamt die Gesamtbilanz der Entwicklungen sehr bedenklich aus. Was ziehen solche Konzepte einer Hochleistungslogik an strukturellen und politischen Folgen und Sachzwängen nach sich?

The winner takes it all

Der internationale Hochleistungssport erzeugt heute systematisch Sieger, Helden - vor allem aber Rekorde. Jeder Rekord produziert aber nur einen einzigen Gewinner, einen fragilen dazu, denn er droht die Bestzeit morgen schon wieder zu verlieren. In der numerischen und politischen Mehrzahl jedoch produziert die Spitzenleistung Verlierer, frustrierte Überrundete. Und so wie die Rekordlogik des Sports strukturell zu Doping-Praktiken anstiftet, wäre jeder dieser Verlierer schlecht beraten, zur Sicherung des eigenen Überlebens nicht nach eben solch verführerischen Mitteln und Maßnahmen zur Leistungssteigerung zu greifen. Wo letztlich der Sieg im Wettlauf zählt, da wäre es alles andere als effizient oder produktiv, bei der Wahl der Mittel zimperlich zu sein. Den Verlierern geht es nicht etwa besser, wenn sich das Leistungsniveau laufend erhöht. Denn sie müssen exponenziell immer mehr trainieren, um wenigstens in Rekordnähe zu bleiben. Sie müssen sich aberwitzigen Normen hingeben, ohne belohnt zu werden. The winner takes it all.

Der sportlich-hypertrophe Leistungsaufbau versucht mit Hilfe von Messungen, Mathematisierung und Kontrolle den Zufall und die Regellosigkeit in geordnete Bahnen zu lenken. Auf ähnliche Weise werden Erkenntnisvorgänge vom Kindergarten an über die Schulen bis zur Hochschule als planwirtschaftliche, operationalisierbare, grenzenlos steigerbare, renditeorientierte Unternehmungen aufgefasst - nicht mehr im Zeichen eines sozialistischen Planstaates, sondern zeitgemäßer unter der Aufsicht von Technologieunternehmen, Beratungsgesellschaften oder solcher Think-Tanks wie dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Die Ware Bildung wird als "Humanressource" einer zunehmend externen Marktsteuerung und Privatisierung anvertraut.

Der Sport wie die Wissenschaft gleichen Optimierungsmaschinerien, die sich nicht ernsthaft von internen Widersprüchen verunsichern lassen. Wer im Hochsprung nicht mindestens 1,90 Meter misst, braucht genauso wenig anzutreten wie eine Uni, die nicht dank naturwissenschaftlicher, industrienaher Forschung aus den Startblöcken kommt und im Schieds- und Preisrichtermilieu über subkulturelle Allianzen verfügt. Nichtempirische und nicht nutzenorientierte, gar kritische Geisteswissenschaften müssen von daher als Auslaufmodell gelten, zumal wenn sie sich mit anderen (nicht) messen wollen.

Ist dieses Prinzip einer Hochschule als einer Technologie- und Kapitalgesellschaft ein brauchbares Rezept zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und zur Stiftung sozial-ökologischer und ökonomischer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit? Diese Frage stellt sie sich schlichtweg nicht mehr. Sie droht höchstens als gefährliche ideologische Stolperfalle für diejenigen, die auf der Laufbahn längst ihre Runden und Siege zählen.

Dabei dürfte das Konzept von Exzellenz, Elite, Drittmittelrekord und Ranking in seinem selektierenden Auftrag nicht nur vordergründig mit anderen gesellschaftlichen Problemen zusammenhängen. Eine stadtsoziale Abspaltung von Ghettos samt ihrer Vielzahl von Überschuldungskarrieren gehört dazu ebenso wie die Tatsache, dass sich die gesellschaftliche Arbeit bereits bald erheblich reduzieren dürfte. Zugleich erfreut sich eine obere Schicht im distinguierten Stadtgrünen des gesellschaftlichen Lebens, deren Zinsvermögen locker für mehrere Generationen reicht. Die gesellschaftliche Elitenreproduktion versammelt über die Institutionen Schule und Hochschule zunehmend ein elaboriertes Wissen bei einer auserlesenen Gruppierung.

Unersättliche Antragsmaschine

Der postmoderne Trendsport an Hochschulen und im Abenteuersport setzt auf solch privilegierte, flexibilisierte Individuen, "reibungslose Gleiter", die sich vergleichbar wendig auf atlantischen Wellen und alpinem Schnee wie auf Datenozeanen und im Drittmittelmarketing bewegen. Doch so verdreht sich das Tun, das ehemalige Mittel, zum Selbstzweck. Die Hochschule mit dem Charakter einer Drittmittelfabrik stilisiert Mittel (wie Drittmittel, Rankings und die Zahl von Veröffentlichungen) zum Zwecke und zur Berechtigung ihres Daseins. Drittmittel sollen um ihrer selbst willen eingeworben werden. Es ist prinzipiell gleichgültig, ob Brotsorten, Plastikeimer, Formel-1-Technologien, Ethikmodelle, chemische Kampfstoffe oder Stammzelltechnologien erforscht, entdeckt und verkauft werden. Unter dem Zauberwort der "Vernetzung" - der Begriff ist nicht zufällig der Maschinensprache entliehen - hat sich eine Praxis eingebürgert, möglichst viele, bunte Unterschriften für Vorhaben, Kooperationen, Anträge zu sammeln, als bürgte deren schiere Anzahl schon für Qualität und Relevanz. Inhaltlicher Austausch und problembezogenes Arbeiten bleiben dagegen zusehends auf der Strecke.

Doch diese renditeorientierte, expansive Mittel-Zweck-Umkehr stellt nur mehr selbst eine technologische Denk- und Praxisfigur dar, wie sie der Sport mit seiner Verabsolutierung des Rekords und seiner Steigerungsimperative bestens kennt. Die Rekordlogik ist unersättlich an Ressourcen, denn jedes erreichte Drittmittelniveau, jeder sportlich errungene Bahnrekord dient als Startlinie für die nächste Anstrengung. So steigern sich die Kosten des Wissenschaftsprozesses unaufhörlich und stehen bald in keinem Verhältnis mehr zum Verschleiß von sozialen, ökonomischen und ökologischen Ressourcen.

Paul Feyerabend hat in seiner denkwürdigen Schrift zum Methodenzwang bekannt, wie oft "Interessen, Macht, Propaganda und Gehirnwäschemethoden in der Entwicklung der Erkenntnis und der Wissenschaft" eine wesentliche Rolle spielen, "Argumente, Propaganda, Druckmittel, Einschüchterung, Lobbyismus" den einen Methoden zu Leibe rücken oder aber andere ausdrücklich und ausschließlich zur Norm erklären. Diese Worte scheinen heute immer mehr Geltung zu beanspruchen, allen postmodernen Beteuerungen von der Differenz der Meinungen zum Trotz.

Viele der Hochschulakteure leisten offensichtlich entweder einen vorauseilenden Gehorsam und oder gehorchen ihrer Angst, den Anschluss im Rennen um den Ruhm des Drittmittelsieges zu verpassen und auf den Verliererplätzen abgestraft zu werden. Individuelle Motive, die vermutlich vornehmlich im Netz männlich konstruierter Routinen gefangen sind, passen sich an die vermeintlichen Erfordernisse einer olympisch wett- und rekordeifernden Erfolgsgesellschaft an. Wer kann, soll und will sich da dieser ultraschnellen, exportträchtigen Magnetschwebebahn Wissenschaftsfabrik mit ihren zunehmend "megamaschinellen Zügen" noch entgegen stellen?

Grenzenlose Anmaßung

Wie wäre es demgegenüber mit einer anderen Idee von Universität, eine, die in der Tradition eines solchen Namensgebers steht, wie ihn die Humboldt-Universität zu Berlin besitzt? Anhand von Leitbildern wie ökologische, soziale, ökonomische Nachhaltigkeit‚ Pluralität und Offenheit des Denkens, von Kulturen sowie Geschlechtergerechtigkeit könnte eine Wissenschaft in großer Breite angestoßen beziehungsweise fortentwickelt werden, die tatsächlich das Prädikat einer umfassenden und wandlungsfähigen "Lebenswissenschaft" vertrüge.

Anstelle einer sich letztlich einer Rekordlogik und globalen Maßstäben des Wettstreits preisgebenden Wissenschaftsmaschinerie, könnte ein lebendiger Ort entstehen, in dem Menschen sich den wichtigen gesellschaftlichen Fragen kritisch-reflexiv nähern. Nicht nur, dass aufgrund der olympischen Leistungs- und Rekordlogik in allen Lebensbereichen gesellschaftliche Probleme entstanden sind, die sich nachhaltiger auswirken dürften als alle Szenarien technologisch-politischer Reparatur- und Beschwichtigungsversuche wahrhaben wollen. Nicht nur, dass fortan solche Phänomene wie der Klimawandel unbezahlbar sein dürften, wie die bislang größte Öko-Wirtschaftsstudie vom Oktober 2006 hochrechnet. Die darin enthaltenen alarmierenden Zahlen bedeuten auch, dass - während wir "Olympische Spiele" der Drittmittel- und Veröffentlichungsrekorde spielen - in Ländern des Südens bereits erste Archipele wie Vanuatu oder Kiribati evakuiert werden, weil sie aufgrund unserer Emissionen treibhausbedingt im Wasser verschwinden.

Immerhin wurde weltweit eine UN-Dekade für nachhaltige Bildung ausgerufen (2005 bis 2014), die es sich unter anderem zum Ziel setzt, nach neuen bedürfniskulturellen Mustern und Stilen jenseits von technologischen Rekordlogiken zu suchen, das heißt letztlich auch, nach Möglichkeiten von Entschleunigung. Die Weltenzeit von Technologie, Komplexität und exzellenter Wissenschaft rennt der individuellen Lebenszeit ohnehin immer schneller davon. Das wissenschaftliche Individuum als Prototyp des totalitär "flexiblen Menschen" (Richard Sennett) versucht mit Hilfe eines immer größeren zeitlichen und psychophysischen Aufwands "Schritt zu halten", den "Takt zu erhöhen", ohne zu spüren, welch womöglich negativer Energie und eigenem Unbehagen es sich derart auszuliefern droht.

Nimmt man die Überlegungen zur Nachhaltigkeit ernst, wird man so nicht fortsetzen können, was dauerhaft erfolgreich schien, sagen die Zukunfts- und Umweltforscher de Haan und Kuckartz. Eine Vergangenheit, die sich vorrangig auf quantitatives Wachstum, unbegrenzten technologischen Fortschritt, Elitenbildung und eine instrumentelle Weltbewältigung konzentriert hat, eine solche "Vergangenheit hat uns im Hinblick auf Sustainable Development nichts mehr zu sagen", urteilen die beiden. Dies sollte den Rekordprotagonisten im Wissenschaftsbereich zu denken geben.

Dr. Johannes Verch ist Sportsoziologe an der Humboldt-Universität zu Berlin

00:00 05.01.2007

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