Olympiade oder Hirtensalat

Modellfall Eine Reise nach Griechenland, dessen aktuelle Kunst und Kultur im heutigen Europa kaum wahrgenommen wird

Griechenland ist Olymp und Olympiade, Hirtensalat und Schafskäse. Es ist großer blauer Himmel über kleinen weißen Kirchen. Griechenland ist Homer. Aber den spricht man heute eher englisch aus und denkt dabei an die Simpsons. Aristoteles und Platon werden nur noch in Philosophieseminaren gelesen. Auch das Kunstschöne sucht man nicht mehr zuerst in Griechenland, dessen Gegenwartsliteratur weitgehend unbekannt ist. Selbst die beiden Nobelpreisträger Georgios Seferis (1963) und Odysseas Elytis (1979) sind nur Kennern ein Begriff. Und seit Alexis Sorbas sieht der ideale Grieche so aus wie Anthony Quinn.

Griechenland war einmal so etwas wie ein Vorposten Westeuropas, ein Solitär zwischen Titos Jugoslawien, Warschauer Pakt und Türkei. Mühsam befreite es sich - ähnlich wie Spanien - von der Militärdiktatur und wurde zu einem Modellfall der Demokratisierung in Europa. Doch mit den Ost-Erweiterungen der EU ist es aus den medialen Aufmerksamkeitsverteilern herausgefallen. Polen oder die Beitrittskandidaten Rumänien und Bulgarien liegen näher und produzieren dringlichere Schlagzeilen.

In solcher Lage erinnern Politiker sich gerne der Kultur als eines tourismusfördernden Imagefaktors. So ist es wohl zu erklären, dass das griechische Kommunikationsministerium eine Gruppe von Kulturjournalisten und Literaturkritikern nach Athen und in die europäische Kulturhauptstadt Patras einlud. In zweieinhalb Tagen sollten sie alles Wissenswerte über den heimischen Buchmarkt und die jüngere Literatur und Kunst erfahren und in dieser Zeit mit gutem Essen in gute Stimmung versetzt werden. "Gelegenheiten zum Gespräch" vermerkte das Protokoll dazu.

Im Kulturministerium wartete schon der Generalsekretär, Christos Zachopoulos, ein schnauzbärtiger, rundlicher Herr mit der Anmutung eines Walrosses. Er überreichte seinen Gästen zum Jahr der Olive einen kiloschweren Bildband zur Kulturgeschichte des Olivenbaumes und sprach zwei lange Stunden Sätze wie warme Luft: "Europäische Kultur hat Komponenten, die eine Identität zusammensetzen. Das sind, um nur einige zu nennen: Antike, römisches Recht, Byzanz, französische Revolution und zeitgenössische Ideologien." Der Konferenzsaal des Ministeriums wirkte wie eine Kulisse für Raumschiff Enterprise oder eine Architektur gewordene spätsozialistische Zukunftsvision. Wäre da nicht auch eine strahlende PR-Dame in flüchtig geknöpfter Bluse gesessen, die ihre schimmernden Brüste knapp oberhalb des blank geputzten Konferenztisches darbot, dann hätte es in diesem Ambiente keinerlei Konkretion gegeben. Der Generalsekretär sprach unbeirrt vom Boom der Buchbranche in den neunziger Jahren, von der Übersetzungsförderung durch das Ministerium, nannte Prozente und Bruttoregistertonnen, und alles war gut.

Kein Wort davon, dass seit dem Griechenland-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 2001 nur wenige Titel ins Deutsche übersetzt worden sind. Die messegenerierte Überproduktion verstopft den Markt auf Jahre hinaus, ein Umstand, der durch den kurzzeitigen Boom nicht aufgewogen werden kann. Es sei sehr schwer, den Verlagen griechische Literatur schmackhaft zu machen, sagt die in Berlin lebende Übersetzerin Michaela Prinzinger. Mal würden Bücher abgelehnt, weil sie "zu griechisch" und nur dort verständlich seien, mal würden sie als "zu wenig griechisch" und nicht typisch genug empfunden. Der Grat zwischen Folkloreverdacht und globaler Beliebigkeit ist schmal.

Im internationalen Buchzentrum EKEBI sitzen schon sechs Autorinnen und Autoren und warten auf "Gesprächsgelegenheiten". Sie haben Namen, die man sich auch nach mehrmaligem Nachschlagen nicht merken kann. Das macht die Vermarktung im Ausland problematisch: Eliana Chourmouziadou beispielsweise oder Nikos Panagiotopoulos. Leichter ist Nikos Papandreou zu merken, Sohn des einstigen Staatschefs Andreas Papandreou und Bruder des derzeitigen Oppositionsführers. Auf die Familie möchte er aber nicht so gerne angesprochen werden. Er zieht es vor, eine eigene Berühmtheit als Autor zu sein. In Griechenland hat er es schon zu einigen Bestsellern gebracht. In Deutschland ist nur der autobiographisch grundierte Roman Als Vater tanzte. Erfundene Erinnerungen erschienen. Da nennt sich der Autor "Nick" Papandreou. Ein Amerikaner ist allemal besser verkäuflich als ein Grieche.

Papandreou ist ein weltläufiger, charmanter Plauderer, der auch als Hollywood-Schauspieler durchgehen könnte. Geboren in San Francisco, lebte er lange in den USA, studierte Ökonomie in Yale und Princeton, hat für die Weltbank gearbeitet, Literatur gelehrt und als Statistiker in der medizinischen Forschung gearbeitet. In seinem jüngsten Roman Tage wie diese (2005) erzählt er von einem Weltbanker, der in Algerien in Schwierigkeiten und ins Gefängnis gerät. Das spannende Buch über die Konfrontation des Westens mit dem Islam fällt vermutlich in die Sparte "zu wenig griechisch". Eine Übersetzung könnte aber trotzdem lohnen.

Der 70-jährige Petros Markaris hat solche Probleme nicht. Seine Bücher erscheinen auf Deutsch bei Diogenes. "Ein guter Autor zu sein, reicht nicht", sagt er dazu. "Man muss auch Glück haben." Seine Kriminalromane um den Kommissar Kostas Charitos wagen sich in alle Ecken der Großstadt Athen vor. Er scheut auch nicht davor zurück, die Nachwirkungen der Obristenherrschaft zu thematisieren - wenn etwa beschrieben wird, dass sich damals praktizierte Verhörmethoden auch heute noch bewähren. Als politischer und als unterhaltender Schriftsteller sei er eine Ausnahme, sagt er bedauernd. "Die jüngere Generation schreibt über Ehe und Liebe, aber nicht über Politisches. Dafür ist meine Generation zuständig." Die strenge Trennung in seriöse und kommerzielle Literatur habe sich dagegen in den vergangenen zehn Jahren gelockert. "Krimis sind so sehr Mode geworden, dass Kritiker, die auf sich halten, auch über Kriminalromane schreiben müssen." Markaris´ vierter Charitos-Roman wird im Februar auf Deutsch herauskommen. Es geht darin, so viel verrät er schon, um einen Terroranschlag auf einem Schiff und um einen Mörder, der Werbe-Modells mit einer Luger-Pistole aus der NS-Zeit tötet.

Markaris muss nicht, wie viele andere, auf staatliche Übersetzungsförderung warten und die stickige Luft des Kulturministeriums atmen. Wo die Prioritäten staatlicher Kulturpolitik liegen, macht Alexis Alatsis, der künstlerische Direktor der europäischen Kulturhauptstadt Patras, deutlich: "Der ›European Song-Contest‹, der im Mai in Athen ausgetragen wurde, kostete an einem einzigen Abend 23 Millionen Euro. Das Budget für das Programm der Kulturhauptstadt Patras beträgt dagegen für das ganze Jahr nur 16,5 Millionen. Das sind die Relationen." Alatsis empfängt die ausländischen Gäste in der "Kunstfabrik" in Patras, einem verfallenen Industriegelände, wo bis in die achtziger Jahre Papier produziert wurde. Im Rahmen der Kulturhauptstadt sollte daraus ein Kulturzentrum werden. Zu sehen ist davon aber nicht viel. Die alten Hallen darf man wegen Einsturzgefahr nicht betreten. Daneben aber wurde, als die Vorbereitungszeit schon knapp geworden war, in 88 Tagen eine neue Theaterhalle hingestellt, deren Nutzung über das Jahr hinaus umstritten ist.

Alexis Alatsis ist ein Mann der klaren Worte. Er will in Patras nicht alt werden, sondern zurück zum Theater. Deshalb braucht er keine Rücksichten auf lokalpolitische Empfindlichkeiten zu nehmen. Als er Anfang des Jahres den Job übernahm, hatte sein Vorgänger gerade entnervt aufgegeben, und eigentlich war alles schon zu spät. Alatsis hat Erfahrung mit Transformationsprojekten. Er arbeitete lange Jahre in der Hamburger Kampnagelfabrik. Zuletzt war er für das Kulturprogramm der Olympischen Spiele in Athen zuständig. "Vor und während der Olympiade ging in Patras sowieso nichts", sagt er. Und die Lokalpolitiker aller Parteien benutzten die Kulturhauptstadt sechs Jahre lang als Versprechen, dass dann alles besser werden würde. Jetzt sei die Enttäuschung groß. Mein Bürgersteig sieht immer noch genau so aus wie zuvor, sagen die Leute, und machen den Programmchef dafür verantwortlich.

Dabei sei das Jahr künstlerisch ein großer Erfolg. Im Theater hängen die Fotos der Stars, die gekommen sind: Anne-Sophie Mutter, Ian Anderson, Jean-Louis Tritignant oder Roberto Benigni. Dass auch Eros Ramazotti ein Konzert gab, ist der einzige Programmpunkt, den Alatsis gerne verhindert hätte. Doch wichtiger als die Künstler, die kommen und gehen, ist das, was bleibt. José Carreras trat mit einem Amateurorchester aus Patras auf, das in Folge dieses Konzertes heute Einladungen bis nach Japan erhält. Oder, sagt Alatsis, "denken Sie an die 800 jungen Freiwilligen, die uns unterstützt haben. Viele haben dadurch erst einen Zugang zur Kultur gefunden und entdeckt, was Theater ist."

Amüsant und aufregend ist die Ausstellung What remains is future in einem alten, leerstehenden Schulgebäude mitten in Patras. Hundert junge griechische Künstler inszenieren die alten Klassenzimmer, in denen noch die Schultafeln hängen, und machen aus einem Ort der Disziplinierung ein fröhliches Fest. Da gibt es Klanginstallationen in den Toilettenräumen oder einen virtuellen X-treme religious Flipper, der freudig so manche religiösen Gefühle verletzt. Die Foyerdecke wurde mit würdevollen klassischen Lettern geschmückt, die Graffiti-Sprüche zum klassischen Bildungsgut adeln. So belebend kann Kunst sich auswirken.

Gescheitert ist Alexis Alatsis mit dem Plan eines integrierten europäischen Roma-Kulturfestivals. "Ich weigerte mich, ein Kulturprogramm ohne das Thema Migration zu machen", sagt er. Denn dieses Thema sei für die Geschichte der Hafenstadt Patras zentral. Viele Familien sind in die USA oder nach Australien ausgewandert. Viele Einwanderer kamen hier an. Historisch gesehen dürfte es also keinen Rassismus geben, und doch gebe es massive Vorbehalte gegen Albaner oder Kurden und vor allem gegen die Roma, die in einer trostlosen Barackensiedlung in Flussnähe untergebracht sind. An ihrer Lage hätte auch ein eigenes Festival nichts gebessert. Doch vielleicht hätte sich so der Blick auf die ungeliebten Roma verändert.


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00:00 15.12.2006

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