Olympiade ohne Sieger

Spektakelkultur Die Demokratie hat den Wettstreit gegen den Sport verloren: Aus Protest boykottierte unser Autor die Olympischen Spiele – vom Sofa aus.
Bert Rebhandl | Ausgabe 09/2014

Mit einer gewissen Befriedigung darf ich vermelden: Ich habe von den Olympischen Spielen in Sotschi keine Minute gesehen. Das will schon allein deswegen etwas heißen, weil ich Österreicher bin, also einer Nation angehöre, die sich im Winter von Goldmedaillen und Stockerlplätzen ernährt. Ich habe bewusst verzichtet, und auch wenn ich daraus eine eher ohnmächtige Befriedigung gezogen habe, bin ich doch versucht zu sagen: Nimm das, Männlein mit dem roten Anorak! Nimm das, Hereinschneier in die olympischen Hütten! Nimm das, verkniffener Rohstoffzar! Aber das wäre ja schon wieder eine unzulässige Personalisierung.

Wladimir Putin allein trägt nicht die Schuld daran, dass es mit den großen Sportereignissen zunehmend problematisch wird. Sie weisen uns eine Zuschauerposition zu, die regelmäßig nach demselben Muster verläuft: Vorher gibt es monatelang besorgte Berichte über abgezweigte Investititonsgelder, Terror- oder zumindest Taschendiebgefahr oder ein unzumutbares Klima. Dann obsiegt wieder „der Sport“, und am Ende war doch alles ein großes Fest.

Am Zusammenspiel zwischen den undurchsichtigen Regierungen des internationalen Sports, IOC, FIFA oder FIA, und den häufig undurchsichtigen Regierungen der Völker ändert das wenig. Und an unserer prekären Zuschauerrolle auch nichts. Denn es bilden sich ja auch die eigenen Probleme mit der Show-Demokratie ab. In Österreich zum Beispiel lacht nur eine Minderheit über den Proporz, mit dem der Staatssender die ewig regierenden Großkoalitionäre in einer fein austarierten Sekundenlogik in Jubelpose präsentiert, wenn wieder einmal ein heimischer Berserker die Streif niedergerungen hat. Und dass Angela Merkels Naheverhältnis zur Fußballnationalmannschaft ehrlich empfunden sein mag, ändert nichts am politischen Nutzen der Bilder aus dem Stadion.

Wer sind die Verlierer?

Bundespräsident Joachim Gauck erklärte sich nach der Rückkehr der Sportler aus Sotschi zum „Präsidenten der Pechvögel und Verlierer“. Das war strikt sportlich gemeint, verdient aber eine politische Erweiterung. Denn wer sind eigentlich die Pechvögel und Verlierer dieser Olympischen Spiele? Es sind einmal mehr all diejenigen, die sich in Ländern wie Brasilien (Fußball-WM 2014, Sommerolympiade 2016), Russland (Fußball-WM 2018), Katar (Fußball-WM 2022) oder Kasachstan (Bewerber um die Winterolympiade 2022) um mehr Demokratie und Gerechtigkeit bemühen.

Als Deutschland und Österreich im Jahr 1978 ein Skandalspiel bei der Weltmeisterschaft der Mördergeneräle in Argentinien austrugen, konnte man noch hoffen, dass solche Regime langfristig gegen den Demokratisierungsdruck ohne Chance sind. Seit 1989 hat sich diese Hoffnung epochal zerschlagen. Und das hat nicht zuletzt mit der Perfektionierung einer globalen Spektakelkultur zu tun, die all das aushöhlt, was sich die Zivilgesellschaften mühsam erarbeiten. Für ausgeglichenere Gemeinwesen wie das deutsche sind solche Bewerbe vielleicht eine Gelegenheit, ein Sommermärchen zu erleben. In Staaten, die von Räubereliten und Rechtsunsicherheit geprägt sind, profitieren die fortschrittlichen Kräfte nie von solchen Events. Einen neutralen Raum des rein Sportlichen gibt es nicht.

Immerhin ist die Ukraine am Ende dieser Spiele einen Zwangsherrn los. Wiktor Janukowytsch meinte, die Spiele wären ein Fenster der Gelegenheit, um eine Revolte niederzuschlagen. Da hat er sich verschätzt. Jetzt ist er der Verlierer dieser Spiele. Aber auch nur deswegen, weil es eigentlich keine Sieger gibt.

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06:00 12.03.2014

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