Olympias »schöne« Töchter

SEXTEST Hochleistungssportlerinnen müssen regelmäßig zur Geschlechtskontrolle

Sind Frauen, die ihre Regel nicht bekommen, Männer? In der Regel nicht. Medizinisch betrachtet, liegt einfach eine sogenannte Amenorrhoe vor, das Ausbleiben der Monatsblutung. Sind allerdings Sportlerinnen davon betroffen, wird schnell der Verdacht geäußert, dass in ihren Hormonhaushalt eingegriffen wurde zum Zwecke der Leistungssteigerung. Hochleistungssportlerinnen müssen sogar regelmäßig zum Sextest, zur sogenannten »Geschlechtskontrolle«. Bei entsprechender Manipulation ihres Körpers riskieren sie, von entsprechenden Medizinern biologisch zum Mann definiert und disqualifiziert zu werden.

Frauen und Sport - das scheint bis heute ein Kapitel für sich. Rückblickend liest es sich wie die Geschichten über »Frauen und Technik« oder »Frauen hinterm Lenkrad«. Wer erinnert sich heute noch daran, dass Frauen in Deutschland bis 1972 offiziell nicht Fußball spielen durften. Ihre Lizenz zum Boxen haben sie gar erst mit dem Ende des letzten Jahrhunderts durchgeboxt. Immer wieder zielten die Einwände männlicher Entscheidungsträger auf das angebliche Wohl an Leib und Seele der Frauen.

Das Ende der mittelalterlichen und später biedermeierlichen Körperfeindlichkeit im 19. Jahrhundert war sportlich gesehen zunächst nur eine Befreiung des männlichen Körpers aus Frack und Stehkragen. Mit dem Neoklassizismus in der Kunst und Architektur entdeckten die europäischen Nationen die klassische antike Körperkultur wieder. Verknüpft mit den damals allein für Männer gültigen Werten von Härte, Kraft, Kampf und Sieg war die Idee der neuzeitlichen Olympischen Spiele geboren. Dass bereits 1896, als die ersten, offiziellen Olympischen Spiele in Athen statt fanden, eine 35-jährige Frau und Mutter von sieben Kindern, die Griechin Stamathia Roviti sich ihren Marathonlauf von Bürgern und der Polizei bestätigen ließ, um so gegen den Ausschluss von Frauen an den Spielen zu protestieren, spielte erst 1996 zur Olympiade in Atlanta wieder eine Rolle. Im Vorfeld hatten die Pariser Anwältin Linda Weil-Curiel, die Atomphysikerin Annie Sugier und die belgische Parlamentarierin Anne-Marie Lizin das Komitee »Atlanta plus« gegründet.

Die Frauen wollten erreichen, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) seine eigene Charta ernst nimmt und der anhaltenden Diskriminierung von Frauen im Sport endlich Grenzen setzt. Den 2.708 Sportlerinnen bei der Olympiade in Barcelona vier Jahre zuvor standen nahezu dreimal so viele Sportler gegenüber. 34 Länder, vor allem muslimische, waren ohne Frauen angetreten, weil ihnen zuhause der Sport aus religiösen Gründen verwehrt wurde.

Grotesk erscheint es, dass Frauen ihre Teilnahme am Sport hierzulande letztlich den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs verdanken. Seit 1897 schon gab es für Frauen eine eigene Deutsche Frauen-Turn- und Sport-Zeitung, die ihnen nach dem Krieg fast in jeder Ausgabe unmissverständlich zu verstehen gab, warum sie gefälligst ihren Körper durch Bewegung fit zu halten hatten: »Hinter uns liegt ein Krieg grausamster Art. ... die Folge wird sein, daß ein kraftloses Geschlecht heranwächst ...« Die Schlussfolgerung daraus war einfach: »Nicht ohne schwere gesundheitliche Schädigungen erträgt aber der nicht durch Leibesübungen gekräftigte weibliche Körper die strapaziösen Anforderungen, die Ausgabe an Nervenkraft, die die pflichttreue Erfüllung eines Berufes verlangt. Sei es in der Fabrik, im geschäftigen Treiben des Kaufladens, auf dem Bureaustuhl, in der Werkstätte, in der Kleider oder Putz hergestellt wird, in der Schule und auch im Wirken im eignen Haushalt: ...« Der Krieg hatte die Frauen also nicht allein zu Scharen in die Berufswelt getrieben, sondern gleichzeitig auch auf die Sportplätze. Und ständig wurde wiederholt: »Starke werden von Starken geboren!«

Aber wenn eine Frau begann, Leistungssport zu treiben und infolge intensiven Trainings ihre Regel nicht mehr bekam, war sie über das eigentliche Ziel hinaus geschossen. Für Zeitgenossen war damit der Prozess der vollständigen Vermännlichung abgeschlossen. Dabei verabscheute man(n) auch die Superweibchen in engen Kleidern mit tiefen Ausschnitten auf Stöckelschuhen: »Enge Strümpfe und spitze Schuhe verunstalten die ursprüngliche Form und bewirken allerlei Fußübel, das Gehen auf hohen Absätzen schädigt den Unterleib und macht den Gang unsicher.« Eifrige Leserinnen der Deutschen Frauen-Turn- und Sport-Zeitung wussten genau, was die Gesellschaft von ihnen erwartete - »den Typ der Leichtathletin ... Schlank und geschmeidig steht er vor uns, dieser Typ, mit keuschen, braunen, nackten Gliedern«, wünschte sich einer der vielen männlichen Autoren des Blattes.

»Frisch, fromm, fröhlich, frei!«, war das Credo der Weimarer Republik. Der neuen deutschen Turnbewegung lagen die Ideen des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) zugrunde. Knapp ein Jahrhundert nach seinem Tod, in den zwanziger Jahren, hieß es: »Der Kernpunkt von Jahns Wirken ist seine Absicht, dem vom bluttriefenden Fuß Napoleons niedergetretenen deutschen Volke ein geistig bereites und körperlich tüchtiges Geschlecht heranzuziehen, das das Vaterland vom Sklavenjoch befreit ...«. Von den Sportlerinnen wurden diese Losungen geradezu verinnerlicht. Eine Schwimmerin schrieb: »Wir Frauen ... sind berufen, dem Vaterlande ein neues Geschlecht zu geben, das Deutschland wieder groß und stark und frei macht. Und ein solches Geschlecht kann nur geboren werden aus Müttern, die gesund an Leib und Seele sind.«

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, setzten sie sich ins gemachte Nest: Ihre Propaganda für den Frauensport, auch im Bezug auf die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, blieb nahezu identisch mit der völkischen Gesinnung, die nach dem Weltkrieg die Weimarer Republik überdauert hatte. Während in England, wo der Startschuss für die neuzeitliche Sportbewegung der westlichen Welt gefallen war, der Wettkampf, Rekorde und messbare Leistungen im Vordergrund standen, beruhte in Deutschland der Sport auf nationalistischem Gedankengut, der »Wehrhaftmachung« des deutschen Volkes.

Die Nationalsozialisten ließen die Frauen wissen: »Die körperliche Schulung erstrebt in derselben straffen Planmäßigkeit durch individuelle Vorbereitung und Ertüchtigung zum großen Beruf als Mutter.« Den Hochleistungssport lehnten die Nazis zu Beginn generell ab, auch den der Männer. Es ging ihnen einzig um die gesunde Reproduzierbarkeit der »deutschen Rasse«. Erst als dem Propagandaministerium in Vorbereitung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin klar wurde, wie sich die Erfolge deutscher Sportler auf der internationalen politischen Bühne nutzen ließen, wurden die Fahnen im Gold rausch der Olympiade geschwenkt. Als im Zweiten Weltkrieg zunehmend auch männliche Spitzensportler an die Front muss ten, waren es die Athletinnen, die durch sportliche Siege die Macht der Nationalsozialisten international demonstrieren sollten.

Frühe Fälle des Dopings wurden vertuscht. Einen derartigen Fall dokumentiert ein Schreiben vom 13. Oktober 1938 des Chefs der Sicherheitspolizei an den Chef der Reichskanzlei: »Auf der Rückreise von den I. Leichtathletik-Meisterschaften der Frauen in Wien 1938 ist die Inhaberin des Weltrekords im Hochsprung ... zwei Mitreisenden durch unrasiertes Aussehen aufgefallen.« Eine unmittelbar eingeleitete Untersuchung stellte dann fest, dass es sich bei der betreffenden Person tatsächlich um einen Mann gehandelt habe. Auf Anweisung der Reichskanzlei sollte schließlich dafür gesorgt werden, dass in der Öffentlichkeit der Mantel des Schweigens darüber gedeckt wurde. Heraus kam die Geschichte dennoch, mit der Folge, dass auf Veranlassung des Reichssportführers zukünftig nur die Frauen zu nationalen und internationalen Wettkämpfen geschickt werden sollten, die per ärztlichem Attest die Eindeutigkeit ihres Geschlechts nachwiesen.

Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zum Sextest: Bei den Leichtathletik-Europa meisterschaften 1966 wurde die »Geschlechtskontrolle« international eingeführt, seit 1968 ist sie bei den Olympischen Spielen die Regel. Auf der anderen Seite wurden die Sportlerinnen und Sportler durch die Nationalsozialisten in keiner Form medizinisch betreut. Maxi Baier, Eispaarlauf-Goldmedaillengewinnerin bei den Winterspielen 1936, erinnert sich: »Überhaupt null, nichts. Absolut nichts. Also man konnte sich kaputtmachen oder nicht kaputtmachen ...« Und auch Sponsoren waren damals noch ein Fremdwort: »Es gab keinerlei Hilfen finanzieller Art oder so etwas. Es war absolute Privatsache für die, denen es Spaß machte.«

Diesbezüglich haben sich die Realitäten nach dem Krieg entschieden geändert. Mittlerweile hat es den Anschein, im Spitzen sport ginge es nur noch um millionenschwere Werbeverträge und neue synthetische Erfindungen auf dem Dopingmarkt, die die Maschine Mensch höher, weiter und schneller springen und sprinten lässt. Nach den verschärften Dopingkontrollen in den achtziger Jahren sind die Leistungskurven vorerst wieder runtergegangen, bei den Frauen deutlicher als bei den Männern. Die Grenzen der Höchstleistungen sind in nahezu allen Disziplinen erreicht und nicht einmal mehr durch chemische Keulen wesentlich zu steigern. Sportlerinnen laufen heute weniger Gefahr, ihr Geschlecht zu verlieren, als vielmehr Herz-Kreislauf-System und Stoffwechsel derartig durch leistungsfördernde Substanzen zu schädigen, dass sie frühzeitig sterben. Letztes prominentes Opfer war vor knapp zwei Jahren die US-Sprinterin Florence Griffith-Joyner. Mit 38 Jahren erlag sie ihrem zweiten Schlaganfall. Zeit ihres Lebens galt sie als das rennende Model auf der Piste. Sie war eine der ersten Top-Sportlerinnen, die Mode auch im Stadion salonfähig machte. An ihrer Weiblichkeit wurde nie wirklich gezweifelt, schließlich hatte sie ja eine Tochter geboren. Aber nach ihrem Tod war wieder von ihrem männlichen Muskelapparat, der tiefen Stimme, dem »frisch rasierten Schnurrbart« die Rede.

Sportwissenschaftlerinnen haben zurecht festgestellt, dass Frauen durch die Teilnahme am Leistungssport keineswegs dem Weiblichkeitszwang entkommen sind. Frauen wie die kenianische Marathonläuferin Tegla Loroupe bezahlen einen hohen Preis für ihre Sportkarriere. Loroupes Vater, der vier Frauen und 25 Kinder hat, hatte auch für seine Tochter Tegla die ostafrikanische Hausfrauen- und Mutterrolle vorgesehen. 1991 verließ Tegla Loroupe mit 18 Jahren ihre Heimat, um jetzt im Rennstall ihres deutschen Trainers zu leben und rund eine halbe Million Mark im Jahr einzulaufen. Für ihre Zukunft legt sie dieses Geld in Immobilien in der Heimat an. Verzichten tut sie dafür auf jegliche persönliche Beziehungen, auch zu ihren kenianischen Landsmännern, mit denen sie in Detmold bei ihrem Trainer Volker Wagner zusammenlebt. Sex ist für sie absolutes Tabu, eine ungewollte Schwangerschaft beispielsweise würde sie in Kenia zur persona non grata stempeln.

Dass Loroupes Landsmänner entgegen ihrer Kultur in Deutschland sogar an den Kochtöpfen stehen müssen, stößt in der Sportberichterstattung auf keinerlei Interesse. Auch nicht, welchen Preis die dürren Spitzenmänner für ihre Zeiten unter zwei Stunden und zehn Minuten zahlen. Ihre Kolleginnen hingegen müssen sich immer erklären, auch Loroupe, warum sie bei 1,52 Meter Körpergröße nur 39 Kilo wiegt. Immer wieder ist von Magersucht die Rede. Auch wenn die Männer ebenso durch eiserne Disziplin, Diäten und auch Anabolika ihre Leistungsgrenzen überwinden, sind es die Sportlerinnen, die sich deshalb permanenter Kritik stellen müssen.

»Wer diese Schwimmerinnen gesehen hat ... wird erschrocken gewesen sein beim Anblick dieser enormen Muskelpakete des Schultergürtels und der Arme. Diese Muskeln würden Möbelpackern zur Ehre gereichen, nicht aber Mädchen und jungen Frauen: konvexe Muskelberge da, wo man sie bequem vermissen kann, unter dem Oberarm und auf der Rückenpartie, konkave Leere dort, wo das Ewig Weibliche sich normalerweise konvex anbietet in Brusthöhe. Schlimmer noch: die Stimme wird tiefer, der Haarwuchs an Brust und Bein stärker - Kennzeichen der Roboterriege der DDR-Schwimmerinnen«, schrieb 1976 der Spiegel. Die FAZ bemerkte anlässlich der Olympischen Spiele 1972 in München: »Olympia bekommt schönere Töchter von Jahr zu Jahr. In München hat nur eine den Sextest nicht geschafft. Alle anderen bestanden die Prüfung ihrer Weiblichkeit. Eine Prüfung, die eigentlich gar nicht mehr nötig war. Denn das Männervolk, abschätzend, lüstern und bewundernd, hatte den tauglichsten aller Tests schon vorgenommen. Einen Flirt war jede wert.« Einige Jahrzehnte weiter hat sich an der sexistischen Sportberichterstattung nicht viel geändert. Was kaum verwundert, denn unter den Sportjournalisten sucht man Frauen nach wie vor wie die altgediente Stecknadel im Heuhaufen. Die SAT 1-Sportsendung ran weigert sich bis heute, etwa Fußballspiele von einer Frau kommentieren zu lassen.

»Wann ist ein Mann ein Mann?«, fragt Herbert Grönemeyer in einem seiner Hits. Die Komposition zur Frage »Wann ist eine Frau eine Frau?« gibt es bisher nicht. Im Sport könnte man aber noch heute mit einem alten Schlager antworten: »Er steht im Tor, im Tor, und sie dahinter«. Dieser Tage stürzen sich die Medien wie die Geier auf jede Blähung von Steffi Graf am Spielfeldrand von Andre Agassi, nur um am Ball zu sein, wenn endlich das erste Kind kommt. Niemand fragt mehr nach der Tenniskompetenz der Ex-Weltranglistenersten. Wenn Läuferinnen wie Katrin Krabbe dem Doping mit Clenbuterol überführt werden, bricht auf den Sportseiten eine Welt zusammen. Dem Zahnpastamissbrauch von Dieter Baumann begegnet man dagegen mit möglichst viel Witz. Ein Segen, dass bei den Wettkämpfen noch mit den gleichen Messlatten Maß genommen wird. Und zur Olympiade in Sidney werden wir wieder ausführlichst darüber informiert werden, warum die elfenartigen Turnerinnen durch Medikamente ihre Regel hinauszögern oder durch knallhartes Training das Ausbleiben ihrer Tage provozieren: Um auf Biegen und Brechen dabei zu sein - im knabenhaften Format.

00:00 15.09.2000

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