Oma ist schon drin

Silver Surfer Die Multimedia-Branche entdeckt Senioren als die neue Technik-Avantgarde. Sie simsen, chatten, surfen und halten via Webcam und Skype Kontakt zu den Enkeln

Die alte Dame fühlt sich vernachlässigt. Beim Frühstück liest ihr ergrauter Gatte in seinem E-Paper, ohne aufzuschauen. Auf eine direkte Ansprache reagiert er nicht. Wutentbrannt schickt sie aus dem Nebenzimmer ein Fax: „Ich habe deine Zigarren zerdrückt.“ Er sendet per Handy ein Bild zurück, auf dem er ihren Damenhut zerschneidet. Ein virtueller Ehekrach entsteht. Faltige Finger klappern über Laptop-Tastaturen, bedienen Blackberries und Videokameras – ein Rosenkrieg der Digitalbilder, die Gemeinheiten zeigen. Dann unterbricht ein Klingeln an der Tür den Streit. Ein Bote reicht einen vor Tagen online bestellten Blumenstrauß, es folgt die Versöhnung im Türrahmen. „Egal, wie Sie kommunizieren: Ihre Nachricht kommt immer an“, beendet eine Stimme aus dem Off den Werbespot von Siemens.

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Glaubt man Siemens, sieht so die Zukunft aus. Die Branche entdeckt die Silver Surfer, aktive Senioren ab 60, die vor allem digital kommunizieren. Alte Menschen entwickeln sich damit zur neuen Technik-Avantgarde. Sie chatten, surfen im Netz und halten via Webcam und Skype Kontakt zu den Enkeln. „Sie verändern die Art, wie wir altern“, heißt es selbstbewusst auf der Homepage der Silver Alliance, einer Organisation der rüstigen Renter. „Diese Generation maximiert das digitale Leben.“

Mit jenen Alten, die in Volkshochschulkursen mühsam den ersten Umgang mit Maus und PC lernen, hat die Zielgruppe wenig gemein. Denn während diese meist noch pensioniert wurden, ohne jemals in ihrem Arbeitsleben mit Computern in Kontakt gekommen zu sein, kommt jetzt eine Generation ins Rentenalter, die ganz selbstverständlich mit Laptops, Mobiltelefonen und MP3-Playern agiert. Und die auch weiterhin mit den technischen Entwicklungen Schritt halten will. Im Gegensatz zu Studenten und vielen Berufstätigen haben die fitten Alten Zeit und Geld dafür.

Laut sta­tistischem Bundes­­­­­­­­­­­­­­­­amt liegt knapp die Hälfte des verfügbaren Einkommens in den Händen der Generation 60plus. Diese Gruppe macht mehr als ein Drittel der in Deutschland lebenden Bevölkerung aus, Tendenz steigend. Die Bedürfnisse der Senioren haben sich dabei rapide verändert. Sie leben länger zuhause, die Kin­­­­­­­­­­­­­­­­­­­der meist weit entfernt. Damit steigt der Auf­­­­­­­­­­­wand für Kommunikation.

Deutschland hinkt hinterher

Umso erstaunlicher, dass diese Käufergruppe in Deutschland bisher noch vernachlässigt wird. Grund dafür ist ein weit verbreitetes Missverständnis. „Senioren werden immer mit Krankheit oder Behinderung gleich gesetzt“, sagt Sebastian Glende, Ar­bei­­tsgruppenleiter der „Senior Research Group“ an der Technischen Universität Berlin. „Aber hier geht es nicht um den Gesundheitssektor, sondern um aktive Senioren, die zwar unterschiedliche Fähigkeiten haben, aber sich alle noch sehr fit fühlen.“

Glendes Arbeitsgruppe besteht aus zwanzig Männern und Frauen zwischen 55 und 97 Jahren, die als Testgruppe interessierten Firmen bei der Produktentwicklung helfen. Ein Angebot, das vor allem kleinere Firmen annehmen. Bei großen Firmen würde man eher nach dem Feedback der Käufer die Produkte verändern, sagt Glende. „Es gibt große Angst vor einem Imageverlust. Man will immer jung und dynamisch wirken.“

Ein interessantes Experiment wagte 2006 die Firma Fujitsu Siemens mit dem Simplico-Computer. Es war ein Versuch, den „seniorengerechten“ PC zu entwickeln. Eingeflossen sind sowohl Erkenntnisse über körperliche Beeinträchtigungen des Alters, als auch über die Schwierigkeiten, die eine mechanisch aufgewachsene Generation im digitalen Raum bekommt, wenn es um Dateien und Untermenüs geht.

Der Simplico-Computer hatte eine ergonomische Tastatur mit großen Buchstaben und Farben, aber nur einen bescheidenen Arbeitsspeicher. Dazu gab es speziell entwickelte Software mit Farbleitsystem, die sich auf die vier meist genutzten Computerfunktionen beschränkte: Textverarbeitung, Spiele, E-Mails, Medienwiedergabe – aber kein schnelles Surfen im Netz. Der Computer floppte auf der ganzen Linie.

Man habe die Sache nicht mehr weiter verfolgt, sagt Firmensprecherin Melanie Wolf. „Eine Umfrage hat ergeben, dass die Leute sich schon etwas wünschen, was einfach ist, aber sie wollen trotzdem das Modell, das auch jeder andere benutzt.“ Technikinteressierte Menschen wollen auf dem aktuellen Stand sein. Senioren bilden da keine Ausnahme. Wer bis vor kurzem noch mit dem PC gearbeitet hat, braucht vielleicht eine entsprechende Tastatur für die schlechter werdenden Augen, aber keine Software für Fünfjährige.

Hightech und einfach zu bedienen – diese beiden Kriterien schließen sich in den meisten Entwicklungsabteilungen oft noch gegenseitig aus, sagt Silja Harm von der Beratungsfirma Sirvaluse. Harms Firma testet Elektrogeräte auf Nutzerfreundlichkeit, mit einer Probandengruppe, die nach Wünschen des Kunden zusammengestellt wird. Senioren sind darin oft nur in niedriger Zahl vertreten. „Bei der Produktentwicklung herrscht noch zu oft die Ingenieursdenke“, sagt Harm. „Man geht davon aus, dass alles, was technisch brilliant ist, auch leicht bedienbar ist.“ Ein Trugschluss, den Nutzer aller Generationen nachvollziehen können. Mit einem Unterschied: Jüngere seien leidensfähiger, sagt Harm. Sie sind weniger leicht zu frustrieren, geben sich mehr Mühe, die schwierige Bedienung eines technischen Geräts zu erlernen.

Ein Blick nach Amerika zeigt, wie es anders laufen könnte. „In den USA hat die Abteilung Nutzerfreundlichkeit den gleichen Stellenwert wie das Marketing“, so Harm. Was derzeit unter „eldertronics“ gefeiert wird, ist also nur ein Symptom für ein viel größeres Phänomen.

Technik-Design für alle

Denn in jedem Alter reagieren Menschen auf die elektronische Reizüberflutung zunehmend durch bewusste Reizreduktion. Statt besonders einfach bedienbare Geräte als senioren- oder behindertenfreundlich abzuqualifizieren, reift bei vielen Firmen langsam die Erkenntnis, dass auch junge Menschen manchmal einfach nur telefonieren wollen, wenn sie ein Mobiltelefon kaufen. Dass sie weder an polyphonen Klingeltönen noch einem stündlichen Wetterbericht interessiert sind. „Seniorentelefone“ werden nach Auskunft von Fachmarkt-Mitarbeitern nicht nur von Senioren gekauft, sondern gerne auch von jungen Leuten und Familien mit Kindern.


„Design for all“ ist daher das neue Stichwort, das auch den Weg in die Werkhallen von Siemens gefunden hat. Dort versucht man mittlerweile gezielt, durch einfach bedienbare Produkte breitere Käufergruppen anzusprechen, Senioren inklusive. Nicht explizit. „Wir machen keine Spezialgeräte für bestimmte Altersgruppen“, sagt Gerhardt Fuchs, der bei „Bosch Siemens Hausgeräte“ für das Technik-Design zuständig ist. Aber von der Rücksicht auf Senioren profitieren alle. Denn nicht nur alte Menschen haben Interesse an einem neuen Küchenherd, auf dem die Platten nebeneinander angeordnet sind statt hintereinander, damit man die schweren Töpfe nicht übereinander heben muss. Oder an Backöfen, die sich von selbst reinigen. Schöne neue Technik-Welt, dank Oma.

Hier der Siemens-Silver-Surfer-Spot:


DSDS Videos: alle Castings, Recalls und Mottoshows bei Clipfish.de


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05:00 23.04.2009

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