Oma war dagegen

9/11 Der Tag gilt als Zäsur. Aber was soll das für „die USA“ bedeuten? Unser Autor sucht vergeblich nach einer einenden Erzählung
Oma war dagegen
Mit Krieg geht es immer schlimmer aus, als man denkt, sagte Oma noch am Telefon

Foto: Rick Friedman/Corbis/Getty Images

Als die Türme zusammenbrachen, schleppte ich Kartons vom Haus meiner Oma zum Umzugswagen. Das Altersheim wartete. Ich wusste nicht, ob ich wegen der vielen Toten oder wegen der tristen neuen Unterkunft meiner geliebten Oma weinte, als wir endlich fertig waren. Aber zum Trauern war ohnehin nicht viel Zeit. Zwei Tage später fuhr ich mit meinen Eltern von Traverse City, Michigan, nach Chicago, wo ich ins Studentenwohnheim zog. Auf dem Campus herrschte das Gefühl vor, dass der Sears Tower weit weg war. Vorsichtshalber mied man Downtown, bis sich alles wieder beruhigt hätte.

Niemand war ernsthaft gegen den Krieg in Afghanistan. Wir waren angegriffen worden. Der Gedanke, nichts zu tun, erschien so absurd, wie im Regen stehen zu bleiben und zu hoffen, dass man nicht nass wird. Wir gewöhnten uns an die neuen Sicherheitsmaßnahmen auf den Flughäfen, selbst wenn wir dabei spürten, dass ein Stück Menschenwürde verloren ging. The Department of Homeland Security hörte sich zwar an wie etwas aus Orwell oder Huxley. Aber man sprach von „interagency cooperation“ und „intelligence sharing“ – und verstand, was das hieß: Man hätte das alles verhindern können. Alle hatten Bescheid gewusst, doch niemand konnte es deuten. Das Wichtigste war, etwas zu tun.

Bei der Anmeldung an der Uni fragte mich ein Reporter des Chicago Tribune, wie das alles für die junge Generation so sei, und ich meinte, dass ich dagegen sei – gegen die bedrohlichen, immer schneller wachsenden Sicherheitsapparate, gegen die Annahme, es gäbe böse Menschen auf dieser Erde, die uns angegriffen haben, weil sie unsere Freiheit hassten. Vor allem war ich gegen Bush. Ich war gegen seine Politik, aber vor allem war ich gegen seine Dummheit, gegen seine Down-home-aw-shucks-I’m-just-a-cowboy-miss-Fassade. Ich fand seine Politik schlecht. Aber vor allem fand ich ihn peinlich, als hätte man einen Zwerg im Vorgarten Amerikas platziert.

Erstmal Jura studieren

Aber ich hatte, wenn ich ehrlich bin, Besseres zu tun. Politik war was für die anderen. Studentenproteste gehörten in die Vergangenheit. Die wenigen, die nach Washington fuhren, um gegen den Irakkrieg zu marschieren, wirkten ein bisschen altmodisch, ein bisschen muffig. Als wollten sie ’68 spielen. Als wollten sie die Jugend ihrer Eltern wieder aufleben lassen. Und auch sie waren größtenteils nicht anders – alle sprachen davon, dass sie zuerst Jura studieren oder sich einen Ruf in der Politik machen müssten, um dann später wirklich etwas ändern zu können. Die Einzigen, die mit der Politik nicht zögerten, waren diejenigen, die direkt nach dem Anschlag oder nach der High School zum Militär gingen. Und davon gab es viele. Meine Mutter berichtete immer wieder von einem Nachbarskind oder einem Klassenkameraden meines Bruders, der heute in Fort Bragg, ab nächsten Monat in Kabul wäre. Ich hörte nur mit einem Ohr zu, wie Teenager es oft tun, wenn sie mit ihren Eltern telefonieren.

Meine Oma sah ich nie wieder. Ein paar Mal rief ich sie zwar an, aber sie war fest davon überzeugt, dass ein solches Ferngespräch unglaublich teuer sein musste, und legte schnell wieder auf. Sie dachte ständig ans Geld. Sie war als Einwandererkind während der Weltwirtschaftskrise groß geworden und hatte sich daran gewöhnt, jeden Penny zu zählen. Ich verbrachte einen großen Teil meiner Kindheit bei ihr und hörte begierig zu, wenn sie mir Geschichten erzählte, die heute unvorstellbar erscheinen. Sie sprach von ethnischen Verunglimpfungen – „Mick“, „Dago,“ „wop“, „proddy dog“, „hunky“ –, die längst vergessen waren, aber eben auch davon, dass der ganze Groll, den man aus Europa mitgebracht hatte, zur Seite gelegt worden sei, wenn man im Herbst die Straße sperrte, um gemeinschaftlich Apfelkraut in riesigen Töpfen zu kochen. Sie kaufte später immer welches von den Amish, wenn sie Verwandte in Pennsylvania besuchte, sagte aber immer dazu, dass ihr nicht der Geschmack fehlte, sondern die Tatsache, dass alle – ganz gleich, ob sie zu Hause eher Spaghetti, Gulasch oder Lamb Stew aßen – wochenlang stechend süß nach Äpfeln dufteten.

Die Erzählung kam für mich aus einer anderen Welt. Als ich Kind war, kam man nur in größeren Gruppen zusammen, wenn man Eintritt bezahlte, und meistens kannte man die anderen, die mit auf dem Volksfest waren, nicht. Die kamen von weither angereist, um ihr hart verdientes Geld gegen ein Konzert, einen Coney-Island-Dog und eine Fahrt auf der Achterbahn zu tauschen. Die meisten Erwachsenen erzählten nur von der Großstadt und dass wir froh sein könnten, nicht in den engen, lauten Reihenhäusern in Detroit oder Flint groß geworden zu sein, sondern auf dem Land. Die Generation meiner Eltern behauptete, sie wäre für die schönen Seen und die idyllische Natur in den ländlichen Norden gekommen. Später kam mir der Gedanke, dass sie Zuflucht vor der Deindustrialisierung suchten – oder sie waren von ihrem Rassismus getrieben und wollten so weit wie möglich entfernt sein von den Schwarzen, die zunehmend Arbeit in den Autofabriken suchten.

Das Ausmaß an Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie, das die Zeit meiner Oma prägte, steht außer Frage. Aber dennoch war, was sie beschrieb – man kam zusammen, kochte und aß, genoss die Nachbarschaft –, etwas wert. Als es hieß, man müsse für den Krieg gegen die Nazis Lebensmittel rationieren und Victory Gardens einpflanzen, tat man es. Ford und GM und Chevy bauten jahrelang keine Autos, sondern Rüstung. Jetzt heißt es, es könnten bis Weihnachten weitere 100.000 Amerikaner an Corona sterben, und man fragt sich immer noch, wo die Beatmungsgeräte herkommen sollen.

So viel kann ich sagen: Meine Oma war nach 9/11 die Einzige, die ich kannte, die glaubhaft gegen den Krieg in Afghanistan war. Und sie war nicht einmal wirklich dagegen. Als ich sie anrief und danach fragte, um sie noch eine Minute am Apparat zu halten, sagte sie nur müde: „Mit Krieg geht es immer schlimmer aus, als man denkt.“

Ich war in der Luft, als die Nachricht von den 13 Amerikanern kam, die vor dem Flughafen in Kabul starben. Fünf von ihnen waren erst 20 Jahre alt. Sie wurden also zeitgleich mit dem Krieg geboren, in dem sie gestorben sind. Ich flog gerade mit meinen beiden Töchtern von Berlin nach Traverse City, um meine Eltern zu besuchen. Der erste Besuch seit Corona, das erste Mal, dass wir das Gefühl hatten, es wagen zu dürfen. Oder zumindest hatten wir das Gefühl, als wir die Karten buchten, noch vor Delta und Lambda und My. „May God have mercy on their souls,“ sagte mein Bruder, als beim Festmahl die Frage der Täterschaft aufkam, „for we shall have none.“ Dann, mit einem heftigen Kopfschütteln: „Biden“. Als wäre selbstverständlich, dass Biden allein die Schuld an der Tragödie trägt.

Nachher, als die Kinder schliefen und das Geschirr abgewaschen war, las ich auf Facebook, dass der Sohn eines Freundes mit einem akuten RSV-Infekt in einem überfüllten Krankenhaus in Texas lag. „Meanwhile, school has started with no mask mandate let alone a vaccination requirement in sight. All of which is to say, fuck Governor Abbott.“ Ich dachte an die Berliner Krankenhäuser und fragte mich, ob wir den Flug nicht doch hätten stornieren sollen. Als ich klein war, war man sich noch sicher, dass man in den USA die beste medizinische Versorgung der Welt bekommen könne. In den Einkaufsläden tragen nur ich und die Verkäufer eine Maske. Zwei Selbsttests kosten bei Amazon 100 Dollar.

Rechtfertigung für mein Land

Bevor ich an dem ersten amerikanischen Abend seit zwei Jahren schlafen ging, dachte ich daran, wie oft ich mich für mein Land gerechtfertigt hatte im Laufe meiner Jahre in Deutschland – wie oft ich behauptete, dass der Irakkrieg nicht dem Wunsch der Mehrheit der Amerikaner entspräche. Wie oft ich erzählte, dass der Rassismus in den USA zwar schwerwiegend war, aber dass die Bemühungen, dagegenzuwirken, auch viel konsequenter und leidenschaftlicher seien als in Deutschland. Meine Worte wurden mir mit Trump zum Verhängnis, aber als er noch im Amt war, bestand zumindest noch die Hoffnung, dass er eines Tages aus dem Amt entlassen würde. Jetzt scheinen die schlechten Nachrichten immer schneller zu kommen – seit ich in den USA bin, gab es Hurrikan Ida, das Abtreibungsverbot in Texas und das absehbare Ende jeglicher coronabedingter Sozialhilfe. Ich kann nur froh sein, dass meine Oma das alles nicht miterleben musste.

Peter Kuras kam 2004 zum ersten Mal nach Berlin, wo er als Autor und Übersetzer lebt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 11.09.2021

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 5