On ne regrette rien!

Charlie Hebdo Die deutsche Ausgabe des Satireblatts wurde eingestellt. So hat die Chefredakteurin das Jahr mit dem Experiment erlebt
On ne regrette rien!

Illustration: Juin/Charlie Hebdo

Verdammt! Ausgerechnet heute Abend, und ich bin ohnehin megaspät dran. Sieht nach einem größeren Polizeieinsatz aus, vielleicht eine unangekündigte Demo auf der Place de la République. Der Boulevard am Canal Saint-Martin ist verbarrikadiert, Taschen von Passanten werden akribisch mit Taschenlampen untersucht. Auf meine Frage, was passiert sei, bekomme ich die knappe Antwort, es handele sich um eine Geburtstagsfeier. Erst da begreife ich, dass es um uns geht. Dass Dutzende Gendarmerie- und Polizeiwagen hier stehen, weil wir in einer kleinen Runde von Kollegen Geburtstag feiern. Den 25. So lange gibt es Charlie Hebdo in seiner heutigen Form in Frankreich, dabei reichen die Wurzeln bis in die 1970er Jahre zurück. Diese Zeitung, die mich seit einem Jahr „an den Eiern hat“, wie man charliesk sagen würde. Es ist auch der Tag, an dem in Deutschland die letzte deutsche Ausgabe erscheint. An diesem Abend werden wir auch auf ein anstrengendes, verrücktes Jahr anstoßen, mit dem traurigen Gefühl, irgendwie zu früh den Schwamm (wie man auf Französisch sagt) geworfen zu haben.

Nicht mal 100 ehemalige und aktuelle Mitarbeiter, Autoren, Zeichner und Unterstützer sind in einer Bar versammelt, darunter die FEMEN-Aktivistin Inna Schewtschenko im knappen schwarzen Lederkleid. Ich muss unweigerlich an die Titelseite vom Januar 2016 denken, genau ein Jahr nach dem islamistischen Anschlag auf die Redaktion, bei dem zwölf Kollegen starben: „Sie haben die Waffen, scheiß drauf, wir haben den Champagner!“ Der Abend gehört dem Schwelgen in Erinnerungen, auch an Charlies kleinen deutschen Bruder, den wir unter uns Kalle nennen und der nur ein winziges Kapitel in der Geschichte der Zeitung ist.

Das Abenteuer begann im Sommer 2016, in einem Restaurant irgendwo in Paris, in das ich eingeladen wurde, ohne zu wissen, was die Charlies eigentlich vorhatten. Charlie Deutsch war eine von so vielen spontanen Ideen, die ich später in der Redaktion live miterleben durfte. Aber ich verstand schnell, dass das Wagnis der bedrückenden Zeit ein Ende setzen sollte, eine Art Wiederauferstehung, mit der man sich beweisen wollte, wir sind noch da, uns fällt noch was ein.

Wir einigten uns darauf, das Blatt in Deutschland 24 Stunden später als in Frankreich herauszubringen, ein völliges Novum für die Presse. Alle französischen Zeichnungen musste der Gestalter in der deutschen Übersetzung nachzeichnen, mit Pinsel und Tusche in der Schriftart jedes Karikaturisten. Das Anachronistische, Handgemachte, das Papier ist Charlie heilig. Auf dem großen Redaktionstisch häufen sich Pinsel, Stifte, Farbpaletten, Kleber und Scheren wie in einer Kita-Bastelgruppe. Zum Leidwesen der Computerleute, die warten müssen, bis die Farben getrocknet sind, damit die Werke in die Druckfahne eingefügt werden können.

Schwer übersetzbarer Tonfall

Die Übersetzer und deutschen Lektoren kämpften zur gleichen Zeit mit den ernsten Themen der Texte, mit dem genervten, mitunter schwer übersetzbaren Tonfall und mit Tausenden Sprechblasen in Zeichenreportagen und Karikaturen. Es sollte keine deutsche Zeitung sein, sondern eine französische Zeitung auf Deutsch. Keine Titanic, kein Eulenspiegel, kein Schenkelklopferblatt. Dass man so automatisch in eine Nische rutscht, zumal mit einem einen Euro höheren Verkaufspreis, liegt auf der Hand. Dennoch war das Interesse beim Start am 1. Dezember 2016 immens, ebenso wie der Verkaufserfolg in den ersten Monaten. Dass jede Publikation Hochs und Tiefs durchlebt und es gilt, einen langen Atem zu behalten, kam uns erst nach und nach ins Bewusstsein.

Ein Jahr ist eine verdammt kurze Zeit, um eine neue Leserschaft mit einem Humor und mit Themen vertraut zu machen, für die Charlie in Frankreich seit 25 Jahren steht. Für Laizismus, also die Trennung von Kirche und Staat, die in Deutschland lange kein Thema war (es in den nächsten Jahren sicher werden wird). Für Umweltschutz, in einer Nation, die noch immer überwiegend auf Atomkraft setzt. Und für Frauenrechte, in einem Land, wo der Übergang zwischen Flirt, Anmache und Belästigung fließend ist. Und dann dieses historische Wahljahr 2017, ein beispielloses Possenspiel. Le Pen, Mélenchon, Fillon, Affären, Intrigen und der unaufhaltsame Aufstieg des Emmanuel Macron. Der anfängliche Elan für Deutschland, mit Reportagen aus Köln, Gelsenkirchen oder bei der Bundeswehr in Hamburg, machte Platz für die unvorhersehbaren Wendungen der französischen Politik, während Deutschland in einen merkeligen Dornröschenschlaf verfallen schien. Hinzu kommt die harte Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Traditionslinien der Linken in Frankreich. Republikanische Prinzipien versus eine Strömung, die sich den Gewerkschaften verbunden fühlt und auf der Seite der gesellschaftlich Abgehängten positioniert, was in Frankreich vor allem Muslime betrifft. Der Ausdruck islamo-gauchisme, die Islamo-Linke, ist zum Kampfbegriff geworden. Auch dies ist eine Debatte, die für deutsche Leser nur schwer vermittelbar ist, vielleicht aber gar nicht so abwegig ist, wie es scheint.

Ein Jahr ist auch eine kurze Zeit, um aus Fehlern zu lernen, Dinge zu verändern und neu zu denken. Umso schwieriger in einer Redaktion, die seit drei Jahren nicht nur unter außergewöhnlich rigiden Sicherheitsvorkehrungen arbeitet, sondern auch mit einer Vergangenheit ringt, die nie zu vergehen scheint. „Je suis Charlie“ fühlt sich heute an wie ein Damoklesschwert. Ungewollt zum Symbol der Meinungs- und Pressefreiheit zu werden, ist eine Last, wenn man eigentlich „nur“ provozierende, verstörende und manchmal Gaga-Zeichnungen veröffentlichen will und Texte, die den perversen Zustand der Welt kritisieren. Immer erhebt irgendwer angepisst die Stimme, weil er doch eigentlich „Je suis Charlie“ war und nun auf despektierliche Weise auf der Titelseite gelandet ist.

Zum Glück waren da die deutschen Zeichner mit ihren Vorschlägen, froh darüber, dass Charlie ihre kreative Arbeit in den Mittelpunkt stellt. Dass man sich nicht mit zwei Männchen zufriedengibt, die sich in Sprechblasen einen „witzigen“ Dialog liefern, oder mit Fotomontagen von Merkel und Co. Das Metier des Pressezeichners hat in Frankreich eine lange Tradition, mit einer Schärfe, die für die Deutschen ungewohnt ist und die man ihnen nicht in so kurzer Zeit überstülpen kann.

Nach einem Jahr wird man gewahr, dass die Themenauswahl und das langsame Heranführen an den Charlie-Humor (der nicht der Humor aller Franzosen ist) Zeit brauchen. Zeit, die man unter den heutigen Bedingungen für gedruckte Presse nicht hat. „Produkte“ müssen sich verkaufen, denn 60 Prozent der Kosten schluckt allein der Vertrieb. Keine Zeit mehr, um den kleinen Kreis deutscher Autoren zu erweitern, damit die Beschäftigung mit Deutschland nicht an der Oberfläche stecken bleibt. Aber jede Woche eine „zweite“ Zeitung zu produzieren, ist ein immenser Aufwand, den die noch immer viel zu kleine Redaktion unterschätzt hat. Durch die Exporterfahrung, so höre ich am Geburtstag von vielen Kollegen, hat die Zeitung auch viel über sich selbst gelernt. On ne regrette rien! Bedauern über das Wagnis gibt es nicht. Und die Reaktionen der deutschen Leser ermutigen, das Abenteuer weiterzudenken. Vielleicht in einer anderen Form, ganz sicher „deutscher“ als bisher. Aber nicht weniger empört und mit Leidenschaft für das Abwegige und Handgemachte. Der erhobene Zeichenstift ist die wichtigste Botschaft, für die Charlie steht.

Minka Schneider ist Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo

06:00 08.12.2017

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